Kunst

Lampenfieber

In der ersten Woche war er begeistert. In der zweiten wurde er panisch. Jetzt hat er sich langsam daran gewöhnt. Seit Choni Beigel seine Lampen im Internet präsentiert, ist nichts mehr so wie vorher. Die Leuchten im Design der israelischen Straßenschilder sind bei Liebhabern von Objekten mit Israelbezug ein internationaler Hit.

In seinem WG-Zimmer in der zentralen King-George-Straße in Jerusalem riecht es nach Pizza. Drei seiner Kommilitoninnen sitzen um einen Tisch, lassen es sich schmecken und bauen Lampen zusammen: »Ich schaffe es im Moment nicht allein.« Der Student des Industriedesigns an der renommierten Jerusalemer Bezalel-Hochschule zeigt auf seine Helferinnen und lacht. »Dieser Ansturm hat mich völlig überrascht.« Allein in den letzten zwei Wochen trudelten mehr als 50 Bestellungen aus der ganzen Welt bei ihm ein. Geliefert hat er auch schon, darunter nach Korea, in die USA und nach Deutschland.

»Zum Glück sind gerade Semesterferien. Denn ich komme zu nichts anderem mehr«, sagt Choni, atmet einmal tief ein und macht sich an das nächste Exemplar. Auf dem Boden stapeln sich Metallrahmen und Elektrokabel, auf dem Bett liegen die Namensschilder, auf einem Stuhl Plexiglasscheiben, neben dem Schreibtisch lagern Packpapier und Kartons. Die Rahmen aus Edelstahl lässt Beigel mittlerweile in einer Metallwerkstatt herstellen, den Rest fertigt er per Hand. »Alles ist made in Israel!«

Vorbild Es begann im vergangenen Winter, als er bei einem Freund an der Wand das Glas eines alten Straßenschildes sah. »Er hatte es draußen im Schnee gefunden, mit nach Hause genommen und ein paar LED-Leuchten dahintergeklemmt. Das sah wirklich klasse aus.« Als sein Professor im darauffolgenden Metalldesign-Workshop den Studenten freie Hand ließ, fiel Beigel das Schild wieder ein. »Ich liebe Metall und wollte etwas aus Edelstahl bauen. So kam es zu der King-George-Lampe, natürlich mit dem Namen der Straße, in der ich wohne.« Zum Vorbild nahm er das Design der Straßenschilder, die in Israel an jeder Ecke zu finden sind.

Die ersten drei bot er vor rund zwei Monaten auf dem Basar der Hochschule an, und binnen Minuten waren sie verkauft. Also produzierte der 24-Jährige weiter. Als er sie in einer israelischen Facebook-Gruppe für Englischsprachler anbot, brummte das Internet. Innerhalb von zwei Stunden hatte er 2000 »Likes«, die Bestellungen rissen gar nicht mehr ab, »und so geht es bis heute«. Trotz der vielen Arbeit ist Beigel glücklich über seinen Erfolg. »Es macht viel Spaß und bringt mich finanziell sicher durchs Studium.«

cool Menschen aus dem Ausland kaufen sie, um sich an schöne Erlebnisse während ihres Urlaubs zu erinnern oder um generell Verbundenheit mit Israel auszudrücken, glaubt er: »Und Israelis finden sie meist einfach cool.« Auf seiner Website kann man aus einer vorgegebenen Liste von Straßennamen bestellen – darunter einige der bekanntesten wie King George, Dizengoff, Sheinkin, Allenby, Bialik und Hazait, oder seinen Wunschnamen angeben. Mit 230 und 290 Schekel (etwa 53 und 67 Euro) sind die handgefertigten Lampen erschwinglich. »Und das soll auch so sein. Ich will nichts Überteuertes verkaufen, sondern ein schönes Designobjekt, das sich die Leute dennoch leisten können.«

Als Schmankerl ist jeder Lampe ein kleines Schild beigefügt, auf dem etwas Besonderes zu dieser Straße steht. Das kann eine Erklärung sein, ein Zitat oder eine Anekdote. »Wie bei der Zait-Straße zum Beispiel. Da habe ich geschrieben: ›Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein Schild mit dem Namen erworben, nach dem in Israel die meisten Straßen benannt sind.‹ Logisch, die Olive ...«

originalgetreu Wenn eine Bestellung eingeht, klebt der Designer nicht einfach den Straßennamen auf Plexiglas und bringt das Päckchen zur Post. »Damit ist es wirklich nicht getan, denn ich will ja etwas Originalgetreues herstellen. Und in Israel herrscht bei der Beschilderung ein wildes Durcheinander. Nichts ist einheitlich, weder die Transliteration noch das Design, selbst die Buchstaben nicht. Manchmal gibt es auch Namenszusätze, die in Klammern daneben stehen.« Also läuft er entweder zu Fuß durch die Stadt, um die Schilder aus nächster Nähe zu begutachten, oder bewegt sich mit Google Street View virtuell durchs Land.

Beigel hat übrigens eine besondere Affinität zu Sprache. Seine Eltern, vor rund 30 Jahren als Zionisten aus London eingewandert, betreiben heute ein Übersetzungsbüro. »Und die raufen sich manchmal die Haare, wenn sie sehen, wie die Schilder geschrieben sind«, erzählt er und schmunzelt. »Es herrscht wirklich Chaos.« Choni Beigel aber mag es aufgeräumt. Und so bringt er in seinem WG-Zimmer beim Lampenbau ganz nebenbei auch ein wenig Ordnung in das Durcheinander der israelischen Straßenbeschilderung.

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