Innovation

Mit acht Megabyte fing er an

Magier der Technik-Umsetzung: Dov Moran gelingt – fast – alles. Foto: Katharina Bohm

Wenn Grün Erfolg symbolisiert, dann glitzert es nördlich von Tel Aviv neongrün. Rund eine halbe Stunde von der umtriebigen Metropole entfernt, in den fruchtbaren Äckern von Hakfar Hayarok, siedelt die aufstrebende Hightech-Industrie. Die Arbeitsumgebung des berühmten USB-Stick-Erfinders Dov Moran ist wie ein Gegenmodell zu Googles Kreativimperium. Während dort die Köpfe der Mitarbeiter spielerisch zu Höchstleistungen stimuliert werden, geht es bei Moran schlicht, effektiv und pragmatisch zu. »Wir müssen kein kreatives Chaos erzeugen. Unser ganzes Land ist eine Herausforderung für schnelles Denken«, erzählt der 60-jährige Hightech-Pionier.

Tatsächlich bringt das kleine Israel, dessen Bevölkerungszahl unter der von London liegt, nach den USA die zweithöchste Zahl an Start-ups hervor. Das fällt auch auswärts auf: Immer mehr Start-up-Accelerators und Venture Capital Funds aus aller Welt sprießen vor allem rund um Tel Aviv aus dem Boden. Deutschland, Amerika, Asien – alle versuchen, möglichst früh die vielversprechendsten Rohdiamanten der aufstrebenden Start-up-Gründer auszumachen. Im Idealfall sogar bereits im ersten Stadium, dem sogenannten Seed Level, wenn der Samen, oder besser gesagt: das Geld, in eine Idee investiert werden kann, bevor sie jemand anderes vor der Nase wegschnappt. Ein geschliffener Diamant wird später wesentlich teurer.

TAlentschmiede Auch Dov Moran, der Schmied der digitalen Zukunft aus den 90er-Jahren, hat sein Geschäftsfeld angepasst. Er ist vom Unternehmer zum Investor geworden. Sein Start-up-Accelerator »Grove Ventures« ist eine Talentschmiede, die sich allerdings nicht – wie die überwiegende Mehrzahl der Start-ups – mit Software oder mobilen Applikationen beschäftigt, sondern mit Hardware. »Die Zukunft basiert auf mutigen Menschen, innovativen Ideen und Technologie, die den Markt aufrüttelt«, ist Morans Motto. Genau darum baut er jetzt in Hakfar Hayarok einen neuen Campus – auch, weil er diesen Rohdiamanten Halt geben will. Mit Büros, Beratung, Kontakten und drei Partnern.

An seiner Seite sind Guy Reshef, Sigalit Klimovsky und Lotan Lefkowitz. Guy Reshev war Gründer von Provigent, einem Halbleiterunternehmen zur drahtlosen Breitbandübertragung, das für 340 Millionen US-Dollar an Broadcom, den amerikanischen Anbieter von integrierten Schaltkreisen, hauptsächlich für Netzwerkkarten, verkauft wurde. Er und Sigalit Klimovsky hatten mit Moran bereits bei dessen geflopptem Handy-Unternehmen »Modu« und der erfolgreichen Multimedia-Box »Comigo« mitgearbeitet. Den 31-jährigen Lotan Lefkowitz hat Moran seit vier Jahren unter seinen Fittichen.

