Pessach

Quadratisch, freiheitlich, gut

Wer’s mag: Lasagne à la Mazze Foto: Thinkstock

Alles muss raus! Häuser und Wohnungen werden beim obligatorischen Frühjahrsputz vor Pessach akribisch gesäubert. Auch in den hintersten Ecken wird nach dem kleinsten Krümel des verbotenen Chametz gesucht. Denn in der Festwoche kommt bei den meisten Israelis nur Ungesäuertes auf den Tisch. Doch nicht nur zu Hause werden die trockenen Fladen serviert. McDonald’s backt Hamburgerbrötchen aus Mazzemehl, Hummus dippt man mit den krachenden Stücken der Quadrate.

Arabische Gefangene protestieren gegen die chametzfreie Kost.
Und nicht nur die Wohnstuben werden auf Hochglanz gebracht. Auch die Kotel in Jerusalem wird gereinigt. Aus den Ritzen des höchsten Heiligtums der Juden wurden vor einigen Tagen in einer Zeremonie mit langen Stöcken die Wunschzettel der Menschen aus aller Welt entfernt. Strikt überwacht wurde die Aktion vom Rabbiner der Klagemauer, Schmuel Rabinovitz. Aus den jüdischen Gegenden ist Chametz verbannt, in Supermärkten, Restaurants und Cafés ist während der Feiertage alles koscher für Pessach.

Zwar gibt es in den arabischen Bäckereien des Landes nach wie vor Brot, Brötchen und Kuchen, doch die meisten Israelis lieben ihre Mazzen einmal im Jahr heiß und innig. In einer Umfrage gaben rund zwei Drittel von ihnen an, »zu versuchen, sich während der gesamten Festwoche koscher zu ernähren und auf Gesäuertes zu verzichten«. Das sagten sogar jene, die sich als gänzlich säkular bezeichneten. »Der Tradition wegen«, lautete die häufigste Erklärung.

Vollkorn Die Fabriken versenden die Kartons heute in mehr als 50 Länder in der ganzen Welt. Schon lange allerdings werden Mazzen ihrem Ruf, »so gut wie ein Stück Pappe zu schmecken«, gar nicht mehr gerecht. Es gibt sie inzwischen in immer mehr Geschmacksrichtungen: Vollkorn oder Dinkel, mit verschiedenen Gewürzen, Ei, Schokolade, Honig oder ohne Gluten. Eine ganz besondere Version ist übrigens die sogenannte Schmura‐Mazze. Die wird nach striktesten Richtlinien aus besonderem Getreide per Hand hergestellt. Dafür hat sie ihren Preis: Ein Pfund aus dem Heiligen Land kann bis zu 60 Euro kosten.

Neuester koscherer Hit auf den Festtagstischen sind Mazzen mit Aufdruck. Die werden passend zum Fest von der amerikanischen Firma Matzohgram vertrieben. Ob Davidstern, Sederteller oder andere jüdische Symbole: Mit bunten Speisefarben bedruckt, bringen die jüdischen Themen auf dem Gebackenen Abwechslung auf jeden Sedertisch. Zwölf Stück sind für etwa zehn Euro zu haben.

Ganz und gar nicht langweilig und doch koscher geht es in der Küche von Sharona Levinbaum zu. Der israelische Social‐Media‐Star kreiert die fantastischsten und süßesten Desserts, die man sich vorstellen kann. Als Pessach‐Nachspeise hat sie in diesem Jahr einen dekadenten Mazzen‐Turm entworfen. Zwischen den Fladen quellen Nutella, Schokoladenstücke und Kekse en masse hervor. Zum Abschluss gießt Sharona süßen Dessertwein über die Pracht. »Wer nicht auf Diät ist, sollte unbedingt nachbacken«, meint sie. Sharonas Rezepte sind auf ihrem YouTube‐Kanal zu finden.

Ferien Mazze‐Sandwichs werden natürlich auch am Strand verspeist. Dorthin zieht es die Israelis besonders gern, wenn die ersten heißen Tage nach dem Frühlingsanfang beginnen. Obwohl die Saison in Israel offiziell erst am 15. April losgeht, werden die Bademeister an der Küste und am See Genezareth während der gesamten Ferienzeit ab 20. März bis 7. April eingesetzt. Auch die Ausstellungen vieler Museen drehen sich um das Thema Pessach.

