Israel/Gaza

So erlebte die Israelin Chen Goldstein-Almog die Geiselhaft im Gazastreifen

Chen Almog-Goldstein während eines Interviews im Dezember in Tel Aviv nach ihrer Befreiung aus der Geiselhaft Foto: Reuters

Im Kibbuz Kfar Aza war es ein normaler Morgen. Die 49-jährige Chen Goldstein-Almog, ihre vier Kinder und ihr Mann schliefen, als am 7. Oktober um 6.30 Uhr ein Alarm losging. Dem »Spiegel« erzählte die im November mit ihrer Tochter Agam und ihren Söhnen Gal und Tal freigelassene Geisel, wie sie nach Gaza gebracht wurden – und von den Morden an ihrer anderen Tochter Yam und ihrem Mann Nadav.

Aufgrund des Alarms seien »sofort alle in den Schutzraum gerannt, das Schlafzimmer meiner ältesten Tochter Yam«, sagte die 49-jährige Chen Goldstein-Almog dem Hamburger Nachrichtenmagazin. »Irgendwann hörten wir ein ›Bumm‹ im Haus, dann war es still.« Mit einem Kabel versuchte die Familie, die Tür zum Schutzraum zu verriegeln – ohne Erfolg.

»Plötzlich waren die Terroristen im Haus. Sie schossen auf die Tür, Nadav nahm ein Brett von Yams Bett, um sich zu verteidigen. Dann kamen sie herein, ich kann mich nicht daran erinnern, Schüsse gehört zu haben, aber Nadav fiel zu Boden. Ich sah zwei oder drei Einschusslöcher in seiner Brust.« Ihr Mann war tot. Der schreckliche Tag hatte seinen ganzen Horror entfaltet.

Sieben Minuten bis Gaza

»Sie befahlen uns, wir sollten uns anziehen, wir hatten ja nur Schlafanzüge an. Yam schaffte es nicht, ihre Jeans hochzuziehen, sie wurde nervös. Einer der Männer fand ihre Armeeuniform im Schrank«, so Chen Goldstein-Almog. Derweil habe sie draußen kurz nach ihren Söhnen sehen wollen.

»Als ich ins Bad zurückkehrte, sah ich, dass sie Yam erschossen hatten. Sie hatten ihr ins Gesicht geschossen. Jeden Tag in Gaza zwang ich mich dazu, dieses Bild nicht zu vergessen.«

In dem Interview spricht die ehemalige Geisel auch über die Verschleppung nach Gaza, in ihrem eigenen Auto, gesteuert von Terroristen. Nur sieben Minuten dauerte demnach die Fahrt in den bisher von der Hamas regierten Küstenstreifen. Dort wurden sie und ihre drei verbleibenden Kinder Agam, Tal und Gal 55 Tage lang festgehalten.

Atemprobleme und Panikattacke

»Da war ein Haus und ein Tunnel. Ein schwarzes Loch im Boden«, erinnert sich Chen Goldstein-Almog. »Es war das erste Mal, dass mein Sohn Tal weinte.« Sie wurden in einen Raum geführt, in dem sie weitere Geiseln aus ihrem Kibbuz trafen.

Eine Toilette gab es dort. »Aber ohne Spülung, der Geruch war stechend. Wenn jemand auf die Toilette wollte, bin ich mit ihm gegangen, nur um mich ein wenig zu bewegen, weil der Raum wirklich klein war.« Zwei Nächte später wurden die Mutter und drei Kinder umquartiert. Zunächst mussten sie im Tunnel schlafen.

»Meine Tochter Agam hatte Atemprobleme und eine Panikattacke«, erzählt die Kibbuz-Bewohnerin. Sie verstand nun, dass sie nicht so schnell wie erhofft freigelassen werden würden.

Angst und Psychoterror

»Agam und ich mussten eine Dschallabija und einen Hidschab anziehen. Das war schrecklich, es kam uns vor, als würden sie uns unsere Identität nehmen«, sagt Chen Goldstein-Almog. Dann waren sie in einer Wohnung, in der sie fünf Wochen lang von Terroristen festgehalten wurden: »Es gab einen, der etwas Hebräisch sprach, ein anderer sprach Englisch. Er bat Agam manchmal, ihm Hebräisch beizubringen.«

Sie hätten versucht, mit ihren Bewachern zu kommunizieren, erklärt Chen Goldstein-Almog. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten die Großeltern ihrer Bewacher getötet und vertrieben. Eine angespannte Atmosphäre sei dadurch entstanden.

Sie mussten nicht nur mit der Angst und der Langeweile, sondern offensichtlich auch mit dem Psychoterror zurechtkommen: »Weinen war verboten. Sie wollten, dass wir fröhlich sind. Aber jeden Tag gab es einen Moment, in dem einer von uns geweint hat.« Eine Privatsphäre gab es nicht.

Geschlossene Militärzone

Eines Tages hörten sie im Radio, dass ihr Kibbuz Kfar Aza zu einer geschlossenen Militärzone geworden war. »Wir waren geschockt, als wir verstanden, dass wir nicht dorthin zurückkehren konnten.«

Essen und Wasser bekamen die vier Geiseln zwar, aber es sei zu wenig gewesen. Der Krieg, der draußen tobte, war laut Goldstein-Almog »beängstigend«. Sie hätten gehört, dass andere Wohnungen um sie herum getroffen worden seien.

»Außerdem hatten wir die ganze Zeit Angst, dass sich unsere Bewacher gegen uns wenden könnten. Wir verstanden, dass sie nur Rädchen im System sind, und dass sie uns töten würden, wenn sie die Anweisung dafür bekämen.« Einmal hätten sie ihnen gesagt: »Wir werden zusammen sterben.«

Gestank nach Schimmel

Vor ihrer Freilassung mussten sie erneut in einen Terror-Tunnel hinabsteigen. »Die Bedingungen dort waren sehr schwierig«, so Chen Goldstein-Almog in dem »Spiegel«-Interview. »Der Raum in dem Tunnel war gefliest , auf dem Boden lagen Matratzen, die nach Schimmel stanken. Überall Sand, kaum frische Luft.«

Dann, nach Tagen des Hoffens und Bangens, erfolgte ihre Freilassung. »Wir wurden zu einem Platz gebracht, auf dem eine Menschenmenge wartete. Es war demütigend.« Der ganze Tag sei beängstigend gewesen, »bis zum letzten Moment«. im

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