»Früher habe ich ihm etwas beigebracht, jetzt ist es anders herum«, gibt der erfahrene Unternehmer schmunzelnd zu. Hauptmarkt soll China werden, dort sieht Moran die größten Wachstumsraten. Seine Start-ups und Jungunternehmer kommen jedoch alle aus Israel. »Ich kann doch nur helfen, wenn ich die Leute kenne.« Ein Gefühl für Menschen und Teamwork hat er in 40 Jahren Unternehmertum gelernt. Und noch etwas: »Um in Israel ein Unternehmen erfolgreich aufzubauen, braucht man nicht mehr als ein paar gute Leute, einen Scheck und Glück.«

TEchnion Dov Moran ist in Israel eine Legende. Seine erste Firma gründete er unmittelbar nach dem Studium an der renommierten Technischen Universität Technion in Haifa. Das war 1989. »Wir experimentierten mit neuen Möglichkeiten, Daten zu bewegen«, erinnert er sich. Das Startkapital in Höhe von 300.000 US-Dollar kam von der Technikfirma Miltope aus Hope Hull, Alabama. Miltope ist heute einer der Marktführer für Militärtechnik in Extremeinsätzen. »Damals waren die fasziniert von der Idee, größere Datenmengen auf batterieunabhängigen und stoßfesten Trägern transportieren zu können.«

Moran nennt seine Firma M-Systems. »M« wie mobil. Während die gesamte computerisierte Welt weitgehend mit magnetbasierten Disketten umgeht, tüfteln er und seine engsten Mitarbeiter Aryeh Mergi, Dana Gross und Amir Ban an neuen Speichern. Die heißen DiscOnChip oder Hard Disk am Schlüsselring. In der Techniksteinzeit ist dafür aber noch kein Markt vorhanden. Nur sehr wenige Privathaushalte haben überhaupt PCs. Eine größere Kundengruppe, die Daten speichern will, ist nicht in Sicht. Welche großen Daten auch?

Eines Tages soll Moran bei einem Kunden eine Präsentation halten. Sein Computer versagt, die Maschinen des Kunden erkennen die Dateien nicht. »Da ist mir klar geworden, dass es falsch war, sich nur auf Speichermedien zu konzentrieren. Viel wichtiger wäre es, eine Software zu entwickeln, mit deren Hilfe jeder Computer andere Speichermedien als externe Festplatten erkennt.«

speichermodule Seitdem fährt der Unternehmer zweigleisig: Er arbeitet an einer PC-Erkennungssoftware und an Speichermodulen. Die ersten Versionen sind allerdings langsam, sehr langsam. Der Datenaustausch dauert aus heutiger Sicht eine Ewigkeit. Ökonomisch umsetzen lässt sich das alles nicht. »Die Anfangsjahre waren hart, wir hatten manchmal nicht einmal das Geld für die Gehälter.«

Moran macht sich auf die Suche nach mehr Kapital. Er will eine seiner Speicherideen als eigene Geschäftseinheit abspalten und an einen Investor verkaufen. »Der Interessent schlug vor, es ganz anders zu machen und gleich die ganze Firma an die Börse zu bringen.« Der Coup gelingt, M-Systems hat auf einen Schlag vier Millionen Dollar zur Verfügung. »Ich dachte, soviel Geld wird ewig reichen.«

Die Ewigkeit dauert immerhin zweieinhalb Jahre. Mehr ist auch nicht nötig. 1995 meldet M-Systems die Innovation mit der Nummer 5404485 für »True Flash Filing System« beim amerikanischen Patentamt an. Mit diesem Programm erkennen Computer ein externes Medium als Speicherplatz. Das zweite Kernprodukt ist rund drei Zentimeter lang und liegt ebenfalls 1995 das erste Mal auf seinem Schreibtisch: Der DiskOnChip, ab 1999 weiterentwickelt und bekannt als Disk-on-Key oder USB-Stick.

