Israel

Mit der Phantom-Airline nach Kairo

Mit Geheimnissen ist es so eine Sache. Es gibt die süßen. Zum Beispiel dann, wenn man ein Baby erwartet, es aber noch viel zu früh ist, um es der Familie und Freunden zu erzählen. Man behält die gute Nachricht einfach noch ein Weilchen für sich.

Dann wären da die dunklen Geheimnisse. Dinge, die man selbst seinem Partner nicht sagt, die im engsten Familienkreis niemals ausgesprochen werden. Und es gibt Geheimnisse, die so geheim sind, dass man ihnen selbst mithilfe des allwissenden Internets kaum auf die Schliche kommt. Wie das Phantom, das zwei Länder, zwei Welten miteinander verbindet: Israel und Ägypten. Dieses Phantom ist von außen unscheinbar blau‐weiß und darf nicht fotografiert werden. Es trägt den Namen Air Sinai. Aber der Reihe nach.

Das Flugzeug hat kein Logo, kein Emblem, nichts.

Die Eltern meiner israelischen Freundin Or stammen aus Ägypten. Vor 70 Jahren lebten allein in Kairo Zehntausende Juden, heute sind es kaum mehr als eine Handvoll, meist fortgeschrittenen Alters.

HEIMAT Auch die Eltern von Or verließen Anfang der 50er‐Jahre, kurz nach der Staatsgründung Israels, in einer Nacht‐ und Nebelaktion ihre Heimat. Sie mussten fliehen, weil sie Juden sind. Fast täglich gab es in den großen ägyptischen Städten Pogrome, Familienangehörige wurden grundlos inhaftiert. Ors Eltern nahmen nur mit, was sie am eigenen Leib tragen konnten. Alles andere blieb in Kairo: Bilder, Bücher, Bekleidung, Fotos, Möbel, Geschirr. Ein komplettes Leben, denn die Eltern meiner Freundin waren schon Mitte 20, als es darum ging, sich zu retten.

In alle Winde wurde die Familie zerstreut. Australien, Neuseeland, Amerika. Ors Eltern kamen nirgendwo richtig an. Sie waren entwurzelt und verzweifelt. Da beschlossen sie, nach Israel überzusiedeln. In Rischon LeZion begannen sie ihr neues Leben. Und starteten bei null. Sie lernten Hebräisch, fanden Arbeit, schlossen Freundschaften, legten sich Hobbys zu, verliebten sich peu à peu unsterblich in ihre neue Heimat und bekamen schließlich innerhalb von acht Jahren drei Kinder.

»Sind deine Eltern jemals wieder in Kairo gewesen?«, fragte ich Or im Sommer dieses Jahres.

Or ist die jüngste von drei Schwestern. Ihre alte Heimat schüttelten die Eltern dennoch nie ganz ab. Bis heute erinnert Ors Vater seine Frau vor jedem Ausflug auf Arabisch daran, doch unbedingt noch einmal die Toilette aufzusuchen.

SUCHE »Sind deine Eltern jemals wieder in Kairo gewesen?«, fragte ich Or im Sommer dieses Jahres. Nein, niemand hatte auch nur einen Fuß wieder in das Land gesetzt, das die Familie vertrieben hatte. »Aber«, sagt Or, »ich würde gern sehen, wo Mama und Papa gelebt haben.«

Also beschlossen eine Israelin und eine Deutsche, von Tel Aviv aus nach Kairo zu fliegen. Was leichter gesagt als getan ist. Zwar liegen zwischen den beiden Städten gerade einmal 700 Kilometer, doch meine Suche im Internet ergab relativ schnell, dass es scheinbar unmöglich ist, diese Distanz auf direktem Weg zu bewältigen. Natürlich gibt es unendlich viele Flugverbindungen. Aber alle haben eines gemeinsam: Man muss einen Zwischenstopp einlegen. Von Tel Aviv direkt nach Kairo und wieder zurück zu fliegen, ist nicht drin.

Nun kann man mir viel nachsagen, aber eines ganz sicher nicht: dass ich voreilig die Flinte ins Korn werfe. Ganz im Gegenteil. Ich konnte einfach nicht glauben, dass es, obwohl Ägypten und Israel seit 1979 durch ein Friedensabkommen relativ solide miteinander auskommen, keinen Direktflug gibt.

Ich googelte mich durch gefühlt eine Milliarde Internetseiten. Ich kenne bis heute alle Flugverbindungen auswendig. Sollte es bei Wer wird Millionär? jemals eine Frage zu den Terminals, Laufwegen und Gates vom Flughafen in Amman (Jordanien) geben, ich könnte sie beantworten.

Die Flüge kann man nicht im Internet buchen.

