Übung

Simuliertes Beben

Test für den Ernstfall: Soldaten nehmen in Holon an der Erdbebenübung teil. Foto: Flash 90

Mitten im Unterricht um elf Uhr krächzte es aus den Lautsprechern: »Dies ist eine Erdbebenübung. Geht sofort und ohne Umwege ins Freie!« Die Schüler wurden aufgefordert, sich auf Rasenflächen, Sportplätzen oder Feldwegen aufzustellen. Autofahrer überraschte die Ansage im Radio, auch Fernsehsendungen wurden unterbrochen. Am Sonntag begann in Israel das fünftägige Proben eines massiven Erdbebens mit Tsunami durch Armee- und Polizeieinheiten sowie Rettungskräfte.

Eine Woche lang befindet sich das Land im Ausnahmezustand – jedenfalls testweise. Neben den Proben zum Beben findet derzeit die größte Militärübung von Israelis und Amerikanern statt. Hier kommt die imaginäre Bedrohung von oben: Raketen regnen auf Städte und Dörfer herab. Premierminister Benjamin Netanjahu äußerte sich zu beiden Szenarien in ergreifender Schlichtheit: »Wenn Raketen fliegen, müssen alle nach drinnen, bebt die Erde, geht es raus. Es ist wichtig, sich das zu merken.«

Überfällig Zum ersten Mal in der Geschichte Israels werden die Folgen nach einem Beben simuliert. Denn schon lange geht die Angst vor »The Big One« um. Experten sind sicher, dass die nächste massive Erdplattenbewegung in der Region lange überfällig ist. Jetzt will man sich bereit machen für das Unausweichliche. Doch die landesweite Übung »Wendepunkt 6« hat gezeigt: Israel ist nicht vorbereitet.

Neben der Bereitschaft der Sicherheitskräfte soll die Übung vor allem Aufmerksamkeit bei der Bevölkerung wecken, die zwar mit Gefahren durch Raketen und Kriege umgehen kann, vom Verhalten bei Erdbeben jedoch kaum etwas weiß, wie der Fernsehsender Channel 10 berichtete. Doch die Mitarbeit der Menschen ließ zumindest zu Beginn der Übung zu wünschen übrig. Wenige hielten tatsächlich mit ihren Autos auf den Straßen an oder verließen ihre Häuser und Büros, um Sicherheit im Freien zu suchen.

Außerdem wurde nach Tag eins klar, dass es vor allem bei der Kooperation zwischen den verschiedenen Behörden massive Versäumnisse gibt. Regierungsangehörige bestätigten das. Die Sicherheitsteams wurden vor der Übung nicht mit Details vertraut gemacht, sondern sollten so reagieren, als handele es sich tatsächlich um einen Notfall. Da die Einsatzkräfte wenig koordiniert agieren, verzögerten sich Evakuierungen und medizinische Versorgung, hieß es in dem Fernsehbericht.

Kollaps Doch auch die Bausubstanz des Landes gibt Grund zur Besorgnis. Da das Gesetz zur Erdbebensicherheit bei Gebäuden erst 1980 erlassen wurde, sind die meisten Gebäude nicht sicher. Alles, was vorher errichtet wurde, entspricht nicht der aktuellen Norm und ist im Extremfall vom Kollaps bedroht. Ein Teil der Übungen zeigte das potenzielle Ausmaß der Katastrophe, sollte ein Erdbeben im jetzigen Zustand der Bausubstanz über die Bevölkerung hereinbrechen.

In einem Vorort von Tel Aviv wurden fiktiv 200 Schüler unter den Trümmern ihrer Schule begraben. Dramatische Bilder aus China oder Haiti, beide in den vergangenen Jahren Opfer großer Beben, kamen in den Sinn. Netanjahu kommentierte, dass die Präsentationen »äußerst realistisch dargestellt wurden, jedoch hoffentlich nie wahr werden«. Er betonte, dass »Wendepunkt 6« praktisch alle Stellen des Landes einbeziehe. »Je härter die Übung, desto leichter die Schlacht«, motivierte er die teilnehmenden Kräfte. Israel bereite sich, »ich glaube, besser als jedes andere Land der Welt«, auf ein derartiges Geschehen vor.

