Jerusalem

Schin-Bet-Chef holt gegen Premierminister aus

Ronen Bar Foto: Flash 90

Noch-Schin-Bet-Direktor Ronen Bar holt gegen seine Entlassung aus. Am Montag reichte der Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes (ISA) beim Obersten Gerichtshof eine eidesstattliche Erklärung ein, um den Widerspruch gegen seine Entlassung durch Premierminister Benjamin Netanjahu zu untermauern.

Das Papier enthält schwerwiegende Behauptungen, darunter den Satz: »Mir wurde klargemacht, dass ich im Falle einer Verfassungskrise dem Premierminister und nicht dem Obersten Gerichtshof gehorchen muss.«

Ein öffentlicher und ein vertraulicher Teil

Die Erklärung besteht aus einem offenen Brief und einem zweiten vertraulichen Teil. Bar teilte dem Gerichtshof außerdem mit, dass er aus eigenen Stücken zurücktreten und den Zeitpunkt bald bekannt geben werde. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs habe über seinen persönlichen Fall hinaus Auswirkungen, meint er, denn sie werde die Fähigkeit des Geheimdienstes, seinen Auftrag und seine Pflichten langfristig zu erfüllen, beeinträchtigen.

Mitte März hatte Netanjahu dem Chef des Schin-Bet das Vertrauen entzogen und ihm nahegelegt, zu kündigen. Als Bar dies verweigerte, entschloss sich der Premier, ihn seines Amtes zu entheben. Später benannte er einen Nachfolger. Diese Entscheidung machte er allerdings nur einen Tag später wieder rückgängig. Daher ist Bar nach wie vor im Amt.

Er kenne die Gründe für seine Entlassung nicht, die Kette der Ereignisse hätte ihn allerdings zu dem Schluss kommen lassen, dass diese nicht beruflicher Natur seien, sondern vielmehr auf der Erwartung persönlicher Loyalität seitens des Premierministers beruhten. Als er diese nicht erfüllt habe, habe Netanjahu eine Hetzkampagne gegen ihn und die Behörde in den sozialen Medien gestartet.

Ronen Bar: »Netanjahu forderte den Schin Bet wiederholt auf, gegen Zivilisten vorzugehen, die an Protesten und Demonstrationen beteiligt waren.«

Bar schrieb, er habe die eidesstattliche Erklärung aus Pflichtgefühl gegenüber den Bürgern Israels und aus großer Sorge um die Fähigkeit künftiger Schin-Bet-Chefs abgegeben, die Professionalität und Unabhängigkeit des Geheimdienstes gemäß seinem gesetzlichen Zweck zu wahren.

Er schrieb weiter: »Netanjahu forderte den Schin Bet wiederholt auf, gegen Zivilisten vorzugehen, die an Protesten und Demonstrationen beteiligt waren. Ich wurde gebeten, Informationen zu ihrer Identität bereitzustellen, und mir wurde klargemacht, dass die Überwachung der Geldgeber der Proteste erwartet wurde«, führte der Geheimdienstchef in seinem Brief aus. 

In Gesprächen über die Proteste sei ihm zudem klargemacht worden, dass er im Falle einer Verfassungskrise dem Premierminister und nicht dem Obersten Gerichtshof gehorchen müsse. Bar wies darauf hin, dass alle Einzelheiten dieses Falles in dem Teil der Erklärung dargelegt sind, die nicht veröffentlicht ist.

Als Reaktion auf Netanjahus Behauptung, er habe das Vertrauen in ihn verloren, erklärte Bar, dies sei geschehen, nachdem er gebeten worden war, Netanjahu einen Vorwand zu liefern, um einer Aussage in seinem Strafprozess und der öffentlichen Forderung nach einer nationalen Untersuchungskommission zu den Verfehlungen, die zum Hamas-Massaker führten, zu entgehen.

Premierminister bezeichnet Vowürfe als »Lügen«

Die Entscheidung zu seiner Entlassung sei letztendlich gefallen, so Bar, nachdem die Untersuchung des Schin Bet ergeben habe, dass auch die Regierung für Versäumnisse vor dem Massaker der Hamas am 7. Oktober verantwortlich sei.

Die Koalition indes versuche, »den öffentlichen Diskurs von der Untersuchung der politischen und sicherheitspolitischen Ursachen abzulenken, die zu dem Massaker geführt haben«, fasst er zusammen.

Netanjahu hat sich wiederholt gegen eine Untersuchung in die Regierungsversäumnisse ausgesprochen, obwohl die Öffentlichkeit mit überwältigender Mehrheit in mehreren repräsentativen Umfragen immer wieder dafür plädiert hat.

Das Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu bezeichnete die vor dem Obersten Gerichtshof eingereichten Erklärungen des Geheimdienstchefs als »falsche eidesstattliche Erklärung« und bezichtigte Bar des Lügens. Alle Aussagen würden in naher Zukunft detailliert widerlegt, hieß es weiter.

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Luftfahrt

El Al eröffnet größte koschere Fluglinien-Küche der Welt

El-Al-Chef Levi Halevi sagt, das Projekt sei Teil einer langfristigen Strategie zur Verbesserung des Reiseerlebnisses

 07.05.2026

Jerusalem

Netanjahu: »Vollständige Koordination« mit den USA zu Iran

Israel bereite sich auf unterschiedliche Entwicklungen vor, sagt der israelische Ministerpräsident. »Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet.«

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Meinung

Liebe Politiker, habt ihr nur warme Worte im Angebot?

Das CDU-Präsidium hat einen Beschluss zum Schutz jüdischen Lebens gefasst. Er ist gut gemeint, aber nicht wirklich überzeugend

von Michael Thaidigsmann  06.05.2026

Nachrichten

Licht, Erfolg, Reise

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  06.05.2026

Wahlkampf

Alte Bekannte, neue Bündnisse

Der Kampf um die Sitze in der nächsten Knesset hat begonnen. Eine drusische Partei sorgt für besonderes Aufsehen – und für überraschende Möglichkeiten

von Sabine Brandes  06.05.2026

Washington D.C.

Demokraten drängen Trump zu Klarheit über Israels Atomprogramm

In einem Schreiben an Außenminister Marco Rubio verlangen mehr als zwei Dutzend Parlamentarier detaillierte Informationen über das Programm

 06.05.2026