Porträt

Kreativer durch die Krise

Spült mit dem ersten Kaffee am Morgen ihre Sorgen weg: die Unternehmerin Mollie Ganor in ihrem Keramikstudio Foto: Sabine Brandes

Porträt

Kreativer durch die Krise

Wie Mollie Ganor ihr Tel Aviver Keramik-Malstudio inmitten der Corona-Pandemie retten konnte

von Sabine Brandes  13.09.2020 19:30 Uhr

Auf einmal kam niemand mehr. In nur einem Jahr hatte sich Mollie Ganor ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut, mitten in Tel Aviv, auf der Flaniermeile Dizengoff. »Clayla«, ihr Studio zum Bemalen von Keramik, war offenbar das, was in der Metropole gefehlt hatte. Schon kurz nach Eröffnung im April 2019 war es oft ausgebucht, die Wartelisten wurden länger und länger. Dann kam Corona.

Ganor erinnert sich an einen Tag im März: »Es war kurz vor dem Lockdown. Die meisten Menschen trauten sich schon nicht mehr aus den Häusern, es herrschte eine merkwürdige Stimmung. Zwei junge Frauen kamen ins Studio und malten. Sie waren die Einzigen.«

strafzettel Dann klopfte es an der Tür. Doch da stand kein neuer Kunde. »Es war ein Beamter der Stadtverwaltung, der mir einen Strafzettel in die Hand drückte, weil ich einen Pappkarton vor die Tür gestellt und noch nicht den Abholdienst angerufen hatte.«

Sie war entsetzt: »Ich diskutierte mit ihm, zeigte ihm, dass ich praktisch keine Kunden mehr hatte, wies auf die schweren Zeiten hin, bettelte. Aber er blieb hart.« Später erließ ihr die Verwaltung die Strafe, doch es war dieser eine Moment, in dem sie realisierte: »Ich habe Angst und keine Ahnung, was kommt. Aber ich weiß, dass ich mich meinem Schicksal nicht hingeben darf und aktiv werden muss.«

An Wandel ist sie gewöhnt. Als Mollie noch ein Teenager war, zogen ihre Eltern von New York nach Jerusalem – die 14-Jährige im Schlepptau.

Die 33-Jährige ist verheiratet und Mutter der zweijährigen Cayla. Sie und ihr Mann, der Jura und Wirtschaft studiert hat, sind selbstständig. »Ich bin diejenige, die das Bargeld nach Hause bringt, um einkaufen zu gehen. Als das in Gefahr war, schaltete ich auf Überlebensmodus um. In gewisser Weise hat mich die Corona-Krise noch kreativer gemacht.«

unwägbarkeiten Denn an Wandel ist sie gewöhnt. Als Mollie noch ein Teenager war, zogen ihre Eltern von New York nach Jerusalem – die 14-Jährige im Schlepptau. »Es war wie ein anderes Universum, plötzlich an einer religiösen Schule für Mädchen mitten in dieser verrückten Stadt zu sein. Ganz sicher aber hat es mich auf die Unwägbarkeiten im Leben vorbereitet.«

Nach dem Dienst in der israelischen Armee zog sie zurück in die USA. »Und dann war es ein einziges Hin und Her.« Bis vor sechs Jahren. Dann war sie angekommen. In Tel Aviv. An einem Morgen im Jahr 2016 saß Mollie Ganor in einem Café und hatte die Idee für Clayla. »Kunst und Selbermachen waren schon immer meine Flucht, wenn Dinge schwer wurden. Ich ging oft in ein Keramikstudio in meinem Viertel in New York. Beim Malen ging es mir gut.«

Als sie ihrem Mann von der Idee erzählte, war der äußerst skeptisch. »Er fragte: ›Die Leute bemalen im Studio einen Teller?‹ Ich jauchzte ›Ja‹, als sei es das Schönste auf der Welt.« Sie wirkte überzeugend, denn ihr Mann erstellte ihr einen Geschäftsplan und motivierte seine Frau, es zu probieren. Die nächsten Jahre plante sie alles – bis ins letzte Detail.

traum Doch was in anderen Ländern schnell und günstig ist, ist in Israel langwierig und teuer. »Wenn ein Studio in den USA Keramik bestellt, kommt sie in einer Woche an, für mich dauert es drei Monate.« Aber keine Zahl der Welt konnte Ganor von ihrem Plan abbringen. »Als ich schließlich vor meinem Studio stand, den Schlüssel in der Hand, war ich so glücklich und stolz. Mein Traum war in Erfüllung gegangen.«

Doch durch den Corona-Ausbruch drohte der Traum jäh zu platzen. Weil sie besonders an den Wochenenden oft Kunden abweisen musste, hatte sie schon länger mit der Idee gespielt, dass sich Leute ihre Mal-Sets abholen und zu Hause kreativ werden. »Es war eine riesige Portion Glück dabei, denn kurz vor Corona hatte ich eine Lieferung mit 1,3 Tonnen Keramik bekommen. Wäre die nicht rechtzeitig da gewesen, es hätte das Ende von Clayla sein können.«

Die fast drei Monate Lockdown verflogen für sie wie im Flug. Von morgens bis nachts packte sie täglich mit vier Angestellten Teller, Tassen, Schalen oder Spardosen ein, dazu Farben und Pinsel. Ihre Mal-Sets gegen die Langeweile im Lockdown bewarb sie auf Facebook und Instagram. »Wir waren so ziemlich die Ersten, die einen Lieferservice per Scooter anboten, noch vor den meisten Restaurants. Abholen ging ja nicht mehr, als niemand das Haus verlassen durfte. Lieferungen waren aber erlaubt.« Sie sei völlig überrascht gewesen, wie gut es angenommen wurde. »Diese eine Idee hat mein Geschäft gerettet.«

Die Kunden können sich Keramik-Sets abholen und sie zu Hause bemalen.

Fast ein halbes Jahr ist es her, dass der Lockdown in Israel verkündet wurde. Heute ist bei Clayla wieder viel los. Die Tische sind an den meisten Tagen voll belegt. Mollie Ganor ist mittendrin, gibt den Kunden Tipps, erklärt Techniken, räumt neue Keramik aus Kisten, packt fertige Stücke ein, steht an der Kasse, bedient den Brennofen. Alles ist so wie vorher. Fast.

»Das komische Gefühl in der Magengrube, das sich mit dem Ausbruch von Covid dort eingenistet hat, ist noch immer da. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, macht es sich breit.« Das Bewusstsein, dass alles in einem Moment vorbei sein kann, ohne dass