Winter

Plüschpantoffeln gegen das Bibbern

Israelischer Winter: Starke Niederschläge und Stürme sorgen für Gefahren im Straßenverkehr. Foto: Sabine Brandes

Es ist die Zeit, in der sich Israel in einen gigantischen Zoo verwandelt. Seit einigen Tagen schlurfen Kaninchen, Kängurus und andere kuschelige Kreaturen über die Böden von Kindergärten, Häusern, Internaten und einigen Büros. Neulich wurden sie gar in einer Postfiliale gesichtet. Da lugte ein Paar grinsender Pudel unter dem Verkaufstresen hervor. Der Winter ist da – und Israelis stecken ihre kalten Füße mit Vorliebe in wärmende Plüschtierpuschen.

In den meisten Häusern ist es dieser Tage mangels Heizungen, Holzöfen sowie dichter Fenster und Türen unangenehm kalt. Zwar blasen die Klimaanlagen bei vielen Familien geheizte Luft in die Zimmer, mollig warm ist es unter den überdimensionalen Föns aber selten.

Also hüllen sich die Menschen von Nahariya bis Eilat nach der Arbeit gern in Joggingklamotten, Strickjacken und Decken. Der Verlust der Eleganz schert die meisten wenig. In den kalten Monaten gilt im Heiligen Land nur das eine Motto: »Hauptsache warm.«

feuchtigkeit »Es fällt mir schwer, am Morgen in die klamme Jeans zu steigen, um in die Uni zu fahren«, gibt Studentin Noa Gal aus Herzliya zu. »Am liebsten würde ich die ganze Zeit im Bett bleiben. Wenn es draußen so regnet, ist es viel zu ungemütlich. Da ich aber raus muss, ziehe ich mich so warm an wie möglich, meist mit zwei Paar Socken, Schal und Mütze.«

West- oder Nordeuropäer würden das, was in Israel Winter genannt wird, wahrscheinlich als Frühjahr oder Spätsommer bezeichnen und im T-Shirt spazieren gehen. Selten sinkt das Quecksilber tagsüber unter 15 Grad. Die meisten Israelis, die auf dem Kalender zwar vier Jahreszeiten kennen, faktisch aber eigentlich nur Sommer und Winter, frieren. Hinzu kommt der Regen. In den vergangenen Tagen goss es in Teilen des Landes ohne Unterlass. Dauerregen ist in Israel ein besonderes Spektakel.

Zwar sind heftige Wolkenbrüche und Gewitter im Winter nichts Ungewöhnliches, manchmal rauscht das Nass so blitzartig herab, dass man binnen Minuten bis zu den Knöcheln im Wasser steht. Dass die Schleusen des Himmels aber eine ganze Woche lang offen stehen, ist die Ausnahme. In Tel Aviv fiel in einer Woche so viel Regen, wie er sonst etwa in vier Monaten eines Jahres in der Stadt am Mittelmeer runterkommt.

Verbesserung Grund genug für die Stadtverwaltung, eine offizielle Erklärung herauszugeben. »Die Stadt Tel Aviv ist auf den Winter vorbereitet«, heißt es da. »Das Abwassersystem ist gereinigt, die Wege ins Meer sind geöffnet, Verbesserungen gemacht und Rezeptoren zur Warnung angebracht worden.« In den letzten Jahren sei »die Kanalisation für Millionen von Schekeln massiv verbessert worden«.

In Modiin funktioniert das System offenbar nicht ganz so gut. Im Azrieli-Einkaufszentrum raste plötzlich ein Wasserfall durch die Türen und überflutete das Erdgeschoss komplett. Die erstaunten Kunden und Verkäufer standen knietief im schlammigen Nass. So segensreich die Wassermassen für die Natur sind, sie bergen viele Gefahren: Die Niederschläge waschen Schlaglöcher in die Straßen, Fahrzeuge müssen sich ihren Weg durch zum Teil einen halben Meter tiefe Pfützen bahnen, Aquaplaning bildet sich fast überall.

