Israel

Schwarz und Weiß

L’Chaim – einen Schluck auf die Gemeinsamkeit: Szene einer »Maimouna« (2018) in der nordisraelischen Stadt Safed Foto: Flash 90

Israel ist ein kompliziertes Land. Und deshalb müssen viele seiner Beobachter die Sachlage simplifizieren. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, es wimmelt nur so von Vereinfachungen, die am Ende aber nichts bringen, weil sie die Komplexität der Probleme nicht erfassen und dann Vorurteile und Fehlinterpretationen kreieren. So auch das Klischee von Aschkenasim gegen Sefardim oder, wie Letztere in Israel genannt werden: Misrachim. Also der Antagonismus zwischen europäischstämmigen und orientalischen Juden.

Die Europäer seien die Elite, die »Orientalen« die Underdogs, die einen haben die Macht in der Hand, die anderen gehören zu den unteren Schichten der Gesellschaft, die »weißen« Juden wählen links, die »arabischen« Juden rechts, die Aschkenasim sind säkular, die »Orientalen« traditionell. Ein Gemeinplatz jagt den anderen. Und nichts stimmt, wenngleich ein bisschen schon, aber dann doch nicht wirklich. Nun, wie gesagt: Israel ist ein kompliziertes Land.

analyse Versuchen wir einmal ein paar falsche Vorstellungen hier in diesem zugegebenermaßen auch nur kurzen Artikel, der für eine tiefschürfende Analyse naturgemäß keinen Platz hat, zu korrigieren.

1. Aschkenasim wählen links. Das hat noch nie gestimmt. Seit den Anfängen des Staates hat es immer europäische Juden gegeben, die dem rechten Lager rund um Menachem Begin und den Lehren des Zeev Jabotinsky zuzuordnen waren. Im Gegenteil, immer mehr Aschkenasim wählen heute rechts, denn längst gibt es keine »Linke« mehr. Die Meretz-Partei ist bei den letzten Wahlen aus dem Parlament geflogen, die staatsgründende Arbeitspartei Awoda dümpelt bei minimalen vier Mandaten herum. Auch Aschkenasim wählen längst rechts, weil sie an die Träume und Versprechungen der Linken auf Frieden nicht mehr glauben, weil Palästinenser, der Iran, die Hisbollah und andere zunehmend extremistisch das Ende Israels wollen – und die aschkenasischen Israelis deswegen lieber an ein starkes Israel glauben, um zu überleben.

2. Misrachim wählen rechts. Ja, es stimmt, dass der Chef der Likud-Partei, Menachem Begin, 1977 die Wahlen gewonnen hatte, weil er die misrachische Wählerschaft für sich gewinnen konnte. Und seine Strategie funktioniert bis heute. Der wohlhabende, aschkenasische Benjamin Netanjahu verkauft sich seiner orientalischen Wählerschaft ebenfalls als Underdog, der von einer diffusen »Elite« verfolgt wird. Aber natürlich wählen auch viele Misrachim liberal oder gar links. Natürlich finden sich auch unter diesen Wählern etliche, die mit Netanjahu und der aktuellen Koalition nichts anfangen können, nichts anfangen wollen.

Für viele jüngere Israelis sind die Klischees
ein Ding von gestern.

3. Misrachim sind überall benachteiligt. Wer sich die Realität anschaut, wird schnell merken, dass dies so in vielen Führungspositionen nicht mehr stimmt. Ja, es hat noch keinen misrachischen Premier gegeben, dafür Staatspräsidenten, Minister, Generalstabschefs, Parteichefs, CEOs von Banken, Start-ups, Universitäten und vieles mehr. Die Eliten, die die Misrachim unterdrücken, gibt es heute nicht mehr wirklich.

4. Misrachim sind ungebildeter als Aschkenasim. Ja, es stimmt, dass misrachische Kinder oftmals vernachlässigt wurden. Schulen in reichen Gegenden waren stets besser ausgestattet als in armen Gegenden. Das betraf früher tatsächlich vor allem Misrachim. Aber längst ist dies nicht mehr der Fall. Es betrifft auch äthiopische Juden, die keine Misrachim sind, es betrifft viele Ex-sowjetische Juden. Doch inzwischen findet man unter den Intellektuellen, den Akademikern, den Hightech-Entrepreneurs immer mehr misrachische Israelis.

