Feiertag

»Schana Joter Towa« aus Israel

Juden beten vor Rosch Haschana an der Kotel in Jerusalem Foto: Flash 90

Der Angriff kam völlig überraschend. Während sich die meisten Menschen in Israel am Dienstag darauf vorbereiteten, den kommenden Abend das jüdische Neujahrsfest zu feiern, einkauften, kochten und backten oder ihre Häuser putzten, erhielten sie die Botschaft, dass der Iran angreifen werde. Und zwar in den nächsten Stunden. Die Menschen in Nahost sind vieles gewöhnt, doch das brachte sogar hartgesottene Israelis aus der Fassung.

Mit dem Abend des 2. Oktobers endet das verheerendste Jahr in Israels Geschichte, das viele gern für immer aus ihrer Erinnerung verbannen würden, doch nicht können. In 5784 geschah der 7. Oktober und mit ihm das Grauen, das die Terrororganisation Hamas über die südlichen Gemeinden des Landes und ganz Israel brachte.

Alle Israelis - und sicher die meisten Menschen in Nahost - wünschen sich für 5785 Ruhe und Frieden. Und nicht nur für dieses eine Jahr, sondern die gesamte Zukunft. Stattdessen aber befinden sie sich mitten in einem Krieg, der nicht nur bereits ein Jahr lang andauert, sondern sich zunehmend ausweitet, wie der Angriff des Iran am Dienstagabend mit grausamer Wucht verdeutlichte.

»Düstere Aussichten« ohne Frieden in Nahost

Dass es Frieden in Nahost geben müsse, davon sind sogar die pragmatischsten Sicherheitsleute im Land überzeugt. Einer davon ist der einstige Top-General Giora Eiland. Er meint, es wären düstere Aussichten, wenn selbst die Kinder oder Enkel zukünftig in einem Nahen Osten leben müssten, in dem es nicht zumindest langfristig betrachtet Frieden gibt.

Doch der scheint in diesen Tagen in weiter Ferne. Denn während die Terrororganisationen Hisbollah im Libanon und Hamas in Gaza zwar zumindest militärisch extrem geschwächt sind, fristen noch immer 101 Geiseln in den dunklen Tunneln im Gazastreifen ein trostloses Dasein. Immer wieder betonen die Angehörigen, dass es für sie keine Zukunft gibt, wenn die Geiseln nicht befreit werden. »Dann werden wir für immer im 7. Oktober leben.«

Wie Ofri Bibas-Levy, die Schwester von Yarden Bibas, die dem Rosch-Haschana-Fest mit Schrecken entgegensieht. »Das letzte Neujahrsfest haben wir bei meinem Großvater in Aschkelon verbracht. Die ganze Familie war zusammen«, erinnert sie sich. »Auch Yarden, Shiri und die Kinder Ariel und Kfir waren dabei. Und jetzt sind sie immer noch in Gaza – seit einem ganzen Jahr. Sie sind weg, wie verschwunden. Es ist unfassbar und wir können es einfach nicht glauben.«

»Und jetzt sind sie immer noch in Gaza – seit einem ganzen Jahr. Sie sind weg, wie verschwunden. Es ist unfassbar und wir können es einfach nicht glauben.«

Noch weniger wollen die Angehörigen sich damit abfinden. Die gesamte junge Bibas-Familie, Yarden und Shiri mit ihren kleinen Kindern Ariel, der heute fünf ist, und Kfir, der bei seiner Entführung gerade einmal acht Monate war, wurden am 7. Oktober aus ihrem Heimatkibbuz Nir Oz von Hamas-Terroristen verschleppt.

Die Bibas sind vier von fast zehn Millionen Menschen in Israel. Ein Sprecher des Zentralamts für Statistik gab an, dass die Zehn-Millionen-Grenze in den kommenden Tagen überschritten werde. Zurzeit liegt die Gesamtbevölkerung den aktuellen Daten zufolge liegt bei rund 9.999.000 Israelis.

Hoffnung machen die vielen Neueinwanderer: Trotz des anhaltenden Krieges sind seit Beginn des jüdischen Kalenderjahres rund 31.000 Menschen aus mehr als 100 Ländern nach Israel eingewandert. Dies zeigen Zahlen des Ministeriums für Alija und der Jewish Agency.

19.850 Einwanderer aus Russland und über 3.340 aus den USA und Kanada immigrierten in dem Jahr. Darüber hinaus kamen unter anderen 1820 Neueinwanderer aus Frankreich, 980 aus der Ukraine, 560 aus Großbritannien und 160 aus Deutschland an, hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Die genannten Daten deuten auf eine Zunahme der Antragstellung durch potenzielle Einwanderer aus westlichen Ländern hin, insbesondere aus Frankreich, so das Ministerium.

Ein Drittel der Olim sind zwischen 18 und 35 Jahre alt

Ein Drittel der neuen Einwanderer sind zwischen 18 und 35 Jahre, weitere 20 Prozent Kinder. »Die Alija ist einer der Eckpfeiler des Zionismus, und tatsächlich haben wir seit Beginn des Krieges am 7. Oktober eine aufregende und einzigartige Alija-Welle erlebt«, schrieb Alija- und Integrationsminister Ofir Sofer in einer Pressemitteilung. »Im vergangenen Jahr sind Zehntausende Olim aus aller Welt nach Israel gekommen und haben sich in einer der schwierigsten Zeiten für diese Reise entschieden. Dies ist ein kraftvoller und bedeutsamer Ausdruck der tiefen Verbindung zwischen der jüdischen Diaspora und Israel.«

Der Überraschungsangriff aus Teheran war nicht nur für die Olim Chadaschim ein grausamer Neujahrsgruß. Er hat die Menschen in Israel einen Tag vor dem jüdischen Neujahrsfest in die Bunker geschickt und geschockt. Nur wenige schicken sich in diesen Tagen die üblichen Wünsche für ein gutes und süßes neues Jahr, »Schana Tova u’Metuka«. Stattdessen hofft man inständig auf ein besseres: »Schana Joter Towa«.

Westjordanland

Schin-Bet-Chef streitet mit Rechtsradikalen

David Zini fordert von Ministerin Orit Strock eine klare Verurteilung jüdischer Siedlergewalt – und droht mit der Rückkehr zur Verwaltungshaft

von Sabine Brandes  06.10.2026

Jahrestag

Israel warnt vor Angriffen auf Juden am 7. Oktober

Am 7. Oktober jährt sich das Massaker von Hamas-Terroristen in Israel. Bei dem Überfall 2023 wurden rund 1.200 Menschen getötet. Israel warnt nun Israelis im Ausland und Juden weltweit vor Angriffen

 06.10.2026

Gedenken

»Berlin steht fest an Israels Seite«

Regierender Bürgermeister Kai Wegner besucht zum Jahrestag des 7. Oktobers den Geiselplatz in Tel Aviv und erhält die Medaille der Stadt

von Sabine Brandes  06.10.2026

Grausamer Plan

Der Professor, der Massenmörder werden wollte

Der Akademiker plante, Hunderte Araber zu töten und viele Unterstützer zu gewinnen. Die Bar-Ilan-Universität zeigt sich »zutiefst entsetzt«

von Sabine Brandes  06.10.2026

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026