Jerusalem

»Sensibilität für besondere Nöte«

Yehezkel Caine, der Direktor des Herzog Medical Center Foto: Marco Limberg

Zwischen Autobahn, städtischem Werkhof, Friedhof und den Ausläufern des Jerusalemwalds liegt das 1894 gegründete »Herzog Medical Center«. Das spendenfinanzierte Krankenhaus ist Israels führende Einrichtung für Geriatrie, psychische Gesundheit und Beatmungstherapien. Viele seiner aktuellen Patienten sind hochbetagte Holocaust-Überlebende. Sie haben auch mit posttraumatischen Belastungsstörungen und sozialer Isolation zu kämpfen.

Die Patientenstruktur liege »in der Natur des Krankenhauses als geriatrische Klinik«, sagt Direktor Yehezkel Caine. »Konstant 25 bis 30 Prozent« machen Holocaust-Überlebende nach den Kriterien der Claims Conference aus. Nach anderen Definitionen – »Im Grunde könnte jeder, der zwischen 1939 und 1945/46 in Europa, Osteuropa und Nordafrika geboren wurde, als Überlebender identifiziert werden« – läge die Zahl »wohl eher bei um 50 Prozent«.

gebrechen Zu Caine kommen diejenigen, die zu Hause nicht mehr versorgt werden können. Über das Erlebte reden können die meisten schon aufgrund der Schwere ihrer Gebrechen nicht, viele stehen allein da. Letzteres, sagt der Mediziner, entspricht dem allgemeinen Trend. Nur: »Wer so viele um sich herum im Holocaust verloren hat, hat größere Chancen, im Alter allein zu bleiben.«

Über das Erlebte reden können die meisten schon aufgrund der Schwere ihrer Gebrechen nicht, viele stehen allein da.

Ida Akerman-Tieder entspricht nicht Caines Statistik. Die 92-Jährige mit wachem Geist, Kindern, Enkeln und Urenkeln, »ein ganzer Stamm«, sitzt im Rollstuhl. In den Händen hält sie ein Notizbuch. »Der Klub der Zerbrochenen« beginnt ihr Gedicht. Es trägt das Datum von Anfang Januar. Den Satz meint die Autorin wörtlich. Ihr Oberschenkelknochen hat Schaden genommen, als ein Auto sie anfuhr. »Von der Unabhängigkeit in die Abhängigkeit in einem einzigen Moment«, zitiert die Patientin, die selbst Ärztin ist, sich selbst, »in diesem Krankenhaus, rundum betreut«.

Um Hilfe zu bitten, falle ihr schwer. Sie habe »diese Platte in ihrem Kopf«, die ihr sage: »Du bist allein.« Wie am 26. August 1942. Das Datum ist eines von vielen, das sich der Jüdin in ihrer leidvollen Geschichte der Flucht vor der Verfolgung eingebrannt hat. 1927 in Berlin geboren, floh sie 1938 mit ihrer Familie über Belgien nach Frankreich. Für die Eltern endete die Odyssee nach mehreren Lagern in Auschwitz. Die Geschwister überleben, verstreut.

erinnerung »Ich habe realisiert, dass ich völlig allein und hilflos bin. Alles, was mir blieb, war mein Kopf.« Mit der Erinnerung an jenen Tag, an dem ihre Eltern verhaftet wurden, kommen die Tränen. »Man erlebt es wieder und wieder – das wird man nie los«, sagt Akerman-Tieder.

Trotzdem habe sie nie eine Einladung abgelehnt, ihre Geschichte zu erzählen. »Mein Beruf als Kinderpsychiaterin und Psychoanalytikern hat mir das Werkzeug gegeben, um jeden Tag an mir zu arbeiten und einen Schnitt zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu ziehen. Aber was machen die, die diese Möglichkeit nicht haben?«

Das Bewusstsein der Bevölkerung für die physischen und psychischen Nöte der Schoa-Überlebenden ist gestiegen.

Das Bewusstsein der Bevölkerung für die physischen und psychischen Nöte der Schoa-Überlebenden sei gestiegen, sagt Yehezkel Caine. So wie die Probleme der Patienten. Waren viele über Jahre beschäftigt mit Beruf, Familie und dem täglichen Überleben, ist auf einmal Zeit da, um auf sich selbst zu schauen. Aber auch Langzeitfolgen jahrelanger Mangelernährung und extremen Stresses schlagen sich in Krankheiten wie Osteoporose, Demenz und psychischen Erkrankungen nieder.

zusammenleben Holocaust-Überlebende werden bevorzugt im Krankenhaus aufgenommen. Von da an, sagt Caine, »versuchen wir, alle Patienten gleich zu behandeln«. Alle Patienten – das sind auch die rund 15 Prozent Muslime und Christen. Das Zusammenleben sei »verblüffend unproblematisch vor dem Hintergrund der Geschichte der Menschen auf beiden Seiten«. Die Sensibilität für die besonderen Nöte der Schoa-Überlebenden sei in dem Haus »derart Routine« geworden, dass niemand mehr ein besonderes Augenmerk darauf werfen muss.

»Man könnte es nicht besser machen«, bestätigt Ärztin Ida Akerman-Tieder, die sich als »kritische, aber nicht schwierige Patientin« sieht. Gut organisiert, gründlich, ernsthaft und nett sei dieser Ort, alles wichtige Aspekte, wenn es um leidende Menschen gehe. Oder, wie es in ihrem jüngsten Gedicht heißt: »Rundum betreut, um ein jeder von seinem Übel geheilt zu werden, irgendwie. Und mit Gottes Hilfe werde ich gesund und heil hier rauskommen.«

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