Geiseln

»Romi, mein Schatz, hörst du mich?«

»Romi Gonen! Meine Romili, mein Schatz, Romi, hörst du mich? Ich bin es, Ima! Wir vermissen dich so sehr.« Merav Leshem-Gonen ruft nach ihrer Tochter. Immer wieder ringt sie um Fassung. An diesem grauen Donnerstag im israelischen Winter steht die Israelin an der Grenze zum Gazastreifen. Angestrengt blickt sie in die trostlose Ferne. Heute hat sie nur einen Wunsch: dass ihr Rufen ankommt und ihre Tochter hört, dass ihre Familie alles dafür tut, damit sie freikommt. Die 23-jährige Romi ist Geisel in Gaza.

Es ist eine Gruppe von einigen Dutzend Angehörigen, die auf dem Anhänger eines Lastwagens stehen, die Plakate mit den Fotos ihrer Liebsten wie immer dabei. Der Wind zerrt an ihren Haaren und Jacken. Neben ihnen hängen riesengroße Lautsprecher an Kränen, die das Flehen der Mütter und Väter, Brüder und Schwestern bis in die Tunnel der Terrororganisation Hamas tragen sollen. Es sind besonders leistungsstarke Geräte, die Geräusche kilometerweit tragen können.

Die Lautsprecher können Geräusche kilometerweit tragen

»Verliert nicht die Hoffnung«, ruft die Gruppe bei der Aktion, die vom Forum der Familien von Geiseln und Vermissten organisiert ist. »Wir stellen die Welt auf den Kopf, um euch alle zurückzubringen. Wir können nicht glauben, dass es fast Tag 100 ist. Bleibt stark! Es ist fast vorbei.«  

»Elad Katzir!«, schreit eine junge Frau ins Mikrofon. »Elad, unser Liebster! Hier ist Maya. Ich bin im Namen deiner ganzen Familie hier.« Sie erzählt ihm, dass alle Angehörigen und Freunde verzweifelt auf ihn warten. Dass er mit seinen Nichten und Neffen endlich wieder zu einem Spiel von Makkabi Haifa gehen soll. Fans des Fußballklubs würden sie auf der Straße anhalten und die Hoffnung äußern, »dass du endlich nach Hause kommst«.

»Wir wissen, dass du stark bist. Wir wissen, dass du am Leben bist. Wir sind mit dir. Das ganze Volk Israels ist mit dir. Niemals werden wir dich alleinlassen, Elad Katzir!« Am liebsten würden sie alle einfach loslaufen, um auf eigene Faust nach ihren Liebsten zu suchen. Sie scheinen nur einige Kilometer entfernt, vielleicht sogar nur wenige Hundert Meter. Und doch sind sie dort – jenseits des Zaunes – in der Hölle und so fern wie in einer anderen Welt.

»Wir sind hier. Ganz nah bei dir. Das fühle ich.«

Mutter von Omer, orna neutra

»Idaaaaaan! Hier ist Omri, dein Bruder. Idan Shtivi! Wir warten auf dich. Ganz Israel und die ganze Welt warten auf dich«, schreit der Bruder der Geisel aus vollem Hals. Seine Stimme überschlägt sich. Idans Mutter steht neben ihm. »Hier ist Ima. Ich will nur, dass du wieder durch unsere Eingangstür gehst, Idan. Bitte. Bitte, komm doch nach Hause.«

Manche sind von weit her bis an die Grenze zu Gaza gekommen, wo noch immer der Krieg zwischen Israel und der Hamas tobt. Die Eltern des jungen Soldaten Omer Neutra sind aus den USA angereist. Sie wissen, dass sie heute keine Antwort bekommen werden. Und doch: »Omer, ich kann dich spüren«, spricht seine Mutter Orna Neutra in Richtung ihres Sohnes. »Wir sind hier. Ganz nah bei dir. Das fühle ich. Wir kämpfen jeden einzelnen Tag um dich«. Gemeinden in der ganzen Welt würden für ihn beten. »Wir lieben dich so sehr, Omer! Gib nicht auf!«  

Noch immer werden 136 Geiseln in Gaza festgehalten

Am Sonntag sind seit den verheerenden Blutbädern der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel 100 Tage vergangen. Am 7. Oktober richteten die Terroristen das schlimmste Massaker in Israels Geschichte an. Mehr als 1200 Menschen wurden dabei abgeschlachtet, etwa 240 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel geht davon aus, dass noch 136 Männer, Frauen und zwei Kinder dort festgehalten werden, allerdings meint die Armee, dass mehr als 20 von ihnen nicht mehr am Leben seien.

Mit der Aktion wollen die Angehörigen auch gegen den Psychoterror der Hamas aufbegehren. Viele der zurückgekehrten Geiseln berichteten, dass die Terroristen, die sie festhielten, ständig wiederholten, dass niemand in Israel auf sie warte, dass sich keiner um sie schert und sie für immer in Gaza bleiben müssten. Einige behaupteten sogar, dass Israel nicht mehr existiere.

»Omer, wir lieben dich!«, ruft dann Malki Shem-Tov ins Mikrofon. Immer wieder dieselben Sätze, wie ein Mantra der Hoffnung. »Omer, wir lieben dich! Bleib stark!« Alle würden zu Hause auf den jungen Mann warten. Er solle nur noch etwas aushalten. »Rak od kzat«, so der Vater. »Be karow«. Bald...

Natur

Gefährliche Ameise

Die invasive Afrikanische Großkopfameise breitet sich schnell aus und kann Ökosysteme sowie die Landwirtschaft schädigen – jetzt wurde sie in Haifa gefunden

 29.10.2026

Jerusalem

Wahl in Israel: Behörden sehen keine Beweise für Betrug

Den Vorwurf der ausländischen Einflussnahme auf die Knesset-Wahl nimmt die Wahlkommission aber ernst

 29.10.2026

Jerusalem

Lieberman: »Nicht mit Bibi und nicht mit Tibi«

Der Chef von Israel Beiteinu schließt eine Zusammenarbeit mit Netanjahu und den arabischen Parteien aus – und fordert eine rein zionistische Koalition

von Sabine Brandes  29.10.2026

Jerusalem

Israels Wahlkommission fordert Untersuchung möglicher ausländischer Einflussnahme

»Es wurden ernsthafte Verdachtsmomente an mich herangetragen«, sagt der Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, Noam Sohlberg

 29.10.2026

Jerusalem

Herzog will Neuwahlen vermeiden

Angesichts der unklaren Mehrheitsverhältnisse appelliert der israelische Präsident an die politischen Lager, sich bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen kompromissbereit zu zeigen

 29.10.2026

Jerusalem

Auszählung der »Sonderstimmen« in Israel hat begonnen

Die Stimmen von Soldaten, medizinischem Personal, Patienten sowie israelischen Diplomaten im Ausland könnten die Sitzverteilung in der Knesset noch verändern

 29.10.2026

Jerusalem

Wahl-Patt in Israel: Netanjahu und Eisenkot suchen Partner

Kein Lager hat eine Mehrheit, die Regierungsbildung dürfte schwierig werden. Während erste Gespräche laufen, erhebt Netanjahus Partei schwere Wahlbetrugsvorwürfe

 29.10.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Nachrichten

Auszählung, Expats, Einmischung

Kurzmeldungen aus Israel

von Sophie Albers Ben Chamo  28.10.2026