Umwelt

Neues Leben für alte Kleider

Langsam kommt ein Ärmel hervor. Dann noch einer. Ein Ruck – und schließlich ist die rote Bluse frei. Mehrere Frauen ziehen und zupfen an Tausenden von Hosen, Kleidern, Pullovern, Röcken oder Hemden, die in einem Berg aus zehn Tonnen Altkleidern liegen. Meterhoch in der Ecke einer Lagerhalle aufgeschichtet, hat er etwas Anklagendes, ja, Bedrohliches. »Das hässliche Gesicht der schönen Modeindustrie«, beschreibt es Viktoria Kanar, eine der Gründerinnen von »Re-Born Textiles«, den »wiedergeborenen Kleidungsstücken«.

Am 3. Dezember eröffneten Kanar und ihre Geschäftspartnerin Revital Nadiv im Nachhaltigkeitszentrum »Sustainability and Innovation Center« in Kfar Saba ihr Projekt Re-Born Textiles. Damit wollen sie eine städtische Lösung für die Textilabfälle finden, die heute noch immer für viel Geld entsorgt werden müssen, hauptsächlich auf den Müllkippen landen oder in Dritte-Welt-Länder verschifft werden. Ziel der Initiative ist es, eine nachhaltige, klimaneutrale und zirkuläre Textil- und Bekleidungsindustrie in Israel zu fördern. Re-Born Textiles ist von der Organisation »Re-Fresh« initiiert.

In Kursen werden Jugendliche und Frauen ausgebildet.

Das System baut auf drei Schritten auf, die hier im Zentrum in Kfar Saba von den Frauen durchgeführt werden: Zunächst wird alles Stück für Stück in großen Kartons sortiert. Dabei werden neue oder sehr gut erhaltene Kleidungsstücke herausgefiltert und in den Einzelhandel zurückgeführt (Re-Use). Weitere Kleider, Röcke, Hosen und anderes werden, beispielsweise per Laser-cut, zu anderen Textilien umgearbeitet (Re-Make). Der Rest wird als Abfall an die Bau- oder Automobilindustrie verkauft (Re-Cycle).

BAUMATERIALIEN Re-Use umfasst rund 40 Prozent der Altkleider, Re-Make etwa zehn Prozent, der Rest geht ins Recycling. Das Material wird geschreddert und für Isolierungsstoffe und Ähnliches verwendet. »Damit können wir Geld verdienen, und es ist nicht einmal ein großer Aufwand«, erklärt Kanar.

Bislang importiert Israel die Baumaterialien vollständig aus dem Ausland, die im Land auf simple Art und Weise hergestellt werden könnten. »Wir möchten auf diese Weise auch Industrien zur Zusammenarbeit auffordern, an die sie vorher vielleicht nicht einmal gedacht haben.«

Israel produziert etwa 500.000 Tonnen Textilabfälle jährlich. Bislang verfügt es jedoch über keinerlei effiziente, transparente und grüne Lösung, wie die täglich entsorgten Kleider-Stoffreste angemessen vernichtet oder weiterverarbeitet werden können. Damit unterscheidet sich das Land nicht vom Rest der Welt. Gleichzeitig hat sich Jerusalem verpflichtet, die Nachhaltigkeits-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 zu erfüllen. Dazu gehört unter anderem die zirkuläre Wirtschaft.

TRAININGSKURSE Kanar findet den Mangel an Maßnahmen in keiner Weise zeitgemäß: »Wir befinden uns hier in der Start-up-Nation, doch für die Prob­leme der Modeindustrie gibt es nicht eine einzige Lösung. Das muss dringend geändert werden, und deshalb haben wir damit angefangen. Auch wenn der Anfang nicht leicht war.« Gemeinsam mit den »starken Partnern«, ist sie sicher, werde man es schaffen, einen Wandel herbeizuführen.

Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft unterstützt die Deutsche Botschaft in Israel ein Teilprojekt, das folgende Maßnahmen beinhaltet: In einem ersten Schritt wird der sogenannte »Fashion Waste« gesammelt. Im Anschluss lernen gefährdete Jugendliche und Frauen aus schwierigen Lebensverhältnissen in Trainingskursen, sich kreativ damit auseinanderzusetzen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen »empowert« werden und als Multiplikatoren für Nachhaltigkeit wirken. Fast 100 Frauen aus dem ganzen Land haben bereits an Kursen teilgenommen, um über die Herausforderungen und Lösungen der Mode- und Textilindustrie sowie das professionelle Textilsortieren und -management zu lernen.

KONSUMVERHALTEN Die deutsche Botschafterin in Israel, Susanne Wasum-Rainer, nahm an der Eröffnung teil und machte deutlich, wie sehr ihr dieses Projekt gefällt, besonders im Hinblick auf die soziale Verantwortung. »Die Pandemie hat gezeigt, dass man aus dieser Krise nicht herausgehen sollte, wie man hineingegangen ist. Aber hier sehen wir, dass Dinge geändert werden können – sogar im großen Rahmen.«

Die Deutsche Botschaft und H&M unterstützen die Initiative.

Neben der Deutschen Botschaft unterstützen die Bank Hapoalim, der Modegigant H&M sowie die Nichtregierungsorganisationen WIZO, Ani Shlishi und Dandesha die Initiative. Und auch die Stadtverwaltung von Kfar Saba hilft mit, indem sie Re-Born Textiles in ihren Gebäuden aktiv werden lässt. Bürgermeister Rafi Sagi lobte die Gründerinnen für ihren Innovationsgeist.

»Um Projekte wie dieses voranzubringen, arbeiten wir mit Forschern und Universitäten zusammen. Gleichzeitig stärken wir die Informationskanäle für unsere Bürger, um das Konsumverhalten und die Haltung zur Mülltrennung zu ändern.« Derzeit gebe es so gut wie keine staatliche Unterstützung, gab der Bürgermeister zu. Fast alle Aktionen fänden lediglich auf lokaler Ebene statt. »Doch zusammen können wir den sozialen Wandel erreichen und die Zukunft unserer Kinder und unseres Planeten sichern.«

»Wir wollen letztendlich aus den Rohstoffen etwas Neues herstellen, Jobs schaffen und in der Lage sein, uns selbst zu tragen«, fasste Mitgründerin Nadiv die Agenda von Re-Born Textiles zusammen. »Unser Vorhaben ist es, eine Mikrofabrik aufzubauen, die sich selbst trägt – oder besser gleich eine komplette Industrie ins Leben zu rufen.«

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026

Hintergrund

Terror über den Wolken

Wie Pilot und Passagiere im Flug von Dubai nach Tel Aviv eine Katastrophe verhinderten

von Sabine Brandes  08.10.2026

Diplomatische Beziehungen

Britisches Konsulat in Jerusalem bleibt als Mission bestehen

Israel reagiert auf britische Sanktionen gegen israelische Siedlungspolitik, mehrere Diplomaten verlassen das Land. Gänzlich geschlossen wird das britische Konsulat in Ost-Jerusalem aber doch nicht

 08.10.2026

Meinung

Wenn Journalisten Terroristen sind – 170 Namen und eine unbequeme Wahrheit

Unser Autor reflektiert über die grundsätzliche Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird

von Daniel Neumann  08.10.2026

7. Oktober

»Erinnern heißt auch, nach der Wahrheit zu suchen«

Bei der großen Gedenkveranstaltung im Hayarkon-Park standen die Opfer im Mittelpunkt – und die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungskommission

von Sabine Brandes  08.10.2026

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026

Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Norden war von Terror und Krieg besonders geschunden. Aber auch Absagen aus dem Ausland beendeten Shachar Bers Karriere als Drummer. Mit einer eigenen Aufstrich-Marke wagt er den Neuanfang

von Sabine Brandes  07.10.2026

Nachrichten

Massage, Kibbuz, Opposition

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026