Israel

Pogrom im eigenen Land

Sophie Albers Ben Chamo Foto: privat

Israel

Pogrom im eigenen Land

Der Morgen, der die jüdische Welt veränderte

von Sophie Albers Ben Chamo  08.10.2023 19:39 Uhr

Der erste Anruf kam um 8.12 Uhr deutscher Zeit und begann mit den schmerzhaften, aber leider bekannten Worten »Bevor du gleich die Nachrichten liest ... «. Es ist Schabbes-Morgen in Berlin, das Ende von Sukkot. Das Aufwachen war friedlich, warm, verschlafen, gleich sollte es Frühstück geben. Doch nach dem Telefonat und dem Blick ins Netz ist die jüdische Welt eine andere.

Auch wenn dieser Satz in seiner drastischen Bedeutung durch zu häufigen Gebrauch abgenutzt scheint, trifft er das, was die Nachrichten zeigen, auf den Punkt: Das Land der Juden, der einzige sichere Hafen in einer zunehmend unsicheren Welt, ist in einer groß angelegten Hamas-Aktion überfallen worden. Hunderte Terroristen ziehen marodierend durch israelische Ortschaften, sie erschießen, erschlagen, verbrennen, vergewaltigen, entführen Israelis, und bis zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels sind sie immer noch auf israelischem Boden.

whatsapp-gruppe Über die Mischpacha-WhatsApp-Gruppe werden die Lebenszeichen der Familie in Israel gecheckt. Der Onkel in Sderot sitzt seit sechs Stunden im Schutzraum, die Tante in Kfar Aza auch. Sie musste mit anhören, wie Terroristen durch ihr Haus gehen und versuchen, die Miklat-Tür zu öffnen. Bald werden wir erfahren, welches Glück sie hatte. Mindestens vier Kfar-Aza-Bewohner wurden nach Gaza verschleppt.

Die Medien ziehen schnell Vergleiche zum Jom-Kippur-Krieg, als Israel vor genau 50 Jahren den Überraschungsangriff arabischer Armeen knapp, aber erfolgreich zurückschlagen konnte. »Das hier ist ein Pogrom«, sagt meine Schwiegermutter, die gerade ihren ersten Sohn geboren hatte, als der Jom-Kippur-Krieg begann. Eine Frau, die so stark ist, wie sie fragil aussieht.

Die Frage, die dem kollektiven Schock folgt, lautet: Wie ist das überhaupt möglich? Wo war Zahal? Später erfahren wir, dass die Eingeschlossenen stundenlang vergeblich auf Hilfe gewartet haben.

cyberangriffe Um etwa halb elf werden wir vor Cyberangriffen über WhatsApp und SMS gewarnt. Fotos und Videos würden verschickt, um Mobiltelefone zu infizieren. Im Laufe des Tages kursieren Video-Clips aus den überfallenen Kibbuzim und Städten im Netz, die Unfassbares zeigen. Bald erlebe ich zum ersten Mal, dass meine Schwiegermutter die Fassung verliert.

Der Schock sitzt so tief, die Angst ist so groß. Das ist anders als alles, was Israel bisher erleben musste.

Wir suchen seit dem Morgen nach Flügen. Die Airlines beginnen, sie zu streichen. Die Mutter sagt zu ihrem Sohn, dass es sie beruhigt, uns in Sicherheit zu wissen. Natürlich schlägt die Familie alle Angebote aus, zu uns zu kommen. »Dann müsste ich ganz Israel mitnehmen«, sagt sie. 700 Tote, mehr als 2200 Verletzte, möglicherweise mehr als 100 Entführte, so der Stand am Sonntagabend.

Am Samstagnachmittag läuft die israelische Militäraktion »Swords of Iron« an, und ich fasse es nicht, dass deutsche Medien so ignorant sind, den Plural nicht zu übersetzen. »Eisernes Schwert« steht da. Nicht ein Schwert, denke ich, viele! Die größte Stärke Israels ist, dass die Menschen in Zeiten der Not zusammenfinden, egal, welche Politik sie vorher auseinandergetrieben hat.

blutspenden So hat denn auch die Protestbewegung gegen die rechte Regierung Netanjahu die Demonstrationen abgesagt, um das zu tun, was Israelis ausmacht: einander helfen. Aus dem Süden Evakuierte aufnehmen und versorgen, Soldaten zu ihren Basen fahren, Blut spenden. Die Schlangen vor den Spendestationen sind so lang, dass man stundenlang warten muss, erzählt mein Schwager.

Der Schock sitzt so tief, die Angst ist so groß. Das ist anders als alles, was Israel bisher erleben musste. Wir wissen nicht, was kommt. Wir können nur vorbereitet sein und füreinander da sein.

Die Welt muss endlich verstehen, mit wem wir es zu tun haben, wenn sie das nächste Mal über Gaza berichtet. Und Deutschland kann all seine Versprechen einlösen und helfen, wo es kann.

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Westjordanland/Gaza

Umfrage: Große Mehrheit lehnt Hamas-Entwaffnung vor einem israelischen Rückzug ab

Die Hintergründe

von Sabine Brandes  15.10.2026

Bericht

Netanjahu soll Trump zu Iran-Angriff vor der Wahl gedrängt haben

Der israelische Premier hat angeblich den US-Präsidenten gebeten, den Krieg vor den Wahlen wieder aufzunehmen. In Washington sieht man dabei auch innenpolitisches Kalkül

von Sabine Brandes  15.10.2026

Israel

Vor Schicksalswahl: Eisenkot verspricht Ende der Hamas-Herrschaft in 18 Monaten

Ex-Generalstabschef Eisenkot wirft Benjamin Netanjahu vor, die Kriegsziele im Gazastreifen verfehlt zu haben. Sollte er Regierungschef werden, kündigt er einen klaren Zeitplan an

 15.10.2026

Untersuchung

ADL: Manipulierte Wikipedia-Einträge über Israel immer noch nicht korrigiert

Die Anti-Defamation League wirft den Betreibern der Online-Enzyklopädie vor, zu wenig gegen die Manipulation von Einträgen zu unternehmen, die sich mit Themen wie dem Nahostkonflikt und dem 7. Oktober befassen

 15.10.2026

Wirtschaft

Käsekrise

Was nach einem Lieferengpass im Supermarkt aussieht, steht für ein großes Problem. Weil ausländische Techniker Israel meiden, stehen immer häufiger Maschinen still

von Sabine Brandes  15.10.2026

Diplomatie

Kolumbien verlegt Botschaft nach Jerusalem

Unter dem linken Präsidenten Petro brach Kolumbien die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Nun schlägt die neue Regierung einen anderen Kurs ein

 15.10.2026

Luftfahrt

Wie sicher sind Israel-Flüge?

Nach dem vereitelten Anschlag an Bord einer flydubai-Maschine werden immer mehr gravierende Sicherheitslücken bekannt

von Sabine Brandes  14.10.2026