ESC

Lächeln wie Wonder Woman

Viele ESC-Fans wollen wiederkommen. Foto: Sabine Brandes

Wenn Wonder Woman mit ihrem Megawatt-Lächeln für Tel Aviv die Werbetrommel rührt – wer kann da schon widerstehen? Und so strömten die Menschen, Besucher aus dem Ausland wie Einheimische, eine Woche lang zur Eurovision 2019 in die Metropole am Mittelmeer. Frohlockend, fröhlich und feierlustig.

Dass die Eurovision mehr Tel Aviver denn israelische Veranstaltung sein sollte, hatte die Regierung recht schnell nach dem Sieg von Netta Barzilai 2018 beschlossen. Bis auf das Drucken von Broschüren war das Tourismusministerium so gut wie gar nicht beteiligt.

Am Strand von Tel Aviv tummelten sich Gruppen von europäischen LGBTQ-Vertretern in knappsten Badehosen und mit Multi-Piercings.

Also machten die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Kan, die die Shows organisierte, und die Stadtverwaltung ihr eigenes Ding, ohne aus Jerusalem gesponsert zu werden. Dafür dürfen sie letztlich auch die Lorbeeren einheimsen. Oder besser gesagt, die Federn des legendären Kostüms von Dana International, die Bürgermeister Ron Huldai in einem ESC-Werbevideo so charmant von seinem Anzug pustete.

Zwar kamen nicht die vorausgesagten 20.000 und mehr Touristen, sondern nach Schätzungen aus der Tourismusbranche eher um die 10.000, doch die, die hier waren, beschrieben ihre Erfahrungen von »positiv« und »überdurchschnittlich« bis zu »berauschend«.

Preise Wie Aili Tamm. Gemeinsam mit drei Freunden war die Studentin aus Tallinn in Estland zum ESC nach Israel gereist. »Wir sind totale ESC-Fans und fahren seit Jahren überall dorthin, wo die Eurovision stattfindet. Eigentlich zögern wir nicht, dabei zu sein. Aber dieses Mal haben wir vorher lange überlegt, ob wir es wirklich tun sollen. Vieles war teuer, der Flug, das Hotel, die Eintrittskarten. Wir hatten auch gehört, dass die Preise in den Supermärkten so extrem sind.« Entsprach das der Realität? »Na ja, günstig war es nicht. Aber wir hatten es uns schlimmer vorgestellt. Tel Aviv ist kein Monaco – und wir haben es nicht eine Sekunde bereut.«

Statt einem Hotel fanden die vier Estinnen ein relativ günstiges Airbnb, buchten statt Karten für das Finale welche für das Halbfinale und gingen kaum in Restaurants. »Wir haben auf dem wundervollen Carmel-Markt eingekauft und unser Essen morgens und mittags selbst zubereitet. Abends sind wir zu den Buden von ›Tel Aviv Eat‹ im Eurovision-Dorf gegangen. Da gab es eine Wahnsinnsvielfalt, und die Preise stimmten mit 25 bis 35 Schekeln pro Gericht auch. Ein riesiger Pluspunkt für die Stadt ist, dass die Strände kostenlos sind, inklusive Duschen und Internet. Ich wüsste nicht, wo es das sonst noch gibt.«

Es war egal, wo jemand herkam oder wie er sich anzog, welche Vorlieben oder Gepflogenheiten er hatte.

Doch es waren weder Preise noch Strände, die Aili und ihre Freunde am meisten beeindruckten. »Sondern die unglaubliche Aufgeschlossenheit der Israelis. Wo auch immer wir hinkamen, wurden wir aufgenommen wie Freunde. Wir haben eine Woche des angenehmsten Feierns überhaupt erlebt. Ohne Stress oder ein bedrohliches Gefühl.« Die vier sind begeistert: »Die schönsten Erfahrungen aller ESCs haben wir hier in Tel Aviv gemacht.« Durch das Land reisten die Studentinnen allerdings nicht. »Es hat sich für uns fast alles um die Eurovision gedreht, und die fand nun einmal in Tel Aviv statt. Aber wir kommen sicher wieder.«

