Grenzgebiet

Skiurlaub auf Eis gelegt

Die meisten Kabinen bleiben leer: Skilift auf dem Golan Foto: Flash 90

Von den kilometerlangen Blechlawinen, die sich gewöhnlich in Richtung Zentrum schieben, war am vergangenen Samstag nichts zu sehen. Auf dem Rückweg aus dem Norden herrschte freie Fahrt. Keine Staus, keine Wartezeiten an den Tankstellen.

Die Besucher, die für gewöhlich an den Wochenenden nach Obergaliläa und in den Golan strömen, blieben weg. Die Hisbollah-Angriffe der vergangenen Woche verschrecken die meisten. Touristeneinrichtungen der nördlichen Gemeinden vermelden massenhafte Stornierungen.

Dabei hätte es die Saison des Jahrzehnts für den Norden Israels werden können. Dank der außergewöhnlich niedrigen Temperaturen in diesem Winter blieb der Schnee in den Höhenlagen liegen und verwandelte den Golan in ein Winterwunderland. Reiseverbände vermeldeten ausgebuchte Hotels in dem gesamten Gebiet bis in den März. Auch die Tagestouristen, die einen Schneemann bauen oder eine Runde Schlitten fahren wollten, tummelten sich zu Zehntausenden.

evakuiert Doch dann flogen die Raketen. Zuerst aus Syrien, dann von der Hisbollah aus dem Libanon. An einem Nachmittag wurde sogar das komplette Skigebiet auf dem Berg Hermon evakuiert, mehr als 1000 Gäste vom Militär vorsorglich in Sicherheit gebracht. Die Armee hatte befürchtet, dass die libanesische Terrororganisation speziell Urlauber ins Visier nehmen könnte. Mittlerweile heißt es wieder: »Ski und Rodel gut«, und die Betreiber hoffen auf rückkehrende Besucher. Doch noch bleiben sie aus. Bei vielen – besonders bei Familien mit Kindern – geht die Angst um.

Beni Livne und seine Freunde aus Tel Aviv hatten eigentlich vor, am Wochenende die Pisten unsicher zu machen. Ihre Snowboards hatten sie schon gewachst, Freitag früh sollte es losgehen. »Wir haben uns total gefreut. Aber dann kamen die Nachrichten über die Bomben und den Anschlag auf die Soldaten. Es ist nicht so, dass wir Angst um unser Leben hatten, die Stimmung aber hat es uns gründlich vermiest«, erzählt Livne enttäuscht. Also wanderten die Overalls und Snowboards wieder auf den Dachboden. »Wer weiß, ob wir sie in diesem Jahr überhaupt noch einmal auspacken können, denn die Skisaison in Israel ist ohnehin so kurz.«

storniert Niedergeschlagen ist auch Seffi Mor, Leiter der Tourismusabteilung im Kibbuz Merom Golan. »Der Januar war der beste Monat des letzten Jahrzehnts. Die Atmosphäre war vielversprechend – alles war restlos ausgebucht.« Mor geht zwar davon aus, dass sich die Sicherheitssituation weiter entspannt und es mit den Gästezahlen wieder aufwärts geht. Immerhin stünden die Buchungen momentan noch bei 70 Prozent. »Aber leider rufen uns täglich Leute an und fragen, wie weit der Kibbuz von der Grenze entfernt ist und wie die Lage aussieht.«

Er kann die Besorgnis verstehen, hofft aber inständig, dass die Leute schnell zurückkommen. Die Tourismusverbände der Region sprechen von bis zu 80 Prozent Stornierungen für Übernachtungen in den sogenannten Zimmerim und Hotels. »Und keine einzige neue Buchung«, sagt die Inhaberin einer kleinen Bed-and-Breakfast-Pension in Obergaliläa an der Grenze zum Libanon, die ihren Namen nicht nennen möchte – »um nicht noch mehr Leute zu verschrecken«, wie sie sagt.

»Es gibt hier doch praktisch immer irgendein Sicherheitsrisiko. Wir befinden uns nun einmal an der Grenze zu einem uns feindlich gesonnenen Staat. Das war noch nie anders, trotzdem geht das Leben für uns normal weiter. Und Fakt ist: Es ist gerade außergewöhlich schön hier. Außerdem tut die Armee alles, um uns zu beschützen.«

attackiert Stabschef Benny Gantz sprach am Wochenende über die Attacken aus Syrien und von der Hisbollah, bei der zwei israelische Soldaten getötet und sieben weitere verletzt worden waren. »Wir sind vorbereitet, stehen parat und werden das auch in den nächsten Tagen tun. Wir können nicht erlauben, dass der Norden ein Auffangbecken für Terroristen ist, die uns von allen Seiten attackieren.« Auch der Bürgermeister des regionalen Verwaltungsrates Golan, Eli Malka, kommentierte die jüngsten Geschehnisse: »Die Beziehungen zum Nachbarn Syrien haben sich kom- plett verändert. Die 40 Jahre der Ruhe auf dem Golan sind offenbar vorbei.«

Schmulik Chazan, Leiter des Tourismusverbandes Golan, sieht die Lage momentan ebenso wenig rosig. »Die Realität ist einfach nicht positiv. Es kommen immer mehr Stornierungen von Urlaubern bei uns an.« Auch komplette Schulklassen, die in den Schnee hätten fahren sollen, hätten bedauernd abgesagt und blieben nun zu Hause.

»Wir versuchen, den Menschen zu erklären, dass diese Gegend ganz anders ist als der Süden des Landes«, sagt Chazan. Dort tobte im Sommer fünf Wochen lang der Gazakrieg, der vielen Israelis immer noch in den Knochen steckt. »Es ist ja bei uns nicht so, dass ständig über den Zaun geschossen wird. Für alle, die es interessiert: Hier wohnen Tausende von Menschen, die ihren Alltag auch nicht ändern und ganz normal weiterleben. Die Routine hat bei uns schon wieder Einzug gehalten.«

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