Tel Aviv

Laufsteg am Strand

Morgens, mittags, abends, nachts – wer über die Promenade spaziert, ist nicht allein. Dass Tel Aviv niemals schläft, findet hier am Strand seine gelebte Bestätigung. Die Städter lieben und bevölkern ihre Tayelet, wie der Strandstreifen auf Hebräisch genannt wird, zu jeder Uhrzeit. In einem 150-Millionen-Schekel-Projekt wird die Schlomo-Lahat-Promenade derzeit renoviert.

Selbst nach dem Terroranschlag im Sarona-Markt vor zwei Wochen tobten die Menschen am anderen Ende der Stadt durch den Sand und die Wellen. »Es ist der Trotz von Israel im Allgemeinen und von Tel Aviv im Besonderen, den ich so mag. Wir lassen uns das Leben und Lieben nicht verbieten – und das findet vor allem am Strand seinen Ausdruck«, erklärt Schai Modan die Attitüde in seiner Stadt. Er liegt auf einer der eingebauten Liegen auf den neuen Tribünen und liest. »Die neue Promenade ist fantastisch. Mit diesem besucherfreundlichen und gleichzeitig coolen Design zeigt sie, dass Tel Aviv eine Weltstadt ist.«

Infrastruktur Doch ein einfaches Projekt sei es nicht gewesen, resümiert einer der leitenden Architekten, Maor Roytman, vom Architekturbüro Mayslits Kassif, das bereits den beliebten Hafen »Namal« im Norden der Stadt umbaute. »Wir konnten hier keine Tabula rasa machen und bei null anfangen, obwohl das oft viel einfacher ist.« Stattdessen mussten sich die Architekten mit dem arrangieren, was bereits an Ort und Stelle vorhanden war: sämtliche Infrastruktur und alle Strandcafés. »Außerdem haben die Menschen den Strand natürlich weiter genutzt.«

Der Umbau von zweieinhalb Kilometern Promenade vom Norden bis in den Süden nach Jaffa ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Die ersten beiden (Nord und Mitte) sind fertiggestellt, die Arbeiten für den südlichen werden im kommenden Herbst, nach dem Ende der Badesaison, beginnen. Insgesamt wird eine Fläche von 60.000 Quadratmetern umgestaltet.

Design Architektin Ganit Mayslits Kassif ist mit dem Ergebnis zufrieden. »Sogar im internationalen Vergleich ist die Promenade von Tel Aviv ein herausragendes Beispiel. Wir sind sehr stolz darauf.« Es sei eine Zusammenarbeit vieler verschiedener Kräfte in der Stadt gewesen, die nicht immer problemlos war. »Jedes noch so kleine Detail musste von einem Komitee in der Verwaltung abgesegnet werden, weil die Promenade so charakteristisch für die Stadt ist und auch Emotionen damit zusammenhängen. Oft hieß es: ›Dieser Ausblick muss erhalten bleiben, oder das darf nicht angerührt werden.‹«

Die alte Promenade ist in den 80er-Jahren von dem mittlerweile verstorbenen Architekten Yacov Rechter designt worden. Das Hauptziel der Neugestaltung soll vor allem eines erreichen: die Verbindung zwischen Stadt und Strand festigen, wie Mayslits Kassif erläutert. »Früher gab es Wände, Rampen und Treppen, die die beiden Bereiche voneinander trennten, jetzt ist alles offen. Wir haben verschiedene Designwerkzeuge benutzt, um einen neuen Standard der Gastfreundschaft zu schaffen. Die Menschen sollen einfach aus ihren Häusern ohne großen Aufwand an den Strand gehen.«

Holzböden Dafür verdoppelten die Planer die Anzahl der Schattenspender mit Häuschen im Sand, Pergolas und Schirmen auf der Promenade. Es wurden sogenannte Gagot gebaut – Balkone, über die man barrierefrei ohne Treppen und Stolperfallen spazieren kann. Die Tribünen, die mit mehreren Stufen zum Verweilen einladen, werden von den Besuchern hervorragend angenommen. Besonders die Bodenabschnitte aus Holz schaffen ein angenehmes Ambiente. »Dabei hatten uns viele davor gewarnt«, erinnert sich Mayslits Kassif und schmunzelt. »Holzböden – das funktioniert einfach nicht. Die Leute werden Lagerfeuer machen und alles ruinieren. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Je schöner es ist, desto mehr achten die Bewohner darauf, dass es geschützt wird.«

Der Wunsch, »öffentliche Orte in der Stadt noch attraktiver zu machen«, treibe sie bei ihrer Arbeit an. »Es ist toll, zu sehen, was sich am Strand abspielt. Es sind kleine Szenen, die zu schaffen wir mitgeholfen haben – die Leute, die auf den Tribünen den Sonnenuntergang anschauen, die Mutter, die jetzt dank der unteren Promenade mit dem Kinderwagen direkt am Strand entlanglaufen kann ...«

Szenen Die Levys liegen im Schatten und nippen an einem kühlen Drink. »Schön ist es im eigenen Garten«, scherzen sie. »Wir wohnen nur fünf Minuten entfernt, also ist dies unsere Erholungsoase«, sagt Aviad. »Wie sie schöner nicht sein könnte«, fügt Ehefrau Chava hinzu. Die Renovierung habe ihren Lieblingsplatz noch viel angenehmer gemacht, stimmen sie überein.

So ein Spruch freut die Architekten. »Wir wollten die Stadt in etwas verwandeln, das gut für die Bewohner ist, eine Art städtischen Salon schaffen. Nach dem Motto: Statt aufs Land zu ziehen, gehen wir an den Strand.« Vor etwa drei Jahren habe es einen großen Aufschrei in der Bevölkerung gegeben. Es ging die Angst um, dass der Strand mit großen Einkaufszentren zugepflastert wird, so Roytman. »Aber jetzt haben alle den Gegenbeweis. Jedes Mal, wenn ich sehe, wie die Menschen ihre Promenade annehmen und sie in ihr Leben integrieren, bin ich wirklich glücklich.«

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