Israel

»Sichtbare Verbindung«

Wie geht es weiter, wenn das Unbeschreibliche passiert? Ricarda Louk über ihre von der Hamas ermordete Tochter Shani, den Alltag mit dem Terror und ein besonderes Geschenk an sich selbst

von Michael Thaidigsmann  03.07.2024 08:44 Uhr

»In Israel fühle ich mich immer noch am wohlsten, gerade weil hier der Zusammenhalt so groß ist«: Ricarda Louk mit ihrer Tochter Shani Foto: privat

Wie geht es weiter, wenn das Unbeschreibliche passiert? Ricarda Louk über ihre von der Hamas ermordete Tochter Shani, den Alltag mit dem Terror und ein besonderes Geschenk an sich selbst

von Michael Thaidigsmann  03.07.2024 08:44 Uhr

Frau Louk, Ihre Tochter Shani wurde am 7. Oktober 2023 beim Nova-Musikfestival von Hamas-Terroristen ermordet. Die Bilder, wie sie blutverschmiert auf einem Pick-up-Truck liegt, gingen um die Welt. Kann man mit Worten beschreiben, was damals in Ihnen vorging?
Es war ein totaler Schock, als wir diese Bilder sahen. Mein Mann und ich dachten zunächst, das kann nicht sein, dass das Shani ist. Sie war doch nur auf ein Festival gegangen. In den drei Wochen nach dem 7. Oktober standen wir unter riesigem emotionalen Stress. Wir glaubten ja, dass Shani noch lebte. Und so versuchten wir, alles Menschenmögliche zu tun, was man als Familie in einer Situation wie dieser tun kann, damit sie freikommt. Ich zum Beispiel bin nach Deutschland geflogen und habe dort Politiker getroffen.

Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf?
In den Momenten, in denen ich etwas zur Ruhe kam, grübelte ich, wie es Shani wohl gehen würde, wo sie sich wohl befand, ob sie in einem Tunnel ausharren musste oder doch in einem Krankenhaus in Gaza war, und was man mit ihr anstellen würde. Solche Gedanken … Das war wirklich die schrecklichste Zeit, diese drei Wochen. Dann bekamen wir Ende Oktober den Befund, dass Shani nicht mehr am Leben sei, dass man sie schon am 7. Oktober tot nach Gaza mitgenommen habe. Das war, so seltsam es auch klingen mag, eine Erleichterung für uns. Wir waren zwar unendlich traurig. Aber wir wussten nun: Sie wird nicht mehr gequält, sie muss nicht mehr leiden. Das gab uns dann einen gewissen Abschluss.

Wie geht es Ihnen heute, mehr als acht Monate danach?
Es geht unserer Familie relativ gut. Wir sind ein Stück weit darüber hinweg. Dabei hat auch geholfen, dass wir Shanis Leiche zurückbekommen haben, dass wir sie hier begraben und richtig von ihr Abschied nehmen konnten. Hinzu kommt: Wir haben uns als Familie entschieden, nach vorn zu schauen und nicht nur zurück. So arbeite ich jetzt wieder Vollzeit. Wir können das Rad ja nicht zurückdrehen. Wir sind uns sicher, dass Shani sich das so gewünscht hätte.

Wie war es für Sie, wieder zur Arbeit zu gehen?
Ich arbeite im Hightech-Bereich, in einer Computerfirma mit 3000 Mitarbeitern. Es war an und für sich schön zurückzukommen, die Freunde und Kollegen wiederzusehen und sich wieder mit etwas anderem zu beschäftigen als mit dem Grauen.

War das so einfach möglich?
Klar, ab und an schauen einen die Leute natürlich komisch an. Sie erkennen mich, fragen mich, wie es mir geht. Manche umarmen mich sogar spontan und sagen mir, wie leid ihnen alles tue, was mir widerfahren sei. In solchen Momenten kommt alles wieder hoch. Es ist ja nicht vorbei. Aber diejenigen, mit denen ich tagtäglich zusammenarbeite, behandeln mich völlig normal. Das lenkt ab, und man kommt in eine Routine rein, bei mir zumindest ist das so. Das tut mir gut. Aber jeder Mensch ist anders.

