»Pokémon Go«

Monsterjagd in Nahost

Hype: Auch am Strand von Tel Aviv lassen sich Pokémon-Figuren fangen. Foto: Thinkstock, Montage: Marco Limberg

Wenn es um digitale Trends geht, sind die Israelis meist sofort dabei. Und so wandern auch sie dieser Tage durch die Straßen von Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, in Kibbuzim und Dörfern, den Blick fest auf ihre Mobiltelefone gerichtet. Sie suchen die possierlichen virtuellen Monster in der Applikation von Nintendo. Wegen des starren Blicks auf die Bildschirme werden sie im Volksmund »Pokémon-Zombim« genannt, die »Pokémon-Untoten«. In Israel und den palästinensischen Gebieten hat das Monsterspiel-Fieber die Bevölkerung erfasst.

Und das, obwohl die App im Nahen Osten eigentlich noch gar nicht offiziell herausgegeben wurde. Doch die technikbegeisterten Israelis fanden prompt Wege, das zu umgehen. Amir Niv ist Computerspezialist und weiß: »Das ist ein Leichtes. Mittlerweile ist überall im Internet nachzuschlagen, wie man auch bei uns problemlos spielen kann.« Niv findet das in Ordnung. »Die ganze Welt ist verrückt danach. Also ist es doch logisch, dass wir sofort und nicht erst in ein paar Wochen oder Monaten mitspielen wollen.«

Und das tun sie jetzt en masse von Nord bis Süd. Mittlerweile gibt es mehrere Facebook-Gruppen mit Tausenden von Mitgliedern, in denen Spieler ihren »Fang« mit den erlangten Punkten präsentieren: »Pinsir – erledigt, Hitmonchan – erledigt, Omanyte – entkommen.« Auch Eier, für die der Spieler umherlaufen muss, damit eine Kreatur die Schale knackt, werden gern gepostet. »Ratet mal, was herauskam?«, fragt Eldad Aflalo.

Präsident Sogar Staatspräsident Reuven Rivlin begibt sich persönlich mit auf die digitale Jagd. In seiner Jerusalemer Residenz – in dem Raum, in dem er normalerweise Staatsgäste aus aller Welt empfängt – versuchte er, mitten auf dem Orientteppich ein katzenähnliches Wesen dingfest zu machen. Ein Foto davon postete er auf seiner Facebook-Seite und schrieb darunter: »Rufe doch bitte jemand die Sicherheit!« Rivlin erhielt dafür mehr als 33.000 Likes. Das Büro der Heimatfront (Pikud Haoref) forderte die Israelis auf, Pikachu und Co. in ihren Sicherheitsräumen zu suchen und Bilder davon in die sozialen Netzwerke zu stellen.

Doch nicht nur die Bürger in Zivil jagen mit. Auch die Männer und Frauen in Uniform spielen frenetisch und belegen ihre Erfolge sofort online. Mitglieder der Marine stellten ein Bild auf die Seite »IDF Tweets«, auf der ein knallbuntes Getier über einem Schiff oder einer Anlage zu sehen ist und davor ein Soldat, der im Inbegriff ist, es abzuwerfen. »Es gibt welche, die nur wir kriegen können«, schrieben die enthusiastischen Spieler dazu. Andere Soldaten zeigten sich in Videos bei turbulenten Manövern in der Wüste oder verulkten digital ihre Rangabzeichen an der Uniform in »Monsterjäger Nummer eins«.

Sicherheit Da die Anwender dem Betreiber allerdings Zugang zu ihrem Aufenthaltsort und ihrer Kamera gewähren müssen, zog die Armee nun in ihren Militärbasen der Nintendo-App fürs Handy den Stecker. »Dieses Spiel ist eine Quelle, um Informationen zu sammeln«, steht in der Warnung der Abteilung für Informationssicherheit, die am vergangenen Freitag an alle Soldaten ging. Daher darf es in keiner Armeebasis mehr gespielt werden. Die Armee sorgt sich, dass Soldaten im Spielfieber unvorsichtig mit Informationen zu sensiblen Standorten oder militärischen Aktionen sein, diese ins Internet stellen und damit potenziellen Feinden in die Hände spielen könnten.

Doch Pokémon in Nahost ist auch politisch. Palästinensische Spieler nutzten die Applikation, um den Fokus auf den Konflikt zu lenken. Einige machten Bilder, wie sie in Ruinen von Häusern im Gazastreifen Monster fangen. Eine palästinensische Anwenderin aus dem Westjordanland schrieb unter ihr Foto: »Oh je, das Monster hat sich in einer jüdischen Siedlung versteckt. Wie soll ich da nur rankommen?«

Roni Badari spielt mit und findet, dass Pokémon Go nicht nur ein »dumpfes Handyspiel« sei, sondern jede Menge Vorteile hat. »Statt zu Hause zu sitzen und stur vor sich hin zu daddeln, bringt Pokémon Go die Leute auf die Straße. Alle laufen draußen rum. Meine Freunde und ich machen einen Wettbewerb, wer die meisten Monster an berühmten Orten oder vor Sehenswürdigkeiten in Israel und der ganzen Welt findet und postet. Wir schicken uns damit Fotos aus dem Urlaub«, erzählt die 17-jährige Schülerin aus Haifa. »Das ist ein witziger Sommerspaß, der die oft ganz schön langweiligen Ferien ein bisschen aufregender macht.«

Jerusalem

Zusammenstöße zwischen Charedim und Säkularen in Jerusalem wegen eines Cafés

Seit sechs Wochen muss die Polizei ein Café im Zentrum Jerusalems vor Angriffen schützen

 09.08.2026

Hitzewelle

Schatten statt Schwitzen

Was Europa bei Extremtemperaturen von Israel lernen kann

von Markus Ponweiser  09.08.2026

Israel

Jerusalem: Gedenken an den in Hamas-Gefangenschaft ermordeten Hersh Goldberg-Polin

Hunderte Menschen haben am Freitag der in Gaza ermordeten Hamas-Geisel Hersh Goldberg-Polin gedacht. Es ist die zweite Jahrzeit

 09.08.2026

Ugandische Truppen

Nahost

Ugandas Parlament billigt Truppenentsendung nach Gaza

Auf US-Anfrage soll sich ein Kontingent der ugandischen Armee der geplanten internationalen Stabilisierungstruppe anschließen. In Afrika zählt das Land zu den größten Truppenstellern für Friedensmissionen

 07.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Justiz

Israelischer Siedler wegen Tötung eines Palästinensers angeklagt

Der getötete Aktivist setzte sich gegen Siedlergewalt ein und war an dem Oscar-prämierten Film »No Other Land« beteiligt. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht

 07.08.2026

Dublin

Wegen Israel-Boykott: Irisches Regierungsflugzeug kann nicht mehr im Nebel landen

Beim Kauf der Maschine wurde bewusst auf das System »FalconEye« verzichtet, weil der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems an dem Produkt beteiligt ist

 07.08.2026

Thailand

Israelische Mutter und Tochter nach Angriff im Krankenhaus

Die Touristinnen wurden auf der Insel Koh Phangan von einem Mann attackiert, der zuvor Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisiert hatte. Eines der Opfer erlitt eine Gehirnblutung

 07.08.2026

Washington/Rom

USA: Annäherung bei Gesprächen zwischen Libanon und Israel

Man sei sich »nun deutlich näher« bei der Frage, was getan werden müsse, um die sogenannten Pilotzonen weiterzuführen und auszubauen, sagt ein Sprecher des US-Außenministeriums

 07.08.2026