Nahost

»Schon lange normal«

Einheimische Juden und israelische Touristen feiern einen Gottesdienst in einer Synagoge in Marrakesch (13. Oktober 2017). Foto: AFP via Getty Images

Aller guten Dinge sind vier – und vielleicht ist damit noch lange nicht Schluss. Israel und Marokko erklärten am vergangenen Donnerstag, dass sie vollständige diplomatische Beziehungen aufnehmen und ihre Verbindungen normalisieren wollen. Damit ist Marokko das vierte arabische Land in Folge, das auf dem Pfad des Friedens mit Israel wandelt. Doch nicht alle sind begeistert – und die Vereinbarung hatte ein Preisschild.

Zuvor waren die sogenannten Abraham-Abkommen mit den Golfstaaten Vereinigte Arabische Emirate und Bahrain sowie ein Verständigungsabkommen mit dem Sudan unterzeichnet worden.

Deal Premierminister Benjamin Netanjahu dankte Marokkos König Mohammed VI. für seine »historische Entscheidung«, den Deal zu unterschreiben, und versprach einen »sehr warmen Frieden« zwischen den beiden Nationen. Netanjahu betonte, dass die Länder »so schnell wie möglich volle diplomatische Beziehungen aufnehmen wollen«. Verbindungs-Büros würden in Tel Aviv und Rabat eröffnet. Handelsvereinbarungen und Direktflüge sollen bald folgen.

US-Präsident Trump hatte zwischen Jerusalem und Rabat vermittelt.

Auch Verteidigungsminister Benny Gantz lobte, dass das Abkommen die Sicherheits- und wirtschaftlichen Interessen beider Länder stärken werde. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi bekundete ebenfalls seine Unterstützung, da die Normalisierung »für die regionale Stabilität und Kooperation von großer Bedeutung« sei.

MUSLIMBRÜDER In dem nordafrikanischen Land indes sind nicht alle begeistert. Während der Monarch des ältesten Königreiches der arabischen Welt den Friedensschluss besiegelte, ist Premierminister Saadeddine Othmani anderer Meinung. Er wird der islamistischen Muslimbruderschaft zugerechnet. Noch vor wenigen Monaten hatte er sich vehement gegen eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel ausgesprochen. Doch in wichtigen diplomatischen Belangen hat Mohammed VI. das letzte Wort.

Der König habe anschließend Palästinenserpräsident Mahmud Abbas kontaktiert und ihm versichert, dass sein Land sich immer noch der Zweistaatenlösung verpflichtet fühlt. Die Palästinenserführung hielt sich im Anschluss mit Aussagen zurück und kommentierte lediglich, man habe im Moment kein Interesse, sich zu Angelegenheiten in Marokko zu äußern. Hamas sowie Islamischer Dschihad erklärten erwartungsgemäß, dass es sich bei der Aussöhnung um eine »politische Sünde« und »Verrat an der palästinensischen Sache« handle.

Der scheidende US-Präsident Donald Trump hatte bei der Vermittlung zwischen Jerusalem und Rabat geholfen. »Ein weiterer historischer Durchbruch heute«, tweetete er am selben Tag. »Unsere zwei großartigen Freunde, Israel und das Königreich Marokko, haben sich bereiterklärt, diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Ein massiver Durchbruch für Frieden in Nahost.«

ANSPRUCH Zur selben Zeit hatte Trump den Anspruch Marokkos auf Westsahara anerkannt. Das Gebiet ist jedoch umstritten, da es sowohl Marokko als auch die von Algerien gesteuerte nationalistische Gruppe Frente Polisario beanspruchen. Während Marokko Westsahara als sein Staatsgebiet ansieht, verlangt die Frente Polisario seit vier Jahrzehnten die Unabhängigkeit. Westsahara umfasst ein Wüstengebiet, das ungefähr so groß ist wie Großbritannien. Frente Polisario beherrscht rund ein Fünftel davon.

Israel und das nordafrikanische Land hatten in den 90er-Jahren bereits in beschränktem Rahmen diplomatische Beziehungen aufgenommen.

Besonders positiv äußerte sich Marokkos Außenminister Nasser Bourita in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung »Jedioth Ahronoth«: »Die Verbindung zwischen Marokko und Israel ist besonders und kann nicht mit jener zwischen Israel und anderen arabischen Staaten verglichen werden.« Bourita erklärte weiter: »Aus unserer Sicht sprechen wir nicht über eine Normalisierung, denn unsere bilateralen Beziehungen waren schon lange normal. Wir reden über eine Wiederaufnahme – obwohl sie niemals gekappt wurden.«

Der Minister betonte, wie bedeutend die Geschichte seines Landes im Hinblick auf die jüdische Gemeinde sei, »eine Beziehung, die in der arabischen Welt ihresgleichen sucht«. Und auch auf den Tourismus aus Israel wies er hin: »Allein im vergangenen Jahr haben uns 70.000 Israelis besucht.« Jetzt hofft er, dass es noch mehr werden.

