Terrorabwehr

Mauer gegen Mörder

Arbeiten an der Schutzmauer in der Nähe von Sderot, Juli 2019 Foto: imago images / Xinhua

»Eine kleine Schweiz» nennt Aviram Harusch die Stadt Sderot im Süden Israels, die er vor einigen Jahren zu seiner Heimat gemacht hat. Es klingt wie ein seltsamer Vergleich für einen Ort, der in internationalen Medien als Ziel von Raketen aus dem Gazastreifen bekannt ist.

Doch tatsächlich macht Sderot mit seinen 25.000 Einwohnern an gewöhnlichen Tagen einen geradezu schläfrigen Eindruck: Niedrige Häuser und breite, gelb-rote Blumenbeete säumen schmale Straßen, die zur Mittagszeit fast menschenleer sind, zu stark brennt die Sonne im Hochsommer. Weit entfernt scheint hier das bunte Gedränge, die aufgekratzte Betriebsamkeit der Metropolen des Landes.

Doch der gemächliche Alltagsrhythmus Sderots wird regelmäßig unterbrochen vom Schrillen der Sirenen, die Raketenbeschuss aus Gaza ankündigen. 15 Sekunden Zeit haben die Menschen dann, um sich in einem Bunker in Sicherheit zu bringen. «Die Lage ist kompliziert», sagt Aviram Harusch, 33-jähriger Vater von drei Kindern und Mitarbeiter einer Spielzeugfirma. «Wenn die Sirenen heulen, packen meine Frau und ich die Koffer und fahren nach Jerusalem, wo wir Familie haben. Wir wollen nicht, dass die Kinder Panik bekommen.»

RAKETEN In jüngster Zeit gab es für die Familie Harusch mehrere Anlässe, die Koffer zu packen. Am vergangenen Samstag feuerten militante Palästinenser in Gaza drei Raketen über die Grenze. Zwei fing das Raketenabwehrsystem «Iron Dome» ab, doch die dritte landete im Vorgarten eines Hauses in Sderot. Vier Menschen mussten danach wegen Schock behandelt werden, zwei verletzten sich, während sie zu einem Bunker rannten. Die israelische Armee bombardierte anschließend zwei unterirdische Anlagen der Terrororganisation Hamas, die den Gazastreifen beherrscht.

Seit Wochen versuchen bewaffnete Palästinenser, die Grenze zu überqueren.

In den Wochen zuvor hatten insgesamt sechs bewaffnete Palästinenser zu verschiedenen Zeiten versucht, die Grenze zu überwinden. Israelische Soldaten erschossen sie bei dem Versuch, doch einem Palästinenser gelang es, zuvor wiederum drei israelische Soldaten anzuschießen.

Immer wieder lassen Palästinenser brennende Drachen über die Grenze segeln, die israelische Felder in Brand setzen. Und freitags, beim sogenannten Marsch der Rückkehr, kommt es regelmäßig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen am Grenzzaun zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Soldaten, füllt sich die Luft mit Tränengas und dem Rauch brennender Autoreifen.

Angesichts dieser Vorkommnisse drängen manche Politiker und Kommentatoren aus dem rechten Spektrum auf ein härteres Vorgehen gegen Terrorgruppierungen in Gaza. Der Bürgermeister von Sderot Alon Davidi forderte in einem Radiointerview am vergangenen Sonntag einen Bodeneinsatz der israelischen Armee in Gaza, um die Hamas «auszulöschen»: «Man kann sie nur mit Stärke stoppen.»

Zwar hatte sich die Hamas zuvor von einigen der versuchten Grenzübertritte distanziert und diese «rebellischen Jugendlichen» zugeschrieben, doch da die Organisation den Gazastreifen formal regiert, zieht Israel sie für sämtliche von dort ausgehenden Bedrohungen zur Verantwortung.

KOSTEN Kürzlich wurde bekannt, dass Israel eine weitere Maßnahme plant, um grenznahe Städte wie Sderot besser zu schützen und das Eindringen zu erschweren. Einem Bericht des Fernsehkanals 12 zufolge berät die Regierung derzeit über den Bau eines zusätzlichen Schutzwalls entlang der Grenze. Die Planungen sind noch nicht abgeschlossen, Vertreter des Verteidigungs- und des Transportministeriums sowie des Büros des Premierministers feilen dem Bericht zufolge derzeit an den Details. Bekannt ist bisher nur, dass die Mauer in Höhe von sechs Metern rund neun Kilometer entlang der Straße 34 zwischen Sderot und dem Kibbuz Yad Mordechai verlaufen und mehrere Millionen Euro kosten soll.

Die geplante Mauer soll sechs Meter hoch und neun Kilometer lang sein.

Der geplante Grenzwall wäre ein weiterer Versuch, die militärische Bedrohung aus Gaza einzudämmen, solange keine umfassende Lösung gefunden ist. Seit der Machtübernahme der Hamas in Gaza 2007 schränken die Regierungen Israels und Ägyptens den Waren- und Personenverkehr zwischen dem kleinen Landstreifen und ihren eigenen Ländern stark ein. Knapp zwei Millionen Palästinenser leben in Gaza, die Arbeitslosenrate zählt mit rund 50 Prozent zu den höchsten der Welt.

Während viele ausländische Regierungen und Menschenrechtsorganisationen die Beschränkungen als Schikane bezeichnen und vor einer humanitären Notlage in Gaza warnen, begründen die beiden Länder die Maßnahmen mit Sicherheitsinteressen. So fürchtet die israelische Regierung etwa, dass sogenannte Dual-Use-Güter, die sich sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke einsetzen lassen, von der Hamas und anderen militanten Gruppen dazu missbraucht würden, ihr Waffenarsenal aufzurüsten und Tunnel nach Israel zu graben.

HOFFEN Allerdings besteht in Israel keine Einigkeit darüber, wie der Konflikt dauerhaft gelöst werden könnte. Während manche Kommentatoren und Politiker fordern, die Hamas zu stürzen, fürchten andere die hohen Verluste, die ein solch umfangreicher Militäreinsatz inklusive Bodentruppen mit sich brächte. Linke Gruppierungen wie «Kol acher» («Eine andere Stimme») wiederum argumentieren, Israel müsse gegenüber den Palästinensern in Gaza Zugeständnisse machen, um deren Leid zu lindern und auf diese Weise Hass und Frust abzubauen.

Den Bewohnern Sderots bleibt derweil nichts anderes übrig, als auf bessere Zeiten zu hoffen – und, falls sie religiös sind wie Aviram Harusch, auf Gott zu vertrauen. «Wir haben den Heiligen, der uns schützt, und Gott sei Dank eine sehr starke Armee», sagt er. «Und wir haben einen tiefen Glauben, dass alles einen Sinn hat. Letztendlich wünschen wir alle uns Ruhe. Auch auf der anderen Seite, in Gaza, gibt es viele Menschen, die Ruhe für sich und ihre Kinder wollen.»

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