Medizin

»Nicht wegschauen«

Michael Segal vom Sheba Medical Center, mit einem kleinen ukrainischen Patienten auf dem Arm, ist einer der rund 100 Freiwilligen aus Israel, die das Lazarett betreiben. Foto: Naama Frank Azriel

Sie sind extrem selten dieser Tage in der Ukraine. Doch es gibt sie: die Geschehnisse, die Menschen ein Lächeln auf die Lippen zaubern. »Nach einer sehr schwierigen Woche endlich eine gute Nachricht. Das erste Baby ist im israelischen Feldkrankenhaus ›Kochaw Meir‹ in der Ukraine geboren worden. Mutter und Kind geht es gut«, twitterte das Außenministerium in Jerusalem am vergangenen Donnerstag voller Stolz.

Das Team der Ärztin Michal Kirschenbaum, der Chirurgin Hadas Ilan und der Hebamme Dana Schenkel brachte das Baby trotz begrenzter Ausrüstung per Kaiserschnitt sicher zur Welt. Es wog bei der Geburt 3300 Gramm. Was in einem modernen westlichen Krankenhaus Routine ist, kann in der westukrainischen Provinz schnell zur lebensbedrohlichen Gefahr werden.

sirenen Denn selbst wenn hier, 14 Kilometer östlich der Grenze zu Polen, keine unmittelbaren Kämpfe stattfinden, so könnten doch jederzeit Sirenen schrillen, die vor ankommenden russischen Raketen oder anderen Luftangriffen warnen. Die israelische Delegation befindet sich in einem Land im Krieg. Sicher ist da kaum ein Ort.

Das israelische Feldkrankenhaus »Kochaw Meir« (Leuch­tender Stern) ist nach der ehemaligen Premierministerin Golda Meir benannt.

»Das wird uns bewusst, wenn wir die Busse sehen, die permanent vor dem Tor stehen«, sagt Yoel Har-Even in einem Zoom-Anruf aus der Ukraine und zeigt auf die beiden gelben Fahrzeuge an der Straße gegenüber. »Mit denen werden wir im Falle eines Falles in Sicherheit gebracht.« Har-Even ist Leiter der internationalen Abteilung des Sheba-Krankenhauses und führt die Mission zusammen mit Professor Elhanan Bar-On, dem Direktor des israelischen Zentrums für humanitäre Notfall- und Katastrophenmedizin.

Leuchtender Stern Das israelische Feldkrankenhaus »Kochaw Meir« (Leuch­tender Stern) ist nach der ehemaligen Premierministerin Golda Meir benannt, die in Kiew geboren wurde. Die Einrichtung ist das einzige ausländische Lazarett in der Ukraine. Untergebracht ist es auf dem Gelände einer Grundschule in Mostyska. Es umfasst zehn Außenzelte und mehrere Klassenzimmer, die in Stationen mit insgesamt 150 Betten umgewandelt wurden. Da stehen verstellbare Krankenhausbetten unter Tafeln und Inkubatoren auf Lehrerpulten.

Die 100 zivilen Mitarbeiter, darunter 80 Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger aus Hospitälern in ganz Israel, sind allesamt Freiwillige. Sie schlafen und essen auch im Schulgebäude.

Neben den verschiedenen Abteilungen, darunter Notaufnahme, Kinderabteilung, Röntgen- und Telemedizin, gibt es eine ambulante Klinik. Ein großer Teil der Arbeit wird mithilfe von »Sheba Beyond« durchgeführt, der medizinischen Ferneinheit, die vom Sheba Medical Center in Tel Hashomer aus operiert. Sie ermöglicht die Behandlung und Überwachung von Patienten durch medizinisches Personal in Israel.

Seit Eröffnung des Lazaretts wurden bereits mehr als 2000 Patienten behandelt und mehrere Operationen durchgeführt, teilweise an verletzten Flüchtlingen. Soldaten mit Kampfverletzungen bekommen die Mediziner indes nicht zu sehen. Das Krankenhaus sei ausschließlich für Zivilisten bestimmt, erklärt Har-Even. Die Ukrainer würden da strikt unterscheiden. Die Leistungen sind für alle Patienten kostenlos.

Austausch Die Israelis haben mittlerweile auch gute Beziehungen zur Regionalverwaltung und zu medizinischen Einrichtungen in der Gegend aufgebaut und stehen mit diesen kontinuierlich in Kontakt. Den Austausch mit der Bevölkerung bezeichnet Har-Even als »wunderbar«. Alle seien dankbar, dass die Israelis zum Helfen da sind. Einige Tage nach der Eröffnung twitterte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba über seine Wertschätzung für die israelischen Bemühungen: »Dankbar dem Staat Israel für die Einrichtung des Feldkrankenhauses #ShiningStar.«

Die erstklassige Versorgung hat sich schnell herumgesprochen. Nur Minuten nach der Eröffnung am 22. März standen die Menschen aus der Gegend bereits Schlange. »Morgens ist es hier immer voll«, so Har-Even. »Unsere Mission ist es, sicherzustellen, dass die ukrainische Bevölkerung weiß, dass sie in dieser Krise nicht allein ist.«

Seit Eröffnung des Lazaretts wurden bereits mehr als 2000 Patienten behandelt und mehrere Operationen durchgeführt.

Er erinnerte daran, dass viele Missionsmitglieder, einschließlich seiner Familie, Wurzeln in diesem Land haben. »Alle meine Großeltern wurden im Frühjahr 1943 in die Lager geschickt. Wie durch ein Wunder haben sie überlebt, und hier bin ich«, erzählte Har-Even und fügte hinzu: »Es gibt zu viele Geschichten und Mahnungen. Wir haben eine klare moralische Verpflichtung, nicht wegzuschauen – als Menschen, als Mediziner und als Juden.«

solidarität Am Montag besuchte Gesundheitsminister Nitzan Horowitz das Lazarett. Es war der erste Besuch eines israelischen Ministers in der Ukraine seit dem Angriff Russlands auf das Land am 24. Februar. Horowitz sagte, sein Besuch symbolisiere Israels »Solidarität mit der Ukraine« – gegen eine »bösartige Invasion, gegen die Morde und Kriegsverbrechen, die jetzt im ganzen Land aufgedeckt werden«.

Dann wurde er noch deutlicher. Es sei sehr schwer, sich die Bilder vom Massaker in Butscha anzusehen. »Aber wir können nicht die Augen verschließen. Auch nicht vor den Kriegsverbrechen Russlands, den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Menschenrechte und Demokratie. Ich besuche heute das Feldkrankenhaus, um eines klarzustellen: Ukraine, du bist nicht allein.«

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