»Ganz bestimmt«, ist Avi Azoulay, Händler auf dem Carmelmarkt von Tel Aviv, überzeugt. »Meine Familie stammt aus Marokko, und wir reisen seit fünf Jahren einmal jährlich in die ›alte Heimat‹, um die Synagogen zu besuchen und die besondere Atmosphäre zu spüren. Wir haben immer das Gefühl gehabt, dass wir dort willkommen sind.« Sofort wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, will Azoulay wieder hin. Diesmal mit seinen Enkelkindern. »Jetzt, wo es einen offiziellen Frieden gibt, freue ich mich noch mehr darauf.«

WURZELN Israel und das nordafrikanische Land hatten in den 90er-Jahren bereits in beschränktem Rahmen diplomatische Beziehungen aufgenommen. Im Laufe der zweiten Intifada der Palästinenser im Jahr 2002 jedoch wurden sie eingefroren. Informell blieb die Verbindung jedoch stets erhalten.

In Israel leben rund 700.000 Menschen, deren Wurzeln in Marokko liegen, wo es seinerzeit die größte jüdische Gemeinde Nordafrikas gab. Nach der Schoa kamen in den Jahren 1948 bis 1951 rund 30.000 marokkanische Juden nach Israel. Anschließend jedoch verbot das Land unter Druck der Arabischen Liga die Auswanderung in den jüdischen Staat. Erst ein Deal zwischen dem israelischen Geheimdienst Mossad und dem damaligen König Hassan II. ermöglichte die Massen-Alija. Bis 1967 hatte eine Viertelmillion der sefardischen Juden das arabische Land verlassen.
Heute umfasst die jüdische Gemeinde, die vor allem in Casablanca angesiedelt ist, noch etwa 2500 Mitglieder. Auch die freuen sich über die Nachrichten, ebenso wie jüdische Gemeinden und Gruppierungen auf der ganzen Welt.

Rabbiner Yaakov Menken aus den USA meint: »Normalisierung ist das neue Normal im Nahen Osten. Jahrzehntelang haben uns Experten gesagt, dass es ein ›unmöglicher Traum‹ sei. Jetzt ist er wahr geworden.«

Daniel Mariaschin, internationaler Direk­tor von B’nai B’rith, ist überzeugt, dass die Beziehung zwischen Marokko und Israel aus vielen historischen Gründen Sinn ergebe. »Es ist ein weiterer bedeutender Baustein, Stabilität und Frieden für Nahost und Nordafrika auf den Weg zu bringen.«

Wirtschaft

Israel hofft auf mehr Touristen

Kriege und Konflikte in der Region haben den Israel-Tourismus einbrechen lassen. Nun hofft das staatliche Tourismusbüro auf steigende Nachfrage. Es wertet aktuelle Zahlen als positiven Trend

 13.01.2026

Verkehr

Eine Stadt tritt auf die Bremse

Im Kampf gegen Staus führt Tel Aviv die 30er-Zone fast im gesamten Stadtgebiet ein

von Sabine Brandes  13.01.2026

Ehemalige Geiseln

»Es war ganz und gar unmenschlich«

David Cunio wusste zwei Jahre lang nicht, ob seine Brüder noch leben. In einem Interview erzählt er jetzt ausführlich über den Horror in Gaza

von Sabine Brandes  13.01.2026

Meinung

Die Hamas muss sich entscheiden: Deal or no deal?

Die Terrororganisation hält sich nicht an das Waffenstillstandsabkommen mit Israel und verzögert so dessen Umsetzung. Der Druck auf die Hamas muss nun unbedingt erhöht werden

von Sarah Cohen-Fantl  13.01.2026

Jerusalem

Ehemalige Geisel warnt: Die Hamas gibt nicht auf

»Sie sind regelrecht besessen von uns – das ist der Sinn ihres Lebens«, sagt Eitan Mor

 13.01.2026

Hintergrund

Hamas will angeblich Verwaltung in Gaza abgeben

Die Terrorgruppe signalisiert Bereitschaft zur Übergabe von zivilen Einrichtungen – doch weigert sich nach wie vor, die Waffen niederzulegen

von Sabine Brandes  12.01.2026

Beerscheba

Plünderer vom Nova-Festival zu Haftstrafen verurteilt

Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 gab es viele Beispiele von Mut und Solidarität. Drei Männer dagegen plünderten am Schauplatz des Massakers. Nun gibt es ein Urteil

 12.01.2026

Kommentar

Wir müssen unsere Kinder schützen

In Israel wurde ein 14-jähriger Junge bei Protesten gegen die Wehrpflicht von einem Bus erfasst und getötet. Hier reflektiert ein orthodoxer Rabbiner aus Jerusalem, was sich ändern muss

von Rabbiner Raphael Evers  12.01.2026

Nahost

Rubio telefonierte mit Netanjahu über mögliche US-Intervention

Vor dem Hintergrund der Proteste wächst in Israel die Sorge vor einer regionalen Eskalation

von Sabine Brandes  12.01.2026