Zufall Ejal Eisenberg, kommandierender General des Heimatfrontkommandos, das die Übung leitet, sprach Tacheles: »Sogar ein moderates Beben würde einen viel größeren Schaden an Leben und Eigentum mit sich bringen als militärische Auseinandersetzungen. Ein Erdbeben in Israel ist gefährlicher als Krieg.«

Ob es Zufall war, dass zur selben Zeit die Gemeinschaftsübung israelischer und US-Militärs stattfand, ist nicht bekannt. Einen Monat lang üben um die 3.500 Soldaten der beiden Länder den Umgang mit Angriffen.

Das erdachte Szenario der Naturkatastrophe sah vor, dass die Erde zunächst in einer Stärke von 5,6 auf der Richterskala in der Region nahe des Roten Meeres wackelt. Anschließend folgt ein zweites Beben mit Stärke 7,1 in Obergaliläa. Die Monsterwellen des Tsunami richten derweil fast unvorstellbare Schäden in der Küstengegend, vor allem in Tel Aviv, an. Im dicht besiedelten Zentrum des Landes, wo fast die Hälfte der Bevölkerung lebt, könnten nahezu 100.000 Gebäude einstürzen, darunter 300 Schulen. Nach Auskunft des Heimatfrontkommandos sind mehr als zwei Drittel der Bauten nicht erdbebensicher.

Verwundet Die Konsequenzen wären verheerend: Mit 7000 Toten, mehr als 8000 Schwerverletzten und fast 10.000 Verschütteten müsste gerechnet werden. Zudem wären um die 170.000 Obdachlose zu versorgen. Es könnten Brände ausbrechen, giftige Stoffe frei werden, und als ob das nicht Katastrophe genug wäre, könnte der verwundete Staat von feindlichen Nationen angegriffen werden. Zweifellos wären die Hilfskräfte heillos überfordert.

»Könnte ich zwischen einem Beben und einem Raketenangriff wählen, es wäre eindeutig Letzteres«, gab Sicherheitsminister Avi Dichter zu – wegen der militärischen Abwehrfähigkeiten Israels und weil die Ausmaße eines Erdbebens so viel schlimmer wären. Damit der Staat nicht ins Schwanken gerät, appelliert Dichter an alle, »müssen wir bei uns jetzt unbedingt eine Kultur des Vorbereitetseins etablieren«.

Terror

Hisbollah greift Israel an: Mehrere Soldaten verletzt

Im Norden des jüdischen Staates werden zwei Soldaten in Krankenhäuser gebracht. Einer von ihnen ist schwer verwundet. Ein weiterer Soldat wird im Süd-Libanon getroffen

 08.05.2026

Vorwurf

»Kult-Rabbi« aus Meron verhaftet

Ein Gemeindeführer der Breslov-chassidischen Bewegung soll seine Autorität für sexuelle Übergriffe missbraucht haben

von Sabine Brandes  08.05.2026

Gesellschaft

Regierung will Rückkehrrecht ändern

Entsprechend des Entwurfs sollen künftig nur noch orthodoxe Übertritte zum Judentum anerkannt werden

von Sabine Brandes  08.05.2026

Tel Aviv

Erster Hantavirus-Fall in Israel registriert

Die betroffene Person soll sich vor mehreren Monaten während eines Aufenthalts in Osteuropa angesteckt haben

 08.05.2026

Jerusalem

Bennett verklagt Ministerin und Fernsehsender wegen Behauptungen über psychische Erkrankung

Der Oppositionspolitiker fordert laut israelischen Medienberichten Schadenersatz in Höhe von zwei Millionen Schekel (0,59 Millionen Euro)

 08.05.2026

Jerusalem/Washington D.C./Ankara

Israel und USA wollen neue Gaza-Flottille stoppen, bitten Türkei um Hilfe

Konkret geht es demnach um 15 Boote, die sich in türkischen Häfen befinden und Teil der sogenannten »Global Sumud Flotilla« werden sollen

 08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Tel Aviv

Sirenen und Schlagzeilen

Unsere Israel-Korrespondentin Sabine Brandes über das Arbeiten im Ausnahmezustand

von Sabine Brandes  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026