Interview

»Die Geiseln sind in Lebensgefahr«

Haggai Levine Foto: Itamar Shaul

Herr Levine, die am Samstag freigelassenen Geiseln sind sehr schwach. Wie steht es um ihren Gesundheitszustand?
Die erschütternden Bilder von Ohad Ben Ami, Eli Sharabi und Or Levy geben Einblick in die unmenschlichen Bedingungen, denen alle Geiseln ausgesetzt sind.

Diese Bilder bestätigen, wovor wir wiederholt gewarnt haben – die Geiseln befinden sich weiterhin in unmittelbarer, lebensbedrohlicher Gefahr. Über 494 Tage lang haben wir den Gesundheitszustand der Geiseln genau beobachtet, Daten analysiert und medizinische Berichte veröffentlicht, die auf Forschung, medizinischen Daten, Aussagen freigelassener Geiseln und klinischem Wissen basieren. Die Ergebnisse sind eindeutig und zutiefst alarmierend: Geiseln werden absichtlich ausgehungert und erhalten kaum Wasser. Sie ertragen extrem schlechte Hygiene, Mangel an frischer Luft und Sonnenlicht und sind über lange Zeit extremer körperlicher und psychischer Misshandlung ausgesetzt. Viele leiden unter medizinischer Vernachlässigung, selbst im Falle von Verletzungen und Krankheiten. Dies sind nicht nur entsetzliche Bedingungen, sie stellen einen unmittelbaren und lebensbedrohlichen medizinischen Notfall dar.

Gibt es ausreichend Erfahrungen für die Behandlung von Geiseln, die nach langer Gefangenschaft zurückkehren?
Das Wissen darüber ist begrenzt, vor allem, was Tunnel und extreme Enge angeht. Wir verlassen uns auf vorhandene Forschungen zu Gefangenschaft, Isolation und Kriegsgefangenen sowie auf Studien zu den Auswirkungen von Hunger, sensorischer Deprivation und chronischem Missbrauch. Medizinische Literatur, Aussagen von Überlebenden und klinisches Fachwissen zu extremer Deprivation helfen uns, die schweren physischen und psychischen Folgen längerer Gefangenschaft und das mit jedem Tag zunehmende Risiko irreversibler Schäden einzuschätzen. Unser Verständnis entwickelt sich ständig weiter, da wir aus Aussagen freigelassener Geiseln und medizinischen Befunden ihrer Behandlung lernen, sodass medizinische Fachkräfte Behandlungsprotokolle aktualisieren und die Rehabilitation verbessern können.

Wie gefährlich ist die Lage für die Geiseln, die noch in Gaza sind?
Sie befinden sich in akuter Lebensgefahr, sind gefährdet durch lebensbedrohliche Infektionen, Misshandlung, unbehandelte Verletzungen, Mangel an sauberer Luft und Wasser sowie Hunger. Sie leiden durch vorsätzliche Unterernährung an fortschreitendem Organversagen. Die kalten Winterbedingungen erhöhen das Risiko einer Unterkühlung weiter, die bei unterernährten Personen schnell zu einem Herzstillstand führen kann. Zusätzlich zu diesen schweren Gesundheitsbedrohungen sind die Geiseln ständiger körperlicher Gewalt und dem ständigen Risiko eines Mordes ausgesetzt.

Welche allgemeinen gesundheitlichen Folgen kann eine lange Gefangenschaft unter diesen Bedingungen haben?
Längere Gefangenschaft unter Hunger, Dehydrierung und systematischer Misshandlung verursacht schwere Schäden an mehreren Systemen. Unterernährung schwächt das Immunsystem und macht die Geiseln anfällig für lebensbedrohliche Infektionen und Sepsis. Der Verlust von Muskel- und Knochenmasse führt zu dauerhafter Behinderung, Herz-Kreislauf-Störungen und chronischen Schmerzen. Auch das Nervensystem wird schwer geschädigt, was zu Koordinationsverlust, kognitiven Beeinträchtigungen und autonomer Instabilität führt, die sich auf Herzfrequenz, Blutdruck und Verdauung auswirkt. Zu den psychischen Folgen zählen chronische Angstzustände, extreme emotionale Belastungen, Schlafstörungen und kognitiver Abbau, die alle noch lange nach der Freilassung anhalten.

Die freigelassenen Geiseln sprechen von unaufhörlicher psychischer Folter. Was geschieht dabei mit Menschen?
Systematischer psychischer Missbrauch, einschließlich erzwungener Isolation, Schlafentzug und extremer Angst und Gewalt, stört die normale Gehirnfunktion und Stressregulierung. Geiseln, die einem langanhaltenden psychischen Trauma ausgesetzt sind, entwickeln oft chronische emotionale Instabilität, Gedächtnisstörungen und Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung in das normale Leben. Um diese Auswirkungen zu bewältigen, bedarf es einer spezialisierten Traumabehandlung, einer langfristigen psychologischen Rehabilitation und einer strukturierten Physiotherapie, um sowohl die geistige als auch die körperliche Belastbarkeit wiederherzustellen. Der Weg zur Genesung ist lang und erfordert kontinuierliche, professionelle Intervention.

Was muss getan werden?
Alle Geiseln müssen sofort freigelassen und dringend medizinisch behandelt werden. Jeder weitere Tag in Gefangenschaft verschlechtert ihren Zustand, bringt ihr Leben in unmittelbare Gefahr. Und diejenigen, die nicht überlebt haben, müssen für eine würdevolle Beerdigung zurückgebracht werden. Die Welt kann nicht gleichgültig bleiben. Das Abkommen muss Bestand haben, bis alle Geiseln zu Hause sind.

Mit dem Arzt und Leiter des Gesundheitsteams beim Familienforum für Geiseln sprach Sabine Brandes.

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