Portrait

Künstlerische Verbindung

»Zeitgenössische Kunst im enzyklopädischen Zusammenhang«: Rita Kersting

Immer wieder bleibt sie stehen. Bewundert eine neue Ausstellung, hat eine Erklärung zu einem Exponat parat. Wenn Rita Kersting durch die Gänge und Hallen ihres Arbeitsplatzes läuft, fühlt sie sich ständig inspiriert. »Ich lerne an diesem Ort jeden Tag etwas dazu, das ist ganz fantastisch«, schwärmt sie. Die deutsche Kunsthistorikerin ist Kuratorin und neue Leiterin für Zeitgenössische Kunst im Israel‐Museum von Jerusalem.

Im Oktober 2012 nahm sie ihre Tätigkeit auf, die Familie war noch in Deutschland, einen Monat später flogen Raketen aus Gaza bis nach Tel Aviv und Jerusalem. Auf einer Reise in die Stadt am Mittelmeer sah sie mit eigenen Augen eine durch die Luft flirren. Hat sie in diesem Moment daran gedacht, die Koffer wieder zu packen und in die sichere Heimat zurückzukehren? »Überhaupt nicht«, sagt sie. »Allerdings war das schon richtig nah.« Und obwohl sie findet, dass man vor allem in Jerusalem die politischen und gesellschaftlichen Spannungen ständig spüre, hätten Sicherheitserwägungen ihre Entscheidung, nach Israel zu ziehen, niemals beeinflusst.

Wunsch Geboren ist Rita Kersting 1969 in Goch in unmittelbarer Nähe der holländischen Grenze. Sie studierte Kunstgeschichte in Köln, damals der einzige Ort, an dem Zeitgenössische Kunst angeboten wurde. Nach ihrem Abschluss fand sie eine Anstellung als Assistentin am Museum Ludwig, später arbeitete sie in Krefeld. Anschließend war sie jahrelang Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. Als vor sechs Jahren ihr zweites Kind geboren wurde, begann Kersting, frei zu arbeiten. Und dann sah sie die Stellenausschreibung aus Jerusalem.

»Ich wollte diesen Job so sehr«, erinnert sie sich, »habe aber nicht wirklich geglaubt, dass es klappt.« Ihre Vorgängerin Suzanne Landau, die nach 34 Jahren ans Tel Aviv Museum wechselte, habe »eine grandiose Sammlung« aufgebaut. Trotzdem begleitete ihr Mann Guido de Werd, einstiger Museumsdirektor in Kleve und heute pensioniert, seine Frau zum Vorstellungsgespräch nach Israel. »Hier könnte ich schon ein paar Jahre leben«, meinte er damals. Kersting lacht: »Und ich habe nur gesagt: ›Ja, ja, das wird sowieso nichts‹.« Es wurde. Gemeinsam mit den beiden Kindern lebt das Paar heute im beschaulichen Stadtteil Rechavia.

Alltag Das Leben in Israel und vor allem ihre Arbeit im Museum könnten Kersting kaum besser gefallen. Die Kollegen hätten ihr allesamt einen warmen Empfang bereitet. Doch nach sieben Monaten im jüdischen Staat wird ihr im Alltag oft die Geschichte Deutschlands bewusst, empfindet sie es als besonders bewegend, deutschstämmige Israelis zu treffen und zum Teil auf Deutsch mit ihnen zu reden. »Ich habe dann immer diesen Gedanken: Sie haben überlebt und leben – welch großes Glück.«

Neben guten Wünschen »begleiteten« auch einige Künstler die Kuratorin nach Jerusalem. Kurz vor ihrer Ankunft hatte eine französische Mäzenin dem Haus ein Werk von Hans Peter Feldmann (geboren 1941 in Düsseldorf) geschenkt, den Kersting bereits seit vielen Jahren persönlich kennt. Sie ließ das Schattenspiel aufbauen und fügte ein anderes seiner Werke mit Fotografien aus deutschen Zeitungen von 1941 hinzu. Die Freunde des Israel‐Museums aus Deutschland stifteten eine weitere Feldmann‐Arbeit.

Seit Langem kennt Kersting auch das Werk von Joseph Beuys in‐ und auswendig, dem in Jerusalem eine Ausstellung gewidmet war, als sie ihren Job begann. Vor allem Beuys’ Arbeit mit Tieren, etwa Kojoten oder Hasen, habe sie stets beeindruckt. »Allerdings habe ich sie früher nur romantisch verstanden.« Erst hier habe sie einen anderen Blick bekommen, es durch die hervorragende archäologische Sammlung in einem neuen Zusammenhang betrachtet. »Auf einmal sehe ich, wie elementar es ist.«

Ursprung Überhaupt sei die Verbindung zwischen Kunst, Judaika und Archäologie im Israel‐Museum einzigartig. »Der Ursprung ist hier allgegenwärtig. Hier sehe ich Zeitgenössische Kunst in einem fast enzyklopädischen Zusammenhang. Diesen Bezug kann man in keinem anderen europäischen Museum so finden.«

Neben dem Konzipieren von Ausstellungen reist Kersting um die Welt, um die Käuferkomitees der »Freunde des Israel‐Museums« bei der Akquise zu beraten. Gerade ist sie aus New York zurück. »Die Freunde dort hatten 300.000 Dollar gesammelt, und ich habe ihnen Werke vorgeschlagen, die sie kaufen könnten.« Die Kunsthistorikerin betont die enge Verbindung des Hauses mit den »Freunden« in aller Welt. »Es ist wundervoll, zu sehen, wie die Sammlung unseres Hauses durch sie immer weiter wächst.«

Wer noch auf ihrer Wunschliste steht, verrät sie derzeit noch nicht, nur so viel, dass es sich bei dem Werk dieses Künstlers um eine intensive Verbindung von Säkularem und Spirituellem handelt. »Das hat nichts mit Gott zu tun, es geht um Menschen, denn er glaubt an den Menschen.«

Einer ihrer Wünsche hat sich seit ihrer Ankunft bereits erfüllt. »Ich wollte wahnsinnig gern Omer Fast haben.« Der in Jerusalem geborene und in Berlin lebende Fast zählt heute zu den bedeutendsten israelischen Künstlern, wird bislang jedoch in keinem Museum hierzulande ausgestellt. Noch nicht. »Ich konnte das zunächst kaum glauben«, erinnert sich Kersting. Bald jedoch wird sich das ändern. Dank ihrer Arbeit wird der Erwerb im nächsten Jahr mit einer Ausstellung gefeiert. »Und darüber freue ich mich wahnsinnig.«

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