E-Bikes

Schrecken auf zwei Rädern

Auch das könnte schiefgehen: Turnübung auf dem Elektrofahrrad Foto: Flash 90

E-Bikes

Schrecken auf zwei Rädern

Der jüdische Staat hat die meisten elektrische Räder der Welt – und die meisten Unfälle

von Sabine Brandes  16.06.2015 10:54 Uhr

Die langen Locken wehen im Wind, die eine Hand ist am Lenker, die andere presst das Handy ans Ohr. Die 15-jährige Roni fühlt sich gut, wenn sie mit ihrem elektrischen Fahrrad auf dem Fußgängerweg durch den Sommerabend braust. An Sicherheit denkt die Oberschülerin aus Ramat Hascharon wenig, der pinkfarbene Helm baumelt am Lenker. »Es ist einfach cool und auch richtig schnell«, ruft sie im Vorbeifahren und lacht.

Doch die E-Bikes, wie sie meist genannt werden, sind nicht nur cool, sondern auch gefährlich. Vor allem, wenn sie von Kindern und Teenagern benutzt werden, die noch kaum etwas von Verkehrsregeln gehört haben. Verkehrserziehung an Schulen gibt es in Israel so gut wie gar nicht, von Fahrradprüfungen und -unterricht hat kaum jemand gehört. Roni musste ihren Eltern versprechen, dass sie den Helm trägt, gibt sie zu. »Aber wenn ich um die erste Ecke bin, nehme ich das Ding ab. Das machen schließlich alle.«

Vor drei Jahren endete das Verbot von Elektrorädern, und eine regelrechte Welle überschwemmte den Markt. Innerhalb von zwei Jahren wurden 120.000 Räder importiert. Mittlerweile, schätzen Verkehrsexperten, hat Israel die größte E-Bike-Dichte weltweit – und prozentual auch die meisten Unfälle. Mit der großen Masse kam der Preisverfall. Kosteten die Gefährte vor zwei Jahren noch mindestens 1200 Euro, sind sie jetzt schon für die Hälfte zu haben.

Chaos »Was wir gleichzeitig mitgeliefert bekommen haben, ist das totale Chaos«, schreibt Fahrradblogger Ofer Kanfi. Er ist leidenschaftlicher Radfahrer und setzt sich für freie Fahrt auf zwei Rädern ein – allerdings nicht so. »Die Dinger sind von einem Ärgernis zu einer echten Gefahr geworden.« Allein in Tel Aviv gebe es mittlerweile mindestens 20.000 E-Bikes, schätzt Kanfi. Was fehlt, sind Regeln. Der Bereich Elektrofahrräder sei leider ein völlig ungeklärter, gibt die Polizei an. Es existieren weder Verbote für die Fahrt auf Gehwegen noch sonstige Vorschriften oder Pflichten. Die Gefährte müssen auch nicht registriert werden. Zwar gilt eine generelle Helmpflicht für das Radfahren, umgesetzt wird sie allerdings nicht.

So düsen überall schon Kinder mit den rasanten 750-Watt-Rädern durch die Gegend. Oft quetschen sich gleich zwei Teenager auf ein Elektrorad, einer auf dem Sattel, der andere hängt, mehr als dass er sitzt, auf der Mittelstange. Sie tragen weder Helme noch sonstige Schutzkleidung, stattdessen meist kurze Hosen und Badelatschen. Während sie sich mit bis zu 25 Kilometern pro Stunde durch den Verkehr schlängeln, checken sie ihre Handys oder hören Musik.

Es bedarf nicht viel Fantasie, um vorauszusehen, dass sich die Unfälle noch häufen werden. Entweder fahren die jungen Fahrer auf Bürgersteigen Fußgänger um und verletzen sie zum Teil schwer, oder sie selbst werden von anderen Fahrzeugen getroffen. Maya Siman-Tov vom Gertner-Institut für Gesundheit hat die Zahlen: »2014 wurden 150 Menschen bei solchen Unfällen verletzt, zehn Prozent von ihnen schwer. 14 Prozent waren Fußgänger, der Rest die Fahrer selbst. Und es werden immer mehr. Im ersten Halbjahr 2015 stieg die Zahl im Vergleich zu 2014 schon um 237 Prozent.«

Raserei Ärzte in Notaufnahmen verschiedener Krankenhäuser protestieren schon wegen des wahnwitzigen Aufkommens, manche ließen sich mit Schildern für die sozialen Netzwerke ablichten: »Stoppt die E-Bikes«. Vor einem Jahr wurde ein 85-jähriger Mann von einem E-Bike umgefahren und getötet. Der Fahrer, noch ein Kind, brauste davon und wurde nie gefunden. Jetzt will auch die Polizei der gefährlichen Raserei Einhalt gebieten, bevor es zu noch mehr Tragödien kommt.

Die Behörde fordert eine stärkere Regulierung, umgesetzt durch ein Mindestalter von 16 Jahren und einen Führerschein, ähnlich dem für Mofas und Mopeds. Diese Vorschläge, gibt die Verkehrspolizei an, habe man nach eingehender Untersuchung des Problems als wirksamste Maßnahmen erkannt. Die Vorschläge wurden bereits beim Verkehrsministerium eingereicht.

Alternative Doch nicht alle sprechen sich gegen die elektrischen Vehikel aus. Die Knessetabgeordnete Merav Ben-Ari von der Partei Kulanu weist darauf hin, dass die Räder viele Autos von der Straße geholt hätten und somit für bessere Luft besonders im Zentrum sorgen. Ebenso sieht es Tamar Zandberg von Meretz. Sie hält die Alternativen zu E-Bikes für wesentlich gefährlicher. Dennoch stimmen viele Politiker mit der Polizei überein: Regeln müssen her. Einer, der die Sache bereits in die Hand genommen hat, ist der Bürgermeister von Beer Sheva, Rubik Danielovich. Er sprach kurzerhand ein Verbot aus: »Ab sofort dürfen elektrische Fahrräder in meiner Stadt nicht mehr auf den Fußwegen fahren.«

Nahverkehr Eyal Zur aus Tel Aviv versteht das. Gleichwohl sagt er: »Ich habe meinem 14-Jährigen auch eines gekauft.« Die Gründe lagen für den Vater von drei Kindern auf der Hand: »Erstens haben all seine Freunde eins, zweitens kann ich ihn nicht überall mit dem Auto hinfahren, weil ich arbeiten und mich um die jüngeren Kinder kümmern muss, und drittens gibt es am Wochenende keinen öffentlichen Nahverkehr. Für normale Fahrräder ist es in den meisten Monaten einfach viel zu heiß.«

Zur spricht den meisten viel beschäftigten Eltern aus der Seele, die sich darüber freuen, dass ihre Kinder durch die Bikes etwas unabhängiger werden und vor allem an den Wochenenden nicht mehr permanent auf die Fahrdienste von Mama und Papa angewiesen sind.

Der Fahrradblogger Kanfi sieht es ähnlich: »Wenn ich ein Teenager wäre, würde ich mir sofort ein E-Bike besorgen. Es gibt wirklich nichts Besseres, um in der Stadt von A nach B zu kommen.« Für ihn liegt die Verantwortung bei den Behörden. Kanfi setzt auf Vorbeugung: »Meiner Meinung nach würden Verkehrsunterricht und eine E-Bike-Liga Abhilfe schaffen – damit die Kids auf ihre Kosten kommen und wir alle wieder sicher auf den Straßen sind.«

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