Terror

Mitten ins Herz

Trauer: Familie und Freunde bei der Beisetzung von Kim Levengrond-Yehezkel Foto: Flash 90

Hier gehen sie jeden Tag arbeiten, hier spielen sie nach Feierabend Fußball, hier treffen sie sich am Freitagmittag vor dem Wo­chenende zum Essen. Und das alles gemeinsam. Rund 4000 jüdische Israelis und etwa genauso viele Palästinenser sind im Industriepark Barkan beschäftigt. Am Sonntag erschoss ein palästinensischer Angestellter zwei jüdische Kollegen. Und traf damit mitten ins Herz der fragilen Koexistenz.

Der vermeintliche Attentäter, der 23‐jährige Aschraf Walid Suleiman Na’alwa, wurde von Sicherheitskameras aufgenom­men, wie er bewaffnet durch das Gebäude lief. Bis Mittwochvormittag war er noch immer auf der Flucht. Sein Opfer, die 28‐jährige Kim Levengrond‐Yehezkel aus Rosch Haayin im Zentrum des Landes, war Mutter eines 18 Monate alten Kleinkindes und arbeitete als Assistentin des Geschäftsführers bei der Alon‐Gruppe, während sie für ihre Juristenprüfung lernte. Der Mörder fesselte sie mit Plastikbändern und erschoss sie aus nächster Nähe. Genauso tötete er auch den 35‐jährigen Siv Hajbi, Ehemann und Vater von drei kleinen Kindern.

Hajbis Mutter sagte, er sei »der wundervollste Sohn und Vater, der nur Gutes wollte«, er sei »ein Engel« gewesen. Nachdem die Tante von Kim Levengrond‐Yehezkel von dem tödlichen Anschlag erfahren hatte, beklagte sie: »Der Himmel ist über uns zusammengebrochen. Sie war so wunderbar und liebenswert. Es ergibt keinen Sinn, dass Väter und Mütter ihre Kinder beerdigen müssen.«

Arbeit Im Industriepark Barkan ist das Zusammenleben von Juden und Arabern nicht nur Theorie. Das bestätigt die Sekretärin Hila Ben‐Ami aus der israelischen Stadt Rosch Haayin. Bis vor einem Jahr war sie im Industriepark tätig. »Wir arbeiteten gemeinsam, verbrachten viele Pausen zusammen, unterhielten uns und lachten miteinander. Egal, ob Jude oder Araber. Manche mochten sich gern, andere weniger, wie normale Kollegen eben.«

Ben‐Ami betont, sie habe niemals Angst gehabt, zur Arbeit zu gehen. »Die einzige Schwierigkeit, die wir ab und zu hatten, war die Sprache. Doch die Palästinenser sprechen meist viel besser Hebräisch als wir Israelis Arabisch.« Sie kündigte ihren Job nur deshalb, weil sie eine Stelle in der Nähe ihres Wohnortes gefunden hatte.

Der Barkan‐Industriepark bei der großen jüdischen Siedlung Ariel im Westjordanland wird von Arbeitgebern, Angestellten sowie Politikern als Insel der Koexistenz gepriesen. Mehr als 160 Fabriken bieten gut bezahlte Jobs und Sozialleistungen für Menschen dies‐ und jenseits der Grenze. Gegner der Siedlungspolitik argumentieren, dass die israelische Politik die palästinensische Wirtschaft im Westjordanland derart limitiere, dass Palästinenser oft keine andere Möglichkeit hätten, als Arbeit bei Israelis zu suchen. Fakt ist, dass viele Menschen Löhne und eine Absicherung erhalten, die ihnen in palästinensischen Firmen nicht geboten würden.

besorgnis Jüdische und arabische Beschäftigte äußerten ihre Besorgnis, dass dieser Anschlag »die einzigartige Atmosphäre der Verständigung zunichtemachen könne«, sie das jedoch nicht zulassen wollten. Ähnlich drückte sich Präsident Reuven Rivlin aus: »Ich bin schockiert und traurig über diesen schrecklichen Terroranschlag. Unsere Herzen sind bei den Familien der Opfer. Dies war nicht nur eine Attacke auf Menschen, die ihren Alltag leben, sondern eine Attacke auf die Möglichkeit, dass Israelis und Palästinenser friedlich zusammenleben. Ich rufe die Palästinensische Autonomiebehörde auf, diesen Anschlag zu verurteilen.«

Der unter Verdacht stehende Na’alwa war ebenfalls bei der Alon‐Gruppe als Elektriker angestellt. Nach Angaben des Armeesprechers Jonathan Conricus war er den Behörden nicht bekannt, kein Mitglied einer Terrororganisation und habe wahrscheinlich als Einzeltäter, als sogenannter »lone wolf«, gehandelt.

Er soll einem Mitarbeiter eine Botschaft mit der Absicht, Selbstmord zu begehen, übermittelt haben. Außerdem habe er Jassir Arafat gelobt. Conricus betonte, dass die Armee den Anschlag als Terror ansehe, fügte jedoch hinzu, dass »auch andere Umstände eine Rolle gespielt haben«. Angestellte sagten im israe­lischen Radio, sie vermuten, es habe sich eher um einen frustrierten Angestellten und Amoklauf gehandelt.

Regionalrat Der Vorsitzende des Regionalrates Samaria im Westjordanland, Jossi Dagan, machte deutlich: »Wir lassen uns vom Terror nicht unterkriegen. Die segensreiche Koexistenz, die hier täglich gelebt wird, geht weiter. Ich sehe Juden und Araber, die zusammensitzen und weinen.« Nicht alle äußern sich optimistisch. Andere Siedler‐Anführer befürworten ein generelles Ende der Beschäftigung von Palästinensern in den Siedlungen. Dazu gehört unter anderem der Rechtsaußen‐Aktivist Itamar Ben Gvir. Dieser twitterte: »Koexistenz ist heute in Barkan in die Luft geflogen«.

Das Militär widmet sich jetzt der Frage, wie eine Eskalation verhindert werden kann. Seit Monaten versucht die Hamas, die Palästinenser im Westjordanland in die Gewalt hineinzuziehen, die immer wie­der entlang der Gaza‐Grenze ausbricht. Am Wochenende waren die Demonstrationen am Zaun zwischen Gaza und Israel eskaliert. Rund 20.000 Palästinenser protestierten gewalttätig, viele drohten, den Zaun zu durchbrechen. Die Armee reagierte nach eigenen Angaben mit Tränengas und scharfer Munition. In den Tagen darauf gingen die Ausschreitungen weiter.

Bislang konnte die Hamas die Palästinenser im Westjordanland nicht überzeugen, sich den gewalttätigen Protesten anzuschließen. Das sei vor allem der Sicherheitskooperation zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde zu verdanken, betont die Armee. Allerdings befürchtet sie, dass eine kollektive Bestrafung der Palästinenser im Westjor­danland, etwa der Entzug von Arbeitsgenehmigungen oder eine Abriegelung entsprechender Gebiete durch die Regierung, die erfolgreiche Deeskalations‐Strategie zunichtemachen könnte.

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