Beinahe wollte ich resignieren – beinahe. Da stieß ich auf einen Zweizeiler in einem Reiseblog aus dem Jahr 2012. Und beim Lesen der Mitteilung eines Mannes aus Südafrika und der Erwähnung eines Direktflugs von Tel Aviv nach Kairo machte mein Herz einen Sprung: Ich war auf ein Geheimnis gestoßen. Auf etwas, das kaum jemand weiß, weil es sehr geheim ist und deshalb buchstäblich unterm Radar fliegt. Der Name des Geheimnisses: Air Sinai.

Air Sinai gibt es seit 1982. Diese Airline ist, wie es im Reiseunternehmen‐Jargon so schön heißt, »eine hundertprozentige Tochter« von Egypt Air. Die Flotte von Air Sinai hat genau ein Flugzeug, eine Embraer 170. Und diese Maschine fliegt täglich morgens um 9 Uhr von Kairo nach Tel Aviv und um 12 Uhr wieder zurück. Warum die Ägypter aus der kleinen Air Sinai so ein Geheimnis machen? Vermutlich befürchtet Egypt Air, Fluggäste zu verlieren, wenn die Ägypter erfahren, dass ihre staatliche Airline ausgerechnet nach Israel fliegt. Ist das nicht traurig? Es geht um Geld. Und um Angst. Angst war schon immer ein schlechter Berater. Sie ist das Gegenteil von Freiheit. Angst macht unfrei.

Air Sinai hat keine Webseite. Die Tickets kann man nicht im Internet buchen. Man muss wissen, dass es diese Flugverbindung gibt, in eine Egypt‐Air‐Dependance gehen und Glück haben wie ich und auf einen aufgeschlossenen Ägypter treffen, der bereit ist, sein Geheimnis zu teilen. Genau so gelang es mir, zwei Tickets bei einer Fluggesellschaft zu kaufen, die es offiziell gar nicht gibt. Die internationale Bezeichnung lautet »4D«, und ich musste bar bezahlen. »Phantom Airline« nennen deswegen die wenigen Insider Air Sinai. Hinter vorgehaltener Hand. Flüsternd.

CHECK‐IN Das klingt alles fürchterlich absurd, ist aber leider traurige Wahrheit. Das Flugzeug, mit dem ich von Tel Aviv nach Kairo fliege, ist äußerlich nicht als Air Sinai gekennzeichnet. Es hat kein Logo, kein Emblem, nichts. Es ist einfach hellblau und weiß. So wie die Uniformen der Flugbegleiterinnen. Und wie das Essen an Bord. Helle Brötchen, serviert auf blauen Tabletts. Es gibt Kaffee, Tee, Säfte, Cola, aber kein Bier.

Der Check‐in für den Flug von Tel Aviv nach Kairo im Terminal drei am Ben Gurion Airport verläuft schnell und unkompliziert: Sicherheits‐Interview mit den üblichen Fragen. Bordkarte abholen am Schalter elf, neben uns geht es nach Minsk und Sofia. Alles erledigt in 15 Minuten. Für Flüge nach Frankfurt brauche ich mitunter doppelt so viel Zeit.

Am Gate B6 mache ich ein schnelles Foto vom Air‐Sinai‐Flugzeug, werde aber vom Flughafenpersonal nicht nur darauf hingewiesen, dass das verboten ist, ich soll das Foto auch bitte löschen. Or und ich sind beinahe die einzigen Passagiere. Was daran liegen mag, dass sich die Israelis nicht wohlfühlen in ihrer Haut, wenn sie in eine Stadt reisen, die einst durch blutige Pogrome ihre jüdischen Einwohner vertrieb. Aber wir flogen, Or und ich. Drei Tage lang gaben wir in Kairo aus Sicherheitsgründen die »Cousinen aus Deutschland«.

Wir fanden das Haus der Eltern nicht, Ors Mama konnte oder wollte sich partout nicht mehr an die Hausnummer erinnern. Aber wir standen auf dem mächtigen Tahrir‐Platz, auf dem 2011 der Arabische Frühling auch vor Ägypten nicht haltgemacht hatte und der heute für grausame Massenvergewaltigungen, Ausschreitungen und Erschießungen steht.

WUNDER Ich habe aus meiner Liebe zu Israel noch nie ein Geheimnis gemacht. Manchmal geraten wir in Streit, das Gelobte Land und ich. Dann reden wir aneinander vorbei oder brüllen uns an. Aber ein paar Tage später, als ich nach einer Stunde Flug aus Kairo kommend morgens um halb elf wieder israelischen Boden betrat, war ich so verliebt in mein Israel wie noch nie zuvor. So ein wunderbares Wunder ist dieses kleine Land, das sich traut und mutig und laut und optimistisch und lebensbejahend ist.

Und in dem ich, gerade weil ich eine Frau bin, mindestens die gleichen Chancen habe wie ein Mann. O Israel, danke, dass du kein Geheimnis bist!

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