Dieser erste USB-Stick ist eine acht Megabyte-Version und kostet 50 US-Dollar. Die Technikwelt jubiliert, acht Megabyte bedeuten fünfmal mehr Speicherplatz als auf einer Diskette. »Doch selbst damit haben wir noch Verlust gemacht.« Aber M-Systems gewinnt Innovationspreise und wird gefeiert. Toshiba, IBM, alle investieren nun in Morans Firma. Weniger als zwei Jahre später wird sein Durchhalten belohnt: USB-Anschlüsse sind nun zum internationalen Standard geworden. Und die USB-Sticks ein riesiger ökonomischer Erfolg. Moran selbst hält heute trotzdem die Entwicklung der USB-Erkennungs-Software für die größere Tat: »Damit haben wir den Weg für die Flash-Speicher-Technologie in Handys geebnet. Ohne sie gäbe es die Kommunikation zwischen PCs und sämtlichen anderen Speichergeräten heute nicht.«

Umsatz Von 2001 bis 2006 steigt der Umsatz von 45 Millionen auf eine Milliarde Dollar. Aber irgendwie brennt das Feuer nicht mehr so heiß. Ungereimtheiten in der Buchhaltung ziehen Untersuchungen nach sich. Das nervt. Ebenso wie die Frage: »Wie geht es nun weiter?« Die Stimmung unter den Mitarbeitern wird schlechter, Morans Vision vom Speicherparadies war längst langweilige Gegenwart geworden. »Dann kam dieses Angebot, das einfach zu gut war, um es auszuschlagen.« 17 Jahre nach seinem ersten Tag als Unternehmer geht seine Firma am 30. Juli 2006 für 1,55 Milliarden Dollar an SanDisk. Moran selbst bleiben knapp über 80 Millionen Dollar Nettogewinn. Er verpflichtet sich, noch sechs Monate zu bleiben. Und keine Sekunde länger.

»Am meinem letzten Tag habe ich mittags meine Sachen in eine Kiste gepackt und bin direkt in die Büroräume meiner nächsten Unternehmensidee gefahren.« Zwischen dem erfolgreichen Unternehmer und dem Start-up-Gründer liegt keine Stunde. Wieder geht es um Technik, Speicher und ein futuristisches Produkt. Moran hängt sein Herz an Modu, das leichteste und kleinste Handy der Welt. »Doch das ging in die Hose, und wie.« Trotz seiner Erfahrung.

Trotz eines großen Schecks von SanDisk. Trotz der guten Leute. »Vielleicht hat einfach auch ein bisschen Glück gefehlt.« Allein Morans privater Verlust liegt bei 15 Millionen US-Dollar. »Mir sind die Einlagen der anderen Investoren aber weit mehr an die Nieren gegangen. Die haben mir vertraut, haben auf mich gesetzt.« Das Patent wird letztendlich im Mai 2011 für nur fünf Millionen an Google verkauft. »Peanuts«, meint Moran heute. Er hätte vielleicht mehr erzielen können, aber dafür habe ihm die Geduld gefehlt. Und die Zeit.

Comigo Nach Modu startet er neu, diesmal mit »Comigo«. Ein kleiner Kasten soll als Media Center sämtliche technischen Geräte synchronisieren: personalisiertes und interaktives Fernsehen, Video und Internet, Mobiltelefone, Tablet-PCs und anderen technischen Schnickschnack. Auf dem Scheck stehen zehn Millionen Dollar. Unterschrieben hat ihn Moran selbst. Diesmal klappt es. Nach drei Jahren übergibt Moran im Sommer 2015 die Leitung an Motty Lentzitzky und widmet sich Grove Ventures. Denn ans Aufhören denkt er genauso wenig wie an ein entspannteres Leben.

»Wenn ich abends nach Hause komme, sehe ich meine Frau, spiele eine runde Bridge am Computer und beantworte meine E-Mails.« Morgens um 9 Uhr sitzt er wieder im Büro. Nur am Schabbat ruht er. »Wenn es um Schlaf geht, bin ich wie ein Kamel im Umgang mit Wasser«, sagt Dov Moran und lacht über seinen Vergleich. Im Süden von Israel, wo die Wüstenstraßen mit »Achtung, Kamele!«-Schildern gesäumt sind, ist das eine wichtige Eigenschaft für einen Unternehmer, der auch künftig unsere digitale Zukunft mitbestimmen wird.

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