Die Zahl der Unfälle verdoppelt bis verdreifacht sich jedes Jahr in der feuchten, dunklen Jahreszeit. In der judäischen Wüste, dem Jordantal und dem Negev bestehe wieder die Gefahr von Blitzfluten, warnte das meteorologische Institut Israels. In den letzten Jahren sind durch die überraschend heranbrausenden Wassermassen bereits mehrere Wanderer und Autofahrer in den Tod gerissen worden. Da die Regenfälle fast immer mit starken Stürmen einhergehen, warnt das Institut vor dem Schwimmen im Mittelmeer – Wellen und Strömung seien unberechenbar.

pegel Der meiste Niederschlag fiel im Zentrum des Landes, der Norden blieb relativ trocken. Für den geschundenen See Genezareth, die größte Wasserquelle des Landes, ist das keine gute Nachricht. Er steht nach wie vor bei 213,675 Metern unter dem Meeresspiegel. Uri Schorr, Pressesprecher der nationalen Wasserbehörde, erklärte, dass der Boden zunächst mit Wasser gesättigt sein müsse, bevor die Feuchtigkeit den See erreiche. Am Montag verkündete die Behörde, dass der Pegel um einen Zentimeter angestiegen sei.

Doch es gibt Hoffnung. Auch in den kommenden Tagen soll sich das Wetter nach Angaben der Meteorologen nicht wesentlich ändern. Weiterhin wird es im Radio heißen: »Kälter als gewöhnlich für diese Saison«. Heißeste Ware im Winter sind neben Pantoffeln Radiatoren oder Heizlüfter. In den Wintermonaten steigt der Verkauf um mehrere Hundert Prozent an, an den Eingängen zu den großen Baumarktketten und Supermärkten stehen sie zu Hunderten gestapelt.

Verkäuferin Sima Levy von der Präsentboutique Matanot in Gan Schmuel weiß, was ihre Kunden gegen die Kälte wünschen. »Viele, die jetzt Geschenke kaufen, nehmen Schals und Handschuhe für ihre Kinder oder Freunde mit. Die meisten aber wollen warme Füße schenken. Deshalb haben wir eine riesige Auswahl parat. Katzen, Hunde, Schafe. Bis Größe 47 und für jeden Geschmack.«

Israelische Zeitungen

Wahlergebnisse

»Sieg der Extreme«

Nach dem AfD-Erfolg in Mecklenburg-Vorpommern wächst in Israel die Aufmerksamkeit für Deutschlands politische Verschiebung

von Sabine Brandes  22.09.2026

Debatte

Wehret den Anfängen gilt rechts und links

Ein Offener Brief an Bischof Christian Stäblein vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Berlin/Brandenburg

von Cornelia Seibeld  22.09.2026

Reaktionen

Besorgnis in Israel nach Berlin-Wahl

Der Wahlsieg der Linken sorgt vor allem mit Blick auf Antisemitismus und das jüdische Leben in der deutschen Hauptstadt für Aufmerksamkeit in israelischen Medien

von Sabine Brandes  22.09.2026

Umfrage

Mehrheit sieht keine Chance für friedliche Zwei-Staaten-Lösung

Eine friedliche Koexistenz ist für eine Mehrheit der Israelis und eine noch größere Mehrheit der Palästinenser im Westjordanland und in Ostjerusalem derzeit nicht vorstellbar

 22.09.2026

Alei Zahav

Terroranschlag im Westjordanland: Vater rettet seinem Sohn das Leben und stirbt

»Papa, ich möchte dir für 16 gemeinsame Jahre danken. Danke, dass du mir zugerufen hast, als der Terrorist kam«, sagte der 16-Jährige Yoav bei der Beerdigung seines Vaters

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Jerusalem

Ein toter Israeli bei Terroranschlag im Westjordanland

Kurz vor Beginn von Jom Kippur kommt es zu zwei Terroranschlägen im von Israel besetzten Westjordanland. Ein israelischer Zivilist und einer der angreifenden Palästinenser werden getötet

 20.09.2026

Jerusalem

Präsident Herzog begnadigt verurteilten Ex-Soldaten Elor Asaria

Israels Präsident lässt einen Strafregistereintrag des ehemaligen Soldaten löschen, der 2016 einen am Boden liegenden, palästinensischen Attentäter tötete. Die israelische Armee war laut Berichten dagegen

 20.09.2026

Kommentar

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026