Meist verbindet man mit Judaica alte Silberleuchter, Schabbat‐ und Feiertagsutensilien, die seit Generationen in Familienbesitz sind. Doch im Israel‐Museum von Jerusalem werden jetzt Judaica im neuen Kontext gezeigt.

Für die Ausstellung To Go: New Design for Jewish Ritual Objects (Zum Mitnehmen: neues Design für jüdische Ritualobjekte) wurden Künstler aus der ganzen Welt eingeladen, die Gegenstände für die Zeremonien neu zu interpretieren. Vorgabe war, dass die Dinge kompakt und transportabel sind und in ein Reisekit passen. Highlight: ein Set zum Herstellen von Mazzen für unterwegs.

Alija Sie wünschten, sie wären auch in Israel, besonders am Pessachfest. Doch die rund 4000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Äthiopien müssen noch warten, bis sie in den jüdischen Staat einwandern dürfen. Der Haushalt 2019 wurde vor einigen Tagen von der Knesset angenommen, allerdings ohne die zugesagte finanzielle Hilfe für die äthiopische Alija. Um ihre Verbindung zum Judentum und zu Israel zu unterstreichen, backen die Menschen in dem afrikanischen Land jetzt gemeinsam 100.000 Mazzen. Dazu gehört es, das Mehl zu mahlen, zu sieben und dann über offenem Feuer zu backen.

Arabische Gefangene und Krankenhauspatienten wollen sich übrigens nicht auf die Fladen beschränken müssen. Während der Pessachwoche ist es in Israel allerdings verboten, Gesäuertes in öffentliche Einrichtungen zu bringen. Dazu gehören neben Verwaltungsgebäuden auch Gefängnisse und Krankenhäuser. Nicht selten werden Taschen durchsucht und Chametz konfisziert.

Dieser umfassende Bann ist jetzt auf dem Prüfstand. Das juristische Zentrum für die Minderheitenrechte von Arabern, Adalah, brachte eine Petition beim Obersten Gericht ein, die dagegen angehen will. »Denn«, meint Adalah, »diese flächendeckende Regelung stellt einen illegalen religiösen Zwang dar.«

Zoo Für viele Juden hingegen symbolisieren Mazzen das Ende der Sklaverei. Nach den harten Jahren in Ägypten flohen die Vorväter so schnell, dass sie keine Zeit hatten, Sauerteig herzustellen. 40 Jahre lang ernährten sie sich daraufhin in der Wüste von dem Brot, das nicht aufging, so die Legende. Vielleicht mundet der Geschmack nach Freiheit einfach nicht jedem.
Die trockenen Fladen essen übrigens nicht nur die Menschen. Auch Vierbeiner müssen in den kommenden Tagen gänzlich auf Gesäuertes verzichten.

Im Safari‐Park in Ramat Gan werden alle Käfige gesäubert und Chametz vom Speiseplan gestrichen. Den Elefanten schmeckt normalerweise Brot ausgesprochen gut, ganze Laibe können die Dickhäuter verdrücken. An Pessach aber hört man das Krachen aus den Käfigen, wenn die Mazzen gebrochen werden. Ebenso fressen Ziegen, Schafe und Affen koscher le Pessach. Tiere, die gewöhnlich Getreide fressen, haben stattdessen Mais und Hülsenfrüchte in ihren Schalen. »Bislang hat sich noch kein Tier bei uns beklagt«, verkündete die Zooleitung mit Schmunzeln. »Allen schmeckt es bestens.«

Paddington Sogar Bären müssen sich den Gepflogenheiten Israels an passen. Auch dann, wenn es sich um Kuscheltiere handelt. Der Kinofilm Paddington 2 läuft rechtzeitig zu den Schulferien in israelischen Kinos an und wird überall beworben.

Auf den Plakaten hält der berühmte Teddy aus Michael Bonds Kinderbüchern allerdings nicht sein heiß geliebtes Marmeladenbrot in den Pfoten, sondern eine durch und durch koschere Mazzenstulle.

Nachrichten

Familie, Absage, Straße

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  17.01.2019

Jerusalem

Nach dem Eklat

Dozentin der Hebräischen Universität sagt Vorlesungen ab

von Sabine Brandes  17.01.2019

Studie

Das Schoa-Paradox

Forscher finden Erstaunliches über die Lebenserwartung von Holocaust-Überlebenden heraus

von Ralf Balke  17.01.2019