Nahost

Netanjahu: Kontrolle des Grenzkorridors ist »strategischer Imperativ«

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei seiner Rede am Montagabend Foto: copyright (c) Flash90 2024

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich am Montagabend gegen Vorwürfe verteidigt, wonach er eine Vereinbarung über eine Freilassung der etwa 100 verbleibenden Geiseln mit der palästinensischen Terrororganisation Hamas blockiert.

Er sagt, die Kontrolle über den 14 Kilometer langen Philadelphi-Korridor zu behalten, sei ein »strategischer Imperativ«. Es handelt sich um das Grenzgebiet zwischen dem bisher vom Terror kontrollierten Gazastreifen und Ägypten. Nur wenn es den Korridor kontrolliere, könne Israel seine Kriegsziele erreichen, betonte Netanjahu.

Ein Abzug der israelischen Streitkräfte (IDF) vom Philadelphi-Korridor würde dem Ministerpräsidenten zufolge bedeuten, dass sie nie wieder die Gelegenheit bekommen würden, dorthin zurückzukehren. In diesem Fall würde sich die Hamas neu aufstellen und erneut bewaffnen können, um weitere Massaker im Stil des 7. Oktobers zu verüben. Letztere hatten die palästinensischen Terroristen bereits angekündigt.

»Hoher Preis«

Während Israel bitteren Abschied nimmt von den sechs zuletzt im Gazastreifen getöteten Geiseln, kündigte Netanjahu an, die Hamas werde einen »sehr hohen Preis« für ihre Ermordung zahlen. Die Leichen der Verschleppten waren am Samstag in einem Terror-Tunnel im Süden des Gazastreifens entdeckt worden.

Das israelische Gesundheitsministerium teilte Medienberichten zufolge mit, die Geiseln seien etwa 48 bis 72 Stunden vor der Autopsie aus nächster Nähe erschossen worden.

»Israel wird dieses Massaker nicht durchgehen lassen«, sagte Netanjahu bei einer Pressekonferenz am Abend. Er habe sich bei den Familien der Toten entschuldigt, »dass es uns nicht gelungen ist, sie lebendig zurückzubringen«. Angehörige der Geiseln werfen ihm vor, den Tod der Entführten durch seine Haltung in den Verhandlungen mit der Hamas billigend in Kauf genommen zu haben.

»Zunichte gemacht«

Die Gespräche über eine Vereinbarung mit dem palästinensischen Terror seien auch nach dem Fund der sechs Leichen telefonisch weitergeführt worden, sagte ein an den Verhandlungen beteiligter US-Regierungsvertreter dem Sender CNN. Netanjahus Pressekonferenz habe die Bemühungen aber quasi zunichtegemacht: »Dieser Typ hat jetzt alles mit einer Rede torpediert«, wurde der Regierungsvertreter zitiert.

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Auch US-Präsident Joe Biden, der weiterhin auf einen Geisel-Deal hofft, kritisierte Netanjahu. Auf die Frage, ob der israelische Ministerpräsident genug tue, um ein Abkommen zu erreichen, entgegnete Biden bei einem Auftritt in Washington: »Nein.« Gleichwohl sei man einer finalen Vereinbarung zur Freilassung der restlichen Geiseln aus der Hand der Hamas »sehr nah«.

Während es zuletzt zu Großdemonstrationen gegen Netanjahus Politik kam, gibt es auch viele Israelis, die diese unterstützen. Sie glauben, nur militärischer und diplomatischer Druck können eine Freilassung der 100 Geiseln eventuell möglich machen.

»Dringende Aufgabe«

Bei der Beisetzung der getöteten Geisel Hersh Goldberg-Polin sprach auf Einladung der Familie Israels Präsident Izchak Herzog. Auch er bat in seiner Trauerrede um Vergebung, »dass es uns nicht gelungen ist, euren Hersh lebendig zurückzubringen«. Israels Entscheidungsträger stünden nun vor einer dringenden Aufgabe, sagte Herzog: »Die zu retten, die noch gerettet werden können.«

Kämpfer der islamistischen Hamas hatten den US-Israeli Goldberg-Polin am 7. Oktober 2023 vom Nova-Musikfestival in den Gazastreifen verschleppt. Er wurde nur 23 Jahre alt.

Ein Sprecher der zur Hamas gehörenden Al-Kassam-Brigaden sprach am Abend von »neuen Anordnungen« an die Bewacher israelischer Geiseln im Gazastreifen für den Fall, dass sich israelische Truppen deren Versteck nähern sollten. Dass die israelische Regierung die Geiseln offenkundig durch militärischen Druck statt durch Abschluss eines Abkommens befreien wolle, werde zur Folge haben, »dass sie in Särgen zu ihren Familien zurückkehren«.

Terror-Video zeigt Eden Jeruschalmi

Die Hamas will einen kompletten Abzug Israels aus Gaza. Sie selbst hatte den andauernden Krieg allerdings am 7. Oktober mit den von ihr verübten Massakern begonnen, einen im November ausgehandelten Waffenstillstand gebrochen und Israel monatelang mit Raketen attackiert. Vertreter der Terrorgruppe kündigten zuletzt »Tage des Zorns« in aller Welt und Selbstmordanschläge in Israel an.

Die Hamas veröffentlichte ein Propaganda-Video, auf dem die Entführte Eden Jeruschalmi noch lebend zu sehen ist, bevor das israelische Militär ihre Leiche vorige Woche in einem Tunnel im Gazastreifen entdeckte. Die Familie der 24-Jährigen erklärte sich israelischen Medien zufolge damit einverstanden, eine kurze Sequenz des Videos weiterzuverbreiten.

Darin sagt die junge Frau: »Eine Botschaft an meine Familie, die ich liebe: Ich vermisse euch, Vater, Mutter, Schwester Shani und May. Ich vermisse und liebe euch alle so sehr.« dpa/ja

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