Stehen Sie nach wie vor in Kontakt mit den Angehörigen von anderen Opfern des 7. Oktober?
Ja, praktisch jeden Tag. Wir sind in einer WhatsApp-Gruppe, in der sich die Familien gegenseitig helfen und unterstützen. Da sind ganz viele drin, die immer noch ganz schlimm dran sind, die sich einfach nicht hochrappeln können. Manche sind total am Ende mit den Nerven, kommen nicht in das Alltagsleben zurück und können auch nicht zur Arbeit gehen. Die hängen dann vollständig von der Unterstützung ihrer Kinder ab. Da gibt es leider ganz schlimme Geschichten. Aber wir als Familie haben uns entschieden, dass das Leben weitergeht, und das tut es auch.

Es gibt Kritik an der israelischen Regierung, dass sie nicht genug tue für die Familien der Opfer des 7. Oktober und die Angehörigen der Geiseln. Wie sehen Sie das?
Es gibt natürlich Unterstützung vom Staat, in finanzieller Hinsicht oder auch durch psychologische Hilfe, durch Gruppentherapien und so weiter. Das bekommen alle, die es wollen. Darüber hinaus gibt es individuelle Initiativen, bei denen Menschen sich engagieren. Man hat das Gefühl, das ganze Land engagiert sich. So viele Leute wollen helfen, ob das nun die Nachbarn sind oder das Café in der Nähe, das einmal im Monat etwas Süßes schickt. Die ersten Wochen nach dem 7. Oktober, als wir in einem fürchterlichen Stress waren, hat der ganze Ort, in dem wir leben, für uns gekocht. Jedes Mal brachte uns jemand anderes etwas zu essen vorbei. Wir leben in einem kleinen Ort, hier gibt es etwa 250 Familien, und allein hier sind drei Familien betroffen. Der Sohn einer Freundin und dessen Frau wurden in einem Kibbuz ermordet, die beiden haben zwei Babys hinterlassen. Bei einer weiteren Familie aus dem Ort wurde der Sohn umgebracht. Diese Schicksale verbinden, es besteht ein großer Zusammenhalt, einer hilft dem anderen.

Sie stammen aus Ravensburg in Baden-Württemberg. Haben Sie seit dem 7. Oktober jemals daran gedacht, dauerhaft nach Deutschland zurückzukehren?
Nein. Man hat mich natürlich oft gefragt: Warum kommt ihr nicht nach Deutschland? Warum bleibt ihr da unten? Das ist doch eine Kriegszone … Aber ich fühle mich in Israel immer noch am wohlsten, gerade weil hier der Zusammenhalt so groß ist, weil jeder jedem hilft und den anderen auch versteht. Das hätte ich woanders nicht.

Sie und Ihr Mann Nissim engagieren sich weiter, zum Beispiel für die Geiseln …
Ja, wir engagieren uns, soweit es geht. Auch gegenüber der Politik, was wir vor dem 7. Oktober nie gemacht hätten. Das alles ist Teil unseres Lebens geworden, obwohl es auch sehr stressig ist. Aber schauen Sie, es ist für uns schockierend und deprimierend, wie viele Falschmeldungen da durch die Welt geistern über das, was am 7. Oktober und seitdem passiert ist. Nicht nur in den sozialen Medien, sogar bei den Vereinten Nationen, also auf der Ebene der Regierenden, die es eigentlich besser wissen sollten. Mein Mann war kürzlich bei der UNO in New York und hörte dort Vertretern arabischer Staaten zu. Die behaupteten, israelische Soldaten würden palästinensische Frauen vergewaltigen und Kinder ermorden. Ohne jegliche Basis. Als er dann Shanis Geschichte erzählte, war das ein fast hoffnungsloses Unterfangen.

Wie versuchen Sie und er, Ihre Gesprächspartner doch zu überzeugen?
Nissim zeigt oft zwei Bilder: eines von Shani, auf dem sie als lebensfrohe junge Frau abgebildet ist, und jenes hässliche Bild, wie sie auf dem Pick-up-Wagen liegt. Er will dem Gegenüber damit zeigen: Sie war nur ein Mädchen, das tanzen, lachen, Spaß haben wollte. Deswegen wurde sie von diesen Monstern umgebracht. Er will signalisieren: Schaut euch diese beiden Bilder an und sagt mir, auf welcher Seite ihr lieber steht, auf der kriegerischen, die Mädchen vergewaltigt und verschleppt und ermordet, oder auf der anderen Seite, auf der junge Leute auf ein Musikfestival gehen können, um Spaß zu haben?

Wie reagieren die Menschen darauf?
Es schockiert viele schon, aber es hilft auch ein bisschen. Das hoffe ich zumindest.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sehen, wie weltweit gegen Israel demonstriert oder in den sozialen Medien Antisemitismus verbreitet wird?
In Israel gibt es keine solchen Demonstrationen. Ich war auch noch nie selbst auf einer, ich kann das nicht aus eigener Anschauung beurteilen. Ich persönlich bekomme seit dem 7. Oktober viele Botschaften, die meisten davon sind positiv. Einige wenige sind hässlich, aber auf die gehe ich nicht ein. Das sind Leute, die Blödsinn daherreden. Mein Mann und ich erfahren viel Sympathie und Unterstützung, auch in Deutschland. Wir haben uns im Bundestag mit Vertretern der verschiedenen Parteien getroffen, die uns viel Empathie entgegengebracht haben. Was ja auch normal ist, wenn man einer Person begegnet, die direkt von so einer Gewalttat betroffen ist.

Und die sozialen Medien?
Es gibt leider viele Menschen, die keine Nachrichten im Fernsehen mehr anschauen, die keine Zeitungen lesen, die sich nur noch über Social Media informieren. Da ist es schwierig, gegen den Hass und die Fake News anzukommen. Leider wird das seit dem 7. Oktober immer schlimmer. Anfangs hatte Israel noch Sympathien. Als Israel dann aber anfing, die Hamas anzugreifen, als Zahlen mit den Toten und Verletzten in Gaza in Umlauf kamen, ist die Stimmung gekippt.

Was ist der Grund dafür?
Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass es in der Welt nur 15 Millionen Juden, aber 100-mal so viele Muslime gibt. Hinzu kommt: Da werden immer die Opferzahlen auf beiden Seiten verglichen, ein Toter hier wird gegen einen anderen dort aufgerechnet, obwohl das wirklich nicht fair ist.

Inwiefern nicht fair?
Auf israelischer Seite wurden auf einen Schlag 1200 Zivilisten ermordet, nicht in einer Kriegshandlung, sondern bei akribisch geplanten Massakern. Man kann das nicht vergleichen mit den Kriegstoten und den Verletzten in Gaza. Israel versucht, die zivile Population dort zu schonen. Das klappt natürlich nicht immer, weil Zivilisten als Schutzschilde der Hamas verwendet werden. Und es gibt leider viel zu viele Tote. Dennoch darf man das nicht einfach vergleichen mit einem barbarischen Akt, mit der gezielten Verstümmelung und Vergewaltigung von Menschen oder mit der Geiselnahme Hunderter Zivilisten.

Auch in Deutschland gibt es viele Proteste gegen Israel. Wie nehmen Sie diese wahr?
Ich bin oft in Ravensburg, wo meine Eltern und meine Brüder leben, und ich fühle mich dort total wohl und habe persönlich auch noch nie Hass oder Antisemitismus erlebt. Man sieht auch keine Demonstrationen. Mein Bruder, der Mitglied im Stadtrat dort ist, sagt immer, dass die Demonstranten nur eine kleine, aber laute Minderheit seien, dass die große Mehrheit anders denke. Nur kommen die leider in den Nachrichten kaum vor. Die meisten Deutschen sind ja nicht dumm. Sie wollen solche hässlichen Bilder von schreienden Menschen auf Dauer nicht sehen, sie fühlen sich eher davon abgestoßen.

Was geht in Ihnen vor, wenn die Taten des 7. Oktober einfach geleugnet oder heruntergespielt werden?
Es gibt viele Zeugenaussagen, von ehemaligen Geiseln, es gibt Videos, es fehlt diesbezüglich wirklich an nichts. Selbst bei den Vereinten Nationen musste man es irgendwann einmal anerkennen, obwohl man sich lange dagegen gesträubt hatte. Aber es ist frustrierend, dass Fake News so überhandnehmen und die Leute blind werden. Manche von denen wissen gar nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Es hat mich total schockiert, dass selbst an renommierten Universitäten in Amerika gebildete Leuten solche abstrusen Sachen behaupten. Obwohl interessierte Kreise schon seit vielen Jahren daran arbeiten, dass genau das eintritt. Universitäten in den USA bekommen Gelder aus dem Iran, aus Katar, während gleichzeitig Israelis als »Besatzer« dämonisiert werden. Das ist doch kein Zufall!

Erfährt Israel zum Beispiel aus Deutschland zu wenig Unterstützung?
Das denke ich nicht. Deutschland ist einer der engsten Verbündeten Israels, das wird auch von den Menschen hier honoriert, so viel kann ich sagen. Ein Beispiel, dass ich nennen kann, ist der Umgang Deutschlands mit Protesten gegen Israel: Gewisse Sachen darf man dort halt nicht laut sagen, Exzesse bei Demonstrationen werden unterbunden. Nein, gäbe es Deutschland nicht, sähe es mit der Solidarität für Israel in Europa nicht so gut aus.

Wie bewerten Sie die Anstrengungen der Bundesregierung in Bezug auf die Opfer des 7. Oktober? Es sind ja, wie in Ihrem Fall, auch deutsche Staatsbürger darunter.
Wir standen damals in ständigem Kontakt mit einer Person beim Bundeskriminalamt und wurden vom Auswärtigen Amt regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht. Das Problem war eher, dass es meist nichts Neues zu berichten gab. Wir hatten die Hoffnung, dass Deutschland etwas würde bewegen können. Es hat sich dann aber herausgestellt, dass kein westliches Land die Macht hatte, auf die Hamas Einfluss zu nehmen, auch die USA nicht. Dennoch hatten wir immer einen guten Kontakt. Der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, ist zum Beispiel wirklich eine tolle Person. Er hat mir gleich seine Handynummer gegeben und gesagt, ich könne ihn jederzeit anrufen. Als wir eine Kunstausstellung mit Shanis Werken organisierten, kam er und hielt eine Rede. Auch bei der Trauerfeier war er da. Das ist weit mehr, als ich von der Regierung hier in Israel sagen kann. Letzte Woche schrieb uns Bibi Netanjahu einen Brief. Acht Monate lang hatten wir nichts von ihm gehört, keinen Anruf bekommen, keine Teilnahme an der Trauerfeier oder an Shanis Beerdigung, gar nichts.

Was stand denn in dem Brief des Ministerpräsidenten?
Er war sehr schön formuliert, wahrscheinlich nicht von ihm selbst, aber das ist auch egal. Sie haben sich jedenfalls bemüht, etwas Persönliches zu schreiben. Zum Beispiel, dass Shani so ein lebensfrohes Mädchen gewesen sei und eine talentierte Tattoo-Künstlerin, und wie leid ihnen alles tue. Er lud uns ein zu einem Treffen mit Opfer-Angehörigen. Aber wir werden nicht hingehen.

Warum nicht?
Weil das alles ein Zirkus ist. Wenn etwas schiefgeht, ist von Netanjahu nicht viel zu sehen. Wenn, wie neulich geschehen, Geiseln befreit werden, lässt er sich dafür feiern.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Shani entwarf Tattoos. Tragen Sie auch eines?
Ich wollte nie eine Tätowierung haben, ich war immer strikt dagegen, mein Mann auch. Aber zu meinem Geburtstag vor ein paar Wochen habe ich mir doch eines stechen lassen. Es war ein von Shani entworfenes Motiv. Ich habe mir gesagt, ich brauche einfach eine sichtbare Verbindung zwischen meiner Tochter und mir.

Das Interview mit der Mutter der von der Hamas getöteten Shani Louk führte Michael Thaidigsmann.

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