Das will auch Tommy Maher aus London. Für den 51-Jährigen könnte es kaum eine bessere Stadt als Veranstaltungsort geben. Das Messezentrum, in dem die Wettbewerbe ausgetragen wurden, sei großartig, alles perfekt organisiert gewesen. »Und Tel Aviv ist einfach eine Wahnsinnsstadt, die irre viel Spaß macht.«

Badehosen Tatsächlich war es egal, wo jemand herkam oder wie er sich anzog, welche Vorlieben oder Gepflogenheiten er hatte. Das galt für die Stadt wie für die Shows. So waren sie ein Zusammenspiel von Transgender-Künstlern wie Conchita Wurst, Bilal Hassani und Verka Serduchka, präsentiert von einem der bekanntesten Schwulenaktivisten des Landes, Assi Azar. Daneben durfte die Band »Hatari« aus Island ihre düstere Sado-Maso-Show in voller Lack- und Ledergarnitur vorführen, und niemand schien sich daran zu stören.

Am Strand von Tel Aviv tummelten sich Gruppen von europäischen LGBTQ-Vertretern in knappsten Badehosen und mit Multi-Piercings. »Stell dir vor, das wäre in Jerusalem passiert«, frotzelten einige einheimische Städter dann auch mit einer gewissen Portion Überlegenheit und stimmten überein, dass der Spaßfaktor dort ganz sicher zu kurz gekommen wäre.

Dass die Eurovision in Israel gänzlich ohne politischen Kommentar ausklingen konnte, wäre illusorisch gewesen. Und so gab es sie am Rande: von Madonna, die ihren Tänzern eine israelische und eine palästinensische Flagge auf den Rücken pappte; von Hatari, die »Palestine«-Schals in die Kameras hielten. Und von der Organisation »Breaking the Silence«, die mit einem Plakat an der Stadtautobahn gegen die israelische Besatzung aufrief und daran erinnerte, dass »auch Menschen in Gaza träumen wollen«, in Anlehnung an das ESC-Motto »Dare to Dream«. Sie wurden allerdings höchstens mit einem Achselzucken bedacht oder von Journalisten mit »unpassend für die unpolitische Veranstaltung« kommentiert. Viel Wirbel machten sie nicht.

Influencer Und so reisten die meisten Gäste mit einem guten Gefühl wieder ab. Sie hatten Offenheit, Toleranz, Spaß und Freude, Sonnenschein und kunterbuntes Miteinander erlebt. In einem Land, das oft ausschließlich als Konflikt- und Krisenregion tituliert wird. Davon will die Tourismusbranche auch langfristig profitieren und hofft, dass die Welle anhält. Yossi Fattal, Chef der israelischen Tourveranstalter-Vereinigung, ist zuversichtlich: »Jeder, der hier war, beeinflusst die Meinung von anderen Leuten im Ausland. Es sind nicht nur einzelne Touristen, sondern regelrechte Influencer.«

Versuche, die Show zu politisieren, stießen auf wenig Resonanz.

Dabei spielen auch die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter eine Rolle, auf denen während der Eurovision zahllose Israel-Posts veröffentlicht wurden. »Der Wert des Bekanntmachens unseres Landes durch den ESC ist die Hälfte des jährlichen Budgets des Tourismusministeriums. Ich habe keinen Zweifel, dass das zu einem Anstieg bei den Zahlen der ankommenden Gäste führen wird«, meint er. »Es hat einen enormen wirtschaftlichen Einfluss.«

Die meisten Touristen, die zum größten Gesangswettbewerb der Welt in Tel Aviv zu Gast waren, sind mittlerweile wieder zu Hause, die Bässe, die im Eurovision-Dorf am Strand tagein, tagaus wummerten, sind verstummt. Was bleibt, ist ein Lächeln auf den Lippen beim Gedanken an eine der besten Partys aller Zeiten. Fast so schön wie das von Gal Gadot.

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