Begegnung

Roboter schaffen Frieden

Nur noch zehn Zentimeter, dann ist es im Ziel. Doch die Rampe ist schmal und die Zeit knapp. Das gelb-graue Ungetüm mit den sechs Rädern brummt und knarrt gemächlich vor sich hin, während seine Erbauer drum herum knien und frenetisch rufen: »Nun mach schon, etwas links, ein Stückchen rechts!« Am Ende fehlen 15 Sekunden, und das Team aus Petach Tikwa wirft sich vor Enttäuschung auf den Hallenboden. Doch es kann weitergebastelt werden, noch war es nur der Testlauf. In einer Stunde aber ist der Wettkampf, da muss der kleine Roboter die Strecke einwandfrei hinter sich bringen, damit es in die nächste Runde geht. Schnell werden die Köpfe zusammengesteckt, wird beraten, was schiefgelaufen ist. Die Jugendlichen, die so engagiert bei der Sache sind, nehmen am Wettbewerb für Roboterkonstruktion der »First Lego Liga« teil, der in diesem Jahr zum ersten Mal in einer arabischen Stadt in Israel stattfindet.

Teilnehmer Tamra ist ein kleines Städtchen, idyllisch auf einem Hügel in Untergaliläa gelegen, etwa die Hälfte der muslimischen Bewohner ist unter 20. Es scheint, als hätten sich an diesem Donnerstag alle in der Sporthalle der Abu-Romi-Oberschule versammelt. 18 Teams mit Teilnehmern im Alter von neun bis 14 Jahren aus dem gesamten Norden des Landes nehmen teil, fast ein halbes Jahr lang haben sie sich intensiv darauf vorbereitet. Das bunte Gemisch hier hat wenig mit dem Klischee stieseliger Technikfreaks zu tun. In der Pause dröhnen die neuesten Pophits aus riesigen Lautsprechern, die Teenager laufen von einem Team zum nächsten, plappern aufgeregt durcheinander, einige wiegen sich zu den Rhythmen hin und her. Es sind junge Juden, Araber, Drusen, eine Gruppe von Jungs hat Kippot auf dem Kopf. Auch jede Menge Mädchen sind dabei, einige von ihnen tragen Kopftücher.

Programm Die Lego-Liga ist ein internationales Roboterprogramm, das in Zusammenarbeit mit dem dänischen Spielewarenhersteller veranstaltet wird, um junge Menschen für Technik zu begeistern. Der Be- griff »First« steht für Inspiration und Anerkennung von Wissenschaft und Technologie (For Inspiration and Recognition of Science and Technology). Die Gruppen bestehen aus vier bis zehn Schülern, von denen jeder einen Job übernimmt. So kann einer Mechaniker sein, einer Elektriker, ein anderer der Leiter und ähnliches. Die Kinder benutzen Legoblöcke, Sensoren, Motoren, Gangschaltungen und eine hochentwickelte Kontrolleinheit, um in einer vorgegebenen Zeit einen Roboter zu bauen, der bestimmte Aufgaben erledigt. Wenn zum Wettkampf aufgerufen wird, tönen laut die Namen der Orte durch die Halle, aus denen die Teilnehmer stammen. Dann rücken die Mädchen und Jungs voller Stolz mit ihren selbstgebauten Robotern in den Händen nah an die Tische, auf denen der Parcours aufgebaut ist, feuern einander an.

Noam Pingle von der religiösen Yeschiwa Oberschule in Petach Tikwa findet es cool: »Wir sind zum ersten Mal dabei«, sagt der 14-Jährige und strahlt, dass seine Zahnspange nur so blitzt. »Das ist Wahnsinn. Es ist völlig anders, als wenn man nur darüber redet, dass man sich verstehen soll. Hier kann man das echt erleben«. Auch wenn Noam sich wünscht, dass er mit seinem Team gewinnen und an den israelischen Landesmeisterschaften in Tel Aviv teilnehmen wird, so drückt er auch den anderen die Daumen.

Chancen Regionaldirektorin von FIRST, Jaarit Levy, erklärt: »Gewinnen ist gut, doch helfen ist besser. Alle Teilnehmer sind hier Gewinner«. Damit alle dieselben Chancen haben, gibt es neben den hebräisch sprechenden auch arabische Juroren. First ist eine Organisation, die vor 20 Jahren vom US-Amerikaner Dean Kamen gegründet wurde. In der Saison 2008/2009 haben nach Veranstakterangaben weltweit 196.000 Kinder und Jugendliche in 51 Ländern teilgenommen. Ins Heilige Land kam die Lego-Liga vor sechs Jahren durch Alan Green, der auch in Tamra dabei ist. »Mein eigenes Kind hat mich förmlich in den Sog hineingezogen«, erinnert er sich. »Begonnen haben wir mit 18 Teams landesweit, heute sind es mehr als 100 in allen ethnischen Gruppen.« In erster Linie sollen sich die Jugendlichen durch die Begegnung mit Lego bereits in jungen Jahren mit Technologie anfreunden, so Green, doch es ginge zudem um Miteinander, Toleranz – und Spaß.

Die Jungs und Mädchen aus Nazareth haben ihn auf jeden Fall. Nach der fehlerfreien Vorführung ihres Roboters jubeln sie, als seien sie bereits auf dem Weg ins Finale. Wael Karam ist sicher, dass sie dabei sein werden, »Wir haben so hart gearbeitet und uns gut vorbereitet, es klappt bestimmt.« Doch selbst wenn Tamra ihre letzte Station in der Lego-Liga sein sollte, findet der 13-Jährige es nicht so schlimm. »Ich lebe in mit Juden zusammen, für mich ist es normal, doch nicht für alle meine Teamkollegen. Zu sehen, dass auch sie sich mit den anderen verstehen, freut mich sehr.«

Bald schon werden sich Wael und Noam wiedersehen. Die Teams aus Nazareth und Petach Tikwa haben es ins landesweite Finale Ende März geschafft. Und vielleicht werden die beiden unterschiedlichen Jungs danach gemeinsam ins Flugzeug steigen und ihr Heimatland Israel bei der weltweiten Ausscheidung Seite an Seite vertreten.

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