Warnung

Land der begrenzten Möglichkeiten

Jetzt in die USA? Ex-Soldatin am letzten Tag ihres Wehrdienstes auf einer Zahal-Basis im Negev Foto: Flash 90

Wenn Israelis ihre Armeezeit hinter sich gebracht haben, wollen sie die weite Welt sehen. Der große Trip – Tijul Hagadol – gehört zur Gesellschaft wie Hummus und Falaffel. Kaum jemand, der nicht wenigstens ein paar Monate lang Fernost oder Südamerika erkundet. Doch die Reisen kosten. In der Hoffnung, das nötige Geld besonders schnell zusammen-zubekommen, nehmen die jungen Leute oft obskure Jobs im Ausland an. Besonders beliebt: Schnickschnack in irgendwelchen amerikanischen Einkaufszentren verkaufen. Ohne Arbeitserlaubnis, versteht sich. Jetzt machen die US-Behörden Stimmung gegen die illegalen Israelis.

Video Die amerikanische Botschaft in Tel Aviv weist jetzt in einem YouTube-Video mit dem Titel »The Price is too high« darauf hin, welche Folgen es haben kann: Ausweisung plus Sperre des Visas für fünf Jahre bis lebenslänglich. Der Ton: eindringlich bis angsteinflößend. Dazu schildern einige junge Männer und Frauen, wie es ihnen ergangen ist. »Hochnotpeinlich« ist dabei noch die mildeste Beschreibung. Charles Shannon, Ermittler der Botschaft, gibt zu, dass innerhalb der letzten Jahre bereits Zehntausende von Israelis illegal in den USA gearbeitet haben. Doch der Unterschied: »Jetzt wissen wir es«.

Und sie haben vor, ihre Erkenntnisse zu nutzen. »Unsere Beamten bei der Einreise sind so geschult, dass sie die Lügner herausfiltern können«, macht Shannon mit ernstem Gesicht im Video klar. Außerdem sei es ein Mythos, dass man bei Visavergehen in ein separates Gefängnis kommt. »Man sitzt zusammen mit Vergewaltigern und Mördern.«

Besonders scharf geht er mit den Firmen ins Gericht, die die Israelis anheuern. »Diese Agenturen machen das schon seit Jahren und sind mittlerweile sehr erfahren«, warnt er. »Sie kennen eure Hoffnungen und Träume und nutzen das aus.« Statt schnelles Geld zu verdienen würden die Männer und Frauen als billige Arbeiter ausgenutzt, die Firmen besorgen weder die notwendigen Papiere noch versteuern sie die Einkünfte.

Versprechen Auch Schirli wollte vor ein paar Jahren ihre Reisekasse aufbessern. »Eigentlich hatte ich vor, im Café zu jobben. Dann aber hörte ich von der Möglichkeit, in den USA ganz schnell einen Haufen Geld zu machen.« Die Studentin erinnert sich an einlullende Worte. »Sie versprechen dir das Blaue vom Himmel, sagen immer wieder, wie viele tausend Israelis sie jedes Jahr zum Arbeiten in die ganze Welt schicken. Außerdem meinten sie, ihre Firma sei nur ein Ableger einer amerikanischen, also alles ganz legal.«

Natürlich war es das nicht. Der überwiegende Teil der jungen Leute reist mit einem Touristenvisum ins Land und arbeitet dann schlicht illegal in irgendeinem Kaff jenseits der großen Städte. Wie Schirli. »Die Leute von der Agentur sagen dir ganz genau, was du bei der Einreise zu sagen, wie du dich zu verhalten hast.«

An einem frostigen Wintertag vor fünf Jahren kam die heute 25-Jährige am Flughafen von New York an. Nach einigen Routinefragen war sie durch die Kontrolle. »Heute weiß ich, dass ich einfach Glück gehabt habe, bei anderen lief es nicht so glatt.«

200 Dollar Jeden Tag stand Schirli 13 Stunden lang vor dem Eingang einer Mall, versuchte, Weihnachtskitsch und billiges Spielzeug made in China zu verkaufen. Das Geld sei zwar anfangs nicht schlecht gewesen, täglich hatte sie um die 200 Dollar bar auf der Hand, erzählt sie, »doch dann wollte die Agentur plötzlich etwas für Kost und Logis abziehen, obwohl sie vorher sagten, es sei umsonst«.

Von den drei anvisierten Monaten hielt Schirli drei Wochen durch. Dann wollte sie nur noch weg. Zu kalt, zu einsam, zu illegal. »Ich hatte ständig Panik, dass mich jemand festnimmt. Selbst bei den Leuten, die etwas kaufen wollten, war ich misstrauisch. Nachts konnte ich kaum noch schlafen, tagsüber zitterte ich vor Angst an meinem Stand.«

Erschwerend kam hinzu, dass Schirlis Freundin, die eigentlich mit ihr im Einkaufszentrum hätte stehen sollen, bei der Einreise geschnappt und ausgewiesen wurde. »Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Es sollte doch unsere gemeinsame tolle Erfahrung werden. Stattdessen war es ein Albtraum.«

Mittlerweile häufen sich in Israel die Horrorstorys der Zurückgekehrten. Von jenen, die wegen Visavergehen im Gefängnis saßen, die Schulden haben, weil sie sich Geld für die Rückflüge leihen mussten. Oder anderen, die von den Agenturen ausgebeutet und ihres Lohnes beraubt wurden.

Anders als Deutsche benötigen israelische Staatsbürger ein Visum für die USA, das sie vorher bei der Botschaft beantragen müssen. Seit Jahren bereits versucht Jerusalem, in das sogenannte Waiver-Programm zu gelangen. Damit könnten Israelis bei der Ankunft ein Touristenvisum erhalten. Die Problematik der illegalen Arbeiter aber könnte das Anliegen Israels gänzlich zunichte machen.

Risiko Trotz aller Warnungen lockt die Aussicht auf den schnellen Dollar nach wie vor, ist Ofer Cohen sicher. »Schon während der Armeezeit wird darüber gesprochen. Die Telefonnummern der verschiedenen Firmen kursieren überall.« Ofer selbst hatte in Erwägung gezogen, im kommenden Winter in den USA zu arbeiten. Der Einspruch seines Vaters aber hielt ihn ab. »Er sagte, werde ich geschnappt, darf ich mein Leben lang nicht mehr einreisen.«

Shannon erklärt: »Stellt euch vor, ihr wollt später für ein gutes Unternehmen, etwa Microsoft oder Intel, arbeiten. Schon beim Vorstellungsgespräch müsst ihr denen sagen, dass ihr nicht mehr in die USA dürft.« Total blamabel, findet Ofer, der gerade seinen Militärdienst abgeschlossen hat.

Er will Programmierer werden und weiß, dass er sich Zukunftschancen verbaut, sollte er aus Amerika verbannt werden. »Das Risiko ist zu hoch.« Viele seiner Bekannten sehen das anders. »Sie denken, es ist ein Spiel, meinen, sie fliegen kurz hin, machen jede Menge Cash und kommen als reiche Leute wieder her.«

Schirli weiß, dass es Lug und Trug ist. »Egal, was man mir verspricht, ich würde es nie wieder tun.« Einerseits sei sie froh, dass man sie nicht erwischt hat, andererseits habe sie wegen der ganzen Geschichte noch immer ein mieses Gefühl. »Das ist es einfach nicht wert.«

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