Gazastreifen

Leichen pflasterten seinen Weg

Foto: Flash90

Die Suche dauerte nur sechs Tage. Nachdem am 31. Juli Ismail Haniyeh, oberster Boss der Hamas, in Teheran durch eine Bombe im Gästehaus der iranischen Regierung getötet wurde, hat sich der Schura-Rat der Terrororganisation am Dienstagabend auf einen Nachfolger verständigt, und zwar Yahya Sinwar. Der 61-Jährige stammt aus Khan Yunis und gilt als Drahtzieher des Massakers vom 7. Oktober. Seit 2017 war er bereits der Chef der Terrororganisation im Gazastreifen, nun steht er an der Spitze der gesamten Hamas. Durch seine Wahl ist ebenfalls die alte Trennung zwischen einer Führungsriege im Ausland und einer im Gazastreifen obsolet geworden. Alle Fäden laufen ab jetzt ausschließlich über Sinwar.

Seine Ernennung ist zweifelsohne Höhepunkt einer Karriere, die bereits in den 1980ern begann. Schon als studentischer Aktivist war er der Mann für’s Grobe, zählte mit zu den Gründern der Qassam-Brigaden, der bewaffneten Miliz der Islamistenorganisation. Im Auftrag der Hamas begab sich Sinwar auch auf die Fährte von echten oder vermeintlichen Kollaborateuren mit Israel, folterte und tötete mehrere Personen persönlich. Das trug ihm bald den Namen »Schlächter von Khan Yunis« ein.

Angst und Schrecken sind Sinwars Politikstil

Für seine Rolle bei der Entführung und Ermordung zweier israelischer Soldaten sowie von vier vermeintlichen Kollaborateuren wurde Sinwar 1988 von den Israelis verhaftet und zu viermal lebenslänglicher Haft verurteilt. Hinter Gittern entwickelte er seinen ganz eigenen Politikstil, und das bedeutete, Angst und Schrecken bei den Mitgefangenen erzeugen, die seine Autorität nicht akzeptieren wollten. Und gleichzeitig Hilfe anbieten, wenn sich jemand ihm gegenüber absolut loyal verhält.

Charakteristisch dafür ist eine Episode, die David Remnick, Chefredakteur des Magazins »The New Yorker«, in einem Porträt über den Hamas-Chef zu berichten weiß. So hätte Sinwars zeitweiliger Zellengenosse Mohammed Sharatha, ebenfalls ein Hamas-Kommandeur, ihm sein Leid über eine seiner Schwestern geklagt, die aufgrund einer außerehelichen Affäre »die Familienehre« beschmutzen würde. Sinwar versprach zu helfen, kurz darauf wurde die Frau ermordet aufgefunden.

Ehud Yaari, ein israelischer Journalist, der Sinwar viermal im Gefängnis interviewte, weiß zu berichten, dass der Hamas-Mann ganz offen über seine Morde an vermeintlichen Kollaborateuren redete. »Einige davon hat er mit seinen eigenen Händen getötet. Er war stolz darauf und sprach mit mir und anderen darüber.«

Über 22 Jahre saß Sinwar in Haft – bis er schließlich 2011 vorzeitig freikam, weil er zusammen mit 1026 weiteren Palästinensern gegen den 2006 von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit ausgetauscht wurde. Vom Gefängnis aus hatte Sinwar Einfluss auf die langwierigen Verhandlungen nehmen können, intervenierte in der Frage, wen man auf jeden Fall freipressen sollte.

Lesen Sie auch

Das Gefängnis war seine »Universität«

Wieder auf freien Fuß im Gazastreifen, machte er das, was er am besten konnte, und zwar vermeintliche Kollaborateure identifizieren und bestrafen. Prominentester Fall war der Mord an Mahmoud Ishtiwi, ein Kommandeur der Qassam-Brigaden, der der Homosexualität beschuldigt wurde, was ihn aus Sinwars Perspektive zum Sicherheitsrisiko, weil vielleicht von Israel erpressbar, machte. Zugleich begann er mit der Bespitzelung der Menschen im Gazastreifen, baute einen eigenen Sicherheitsapparat auf, der laut »New York Times« wie die Stasi funktioniert. Jede Form der Opposition gegen die Hamas-Herrschaft wurde so im Keim bereits erstickt.

Das israelische Gefängnis bezeichnete Sinwar einmal als seine »Universität«. Dort lernte er fließend Hebräisch zu sprechen, war ein gefragter Gesprächspartner israelischer Journalisten. Auch hatte er dort genug Zeit, sich intensiv mit der israelischen Geschichte und Gesellschaft zu beschäftigen. Genau dieses Wissen nutzte er als Drahtzieher des 7. Oktober und des nervenzermürbenden Spiels, das Sinwar anschließend mit den Geiseln trieb, die die Hamas in den Gazastreifen verschleppt hatte. Für die Israelis ist er deshalb schon lange ein »Dead Man Walking«, quasi ein Toter auf Abruf, der seit Monaten von Tunnel zu Tunnel hetzt, um sich zu verstecken. Seither rangiert er auf Platz Eins der Hamas-Oberen, die Israel auf jeden Fall zur Verantwortung ziehen will. Die Ernennung zum Hamas-Chef am Dienstagabend wird daran nichts ändern.

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  17.04.2026

Herzliya

Studie: Mit diesen Methoden mehr Erfolg auf Dating-Apps

Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung: Es kommt weniger darauf an, was man über sich preisgibt, als wie man es tut

 17.04.2026

Umfrage

Waffenruhen mit Iran und Hisbollah: Israelis pessimistisch

Weniger als 40 Prozent sagen, sie hätten die erfolgten Militäreinsätze unterstützt, wenn ihnen die Entwicklungen im Voraus bekannt gewesen wären

 17.04.2026

Studie aus Israel

KI treibt Arbeitslosigkeit bei Programmierern und Verkäufern nach oben

Bei Programmierern gehen zwischen 12 und 20 Prozent des jüngsten Anstiegs der Erwerbslosigkeit auf den Einsatz künstlicher Intelligenz zurück

 17.04.2026

Bildung im Krieg

Israel lockert Abiturprüfungen wegen Kriegslage – Sonderregeln für den Norden

Die Maßnahmen schließen eine »flexiblere Berechnung« von schulischen Leistungen mit ein

 17.04.2026

Nahost

Details zur Waffenruhe zwischen Israel und Libanon veröffentlicht

Ein Sechs-Punkte-Plan soll zunächst zehn Tage lang für Ruhe sorgen. Die Einzelheiten

von Imanuel Marcus  17.04.2026

Nahost

Trump verkündet zehntätige Waffenruhe im Libanon

Zuvor habe es Gespräche mit Israels Premier Netanjahu und Libanons Präsidenten Aoun gegeben

 16.04.2026 Aktualisiert

Hintergrund

Hickhack um Friedensgespräche - und eine zehntägige Feuerpause

Nachdem Präsident Trump direkte Verhandlungen erzwingen wollte, setzte er sich schließlich mit einem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah durch

von Sabine Brandes  16.04.2026