5. Aschkenasim hassen Araber weniger als Misrachim. Auch das stimmt nur bedingt. Ja, einerseits sagen viele Israelis mit orientalischem Background, dass sie die Araber besser kennen als die aschkenasischen Israelis, da sie ja einst unter ihnen gelebt haben, zumindest die ältere Generation. Andererseits sagen sie auch, dass nur sie wirklich Frieden mit den Arabern schließen könnten, schließlich kennen sie deren Mentalität besser als die Aschkenasim.

6. Stimmt alles, was oben geschrieben wurde, und es stimmt eben auch nicht. Denn, ja, inzwischen ist es offensichtlich: Israel ist ein kompliziertes Land.

7. Und dann kommt noch etwas hinzu: Immer mehr Israelis sind ein Mix aus aschkenasischen und misrachischen Vorfahren, denn vor allem jüngere Generationen geben nicht mehr viel auf diese Unterscheidungen und Trennungen. Sie heiraten, wen sie lieben, unabhängig davon, woher die Person stammt. Für sie sind die Klischees über europäische und orientalische Juden irgendwie ein Ding von gestern.

klischee Im Zweifelsfall entscheidet sich die Kultur in der Küche: Gibt es am Schabbat Gefilte Fisch oder Chraime zu essen? Was besser schmeckt – darüber aber streiten sich die Geister gern und fröhlich. Und machen dann selbst Witze, die das Klischee der Aschkenasim oder Misrachim bedienen.

Bis auf die Momente, wo die alten Spannungen zwischen den beiden Gruppen wieder aufbrechen – in der Politik. Weil viele Politiker die Vorurteile pflegen, um ihre Wählerschaft bei Laune zu halten. Und an sich zu binden. Natürlich. Was denn sonst.

Der Autor ist Publizist und lebt in Tel Aviv. Kürzlich ist von ihm »Die Sache mit Israel. Fünf Fragen zu einem komplizierten Land« erschienen.

Teheran

Iran meldet landesweite Angriffe auf Verkehrsinfrastruktur

Mehrere Autobahnen und Eisenbahnbrücken im Iran wurden laut Berichten angegriffen. In Ost-Aserbaidschan bleibt eine wichtige Strecke gesperrt

 07.04.2026

Teheran

Iran meldet Angriff auf Eisenbahnbrücke

Israels Militär droht mit Angriffen auf das iranische Schienennetz. Nur wenige Stunden später meldet der Iran die Bombardierung einer Eisenbahnbrücke

 07.04.2026

Haifa

Vier Opfer eines iranischen Angriffs als Mitglieder einer Familie identifiziert

Die Eheleute Wladimir Gershovitz und Lena Ostrovsky Gershovitz, deren Sohn Dimitri sowie dessen Frau Lucille-Jane sind am Sonntag bei einem Raketeneinschlag in Haifa getötet worden. Die Anteilnahme im Land ist groß

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

5 Gründe den jüdischen Staat zu lieben - mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Teheran

Iran meldet Explosionen auf Ölinsel Charg

Bereits Mitte März wurde die Insel Charg im Persischen Golf bombardiert. Nun melden iranische Medien eine Reihe neuer Explosionen

 07.04.2026

Türkei

Medien: Schüsse vor Israels Konsulat in Istanbul - zwei Angreifer getötet

Vor dem israelischen Konsulat in Istanbul sind Schüsse gefallen. Zwei Angreifer werden Medienberichten zufolge getötet

 07.04.2026

Teheran

Bericht: Synagoge in Teheran bei israelischem Angriff beschädigt

Ein Luftangriff hat laut iranischen Angaben eine Synagoge in Teheran schwer beschädigt. Was bisher bekannt ist

 07.04.2026

Jerusalem

Nach Rassismus-Skandal: Netanjahu entlässt seinen Kabinettschef

Zvi Agmon soll sephardische Abgeordnete rassistisch beleidigt haben. Seinen Posten als Kabinettschef muss er nun räumen

 07.04.2026

Iran-Krieg

Angriffe auf Schienennetz? Israel warnt Iraner

US-Präsident Donald Trump droht dem Iran mit Angriffen auf Infrastruktur, die auch zivil genutzt wird. Israel spricht jetzt eine Warnung direkt an die Bevölkerung aus

 07.04.2026