Protest

Shoppen am Schabbat

Gut zu Fuß: Viele Frauen wollen auch am Schabbat Schuhe kaufen. Foto: Fotolia

Protest

Shoppen am Schabbat

Die Tel Aviver wollen auch am Ruhetag Bus fahren und einkaufen

von Sabine Brandes  21.02.2012 09:38 Uhr

Man kann sie getrost als Shopaholics bezeichnen. Kaufen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Israelis. Gern auch am Samstag. Immer mehr Einkaufszentren haben ihre Pforten am Ruhetag geöffnet und laden ein, im Konsum zu schwelgen. In manchen Städten fährt der Bus auch am Schabbat bis zur Mall. Doch nicht in Tel Aviv. Nun fordern Aktivisten den Einsatz von öffentlichen Verkehrsmitteln am Wochenende auch hier. Bürgermeister Ron Huldai stimmte in den Tenor ein.

Bislang ruht der öffentliche Nahverkehr in der Metropole von Freitagnachmittag bis zum Ende des Schabbats am darauffolgenden Abend. Keine Busse, keine Bahnen, lediglich ein paar Sammeltaxis fahren. Glücklich sind jene, die über einen Pkw verfügen. Doch was machen die anderen?

»Sie bleiben zu Hause«, weiß Meirav Levin. »Es ist unfair, weil Ausflüge am Wochenende dadurch den Wohlhabenden vorbehalten sind. Dabei brauchten gerade nicht so reiche Leute die Möglichkeit, am einzigen freien Tag aus ihren vier Wänden herauszukommen.« Für die Studentin mit knappem Budget ist es schwierig, sich am Wochenende fortzubewegen. »In Ausstellungen oder ins Kino gehen kann ich nur, wenn jemand aus dem Freundeskreis hinfährt, der ein Auto hat. Das schränkt mich sehr ein.«

Gesetz Zum Argument, Busse würden den heiligen Tag entweihen, hat Levin eine klare Meinung: »Wer den Schabbat einhalten möchte, kann es weiterhin tun. Kein frommer Mensch wird gezwungen, in einen Bus zu steigen. Für Religiöse bringt es keinen Nachteil, für Säkulare aber reduziert die heutige Situation die Lebensqualität.«

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, stellten sich am vergangenen Samstag mehr als 100 Aktivisten der Organisation »Israel Chofschit« (freies Israel) an Haltestellen im gesamten Stadtgebiet. »Wir warten auf den Bus am Schabbat«, hatten sie auf Schilder gepinselt. Der Vorsitzende, Miki Gitzin, weiß: Der Bedarf in der Stadt ist hoch. »Es existiert kein Gesetz, das den Personennahverkehr am Schabbat generell verbietet. In Haifa und Eilat beispielsweise fahren die Busse an sieben Tagen in der Woche. Es braucht lediglich eine Genehmigung des Verkehrsministeriums.«

Umwelt Der erste Mann der Stadt will auf den fahrenden Bus aufspringen. Auf seiner Facebook-Seite zeigte er sich solidarisch mit den Frauen und Männern von Israel Chofschit. Israel sei das einzige Land der Welt, in dem der öffentliche Nahverkehr an einem Viertel des Jahres stillstehe, schrieb der Bürgermeister. »Wir müssen uns fragen: Was tut jemand, der sich kein Auto leisten kann, wenn er jemanden besuchen oder einfach nur an den Strand gehen möchte?«

Huldai ist der Ansicht, dass der Status quo, gepaart mit dem generellen Fehlen eines gut funktionierenden Transportsystems, der Entwicklung des Staates schade. Auch könne so niemand auf sein teures und umweltschädliches Auto verzichten. Schuld sei das Verkehrsministerium, meint er. »Und ich erwarte, dass die Regierung die Stimme der Öffentlichkeit wahrnimmt.« Ein Sprecher des Ministeriums erklärte, dass die Regeln in Übereinstimmung mit einem Knessetentscheid von 1991 gemacht worden seien.

Das Tel Aviver Ratsmitglied der religiösen Schas-Partei, Binjamin Babajoff, will partout keine Busse am Wochenende sehen. Er argumentiert, dass man zunächst daran arbeiten solle, dass sich der Zustand während der Woche verbessere. »Der Verkehr bei uns ist reines Chaos. Am Schabbat sind wir frei davon.«

heuchelei Säkulare halten es für Heuchelei, dass gerade in der Hochburg des Hedonismus der Nahverkehr aus religiösen Gründen ruht. Nicht nur Kinos, Cafés und Restaurants sind geöffnet, auch immer mehr Geschäfte laden ihre Kunden am jüdischen Ruhetag zum Kaufen ein. Die Kette Tiv Tam etwa, oft als »russischer« Supermarkt bezeichnet, da sie auch Nichtkoscheres wie Schweinefleisch verkauft, hat in sämtlichen Städten am Schabbat geöffnet.

Viele Einkaufszentren haben ihre Öffnungszeiten auf sieben Tage die Woche ausgedehnt. 2001 hatte die erste Mall, Schiwat Hakochawim in Herzliya, das Tabu gebrochen. Mittlerweile gehört – zumindest für Autobesitzer – das Shoppen am Schabbat zum Lebensrhythmus dazu. Im Einkaufszentrum Gaasch zwischen Tel Aviv und Netanja verursachen die Schnäppchenjäger jeden Samstag lange Staus.

Strafen wegen illegaler Öffnung werden Ladenbesitzern, wenn überhaupt, nur minimal aufgebrummt. Gemessen an den guten Umsätzen am Schabbat ist die Höhe der Bußgelder verschwindend gering.

Spirituelles Der Index »Staat und Religion«, herausgegeben vom Smith-Institut, machte es bereits im vergangenen Jahr klar: Die Mehrheit der Israelis möchte Busse und Bahnen am Schabbat. 63 Prozent sprachen sich klar für mehr Linien aus. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung will sogar Nahverkehr ohne jegliche Einschränkung sehen.

Ebenfalls für Busse ist der Schriftsteller Amos Oz. »Es sollte keine Diskriminierung zwischen jenen geben, die sich ein Auto leisten können, und jenen, die es nicht können.« Dem Shoppen am Schabbat hingegen kann Oz nichts abgewinnen. Der Autor meint, dass es der Bevölkerung ihren besonderen Tag wegnehme. Statt in Konsumtempel zu strömen, sollten sich die Israelis lieber auf Spirituelles und Familiäres besinnen. »Der Schabbat ist das schönste Geschenk, das die Kultur Israels der Welt gegeben hat. Ich hoffe, dass es uns für immer begleitet«, sagt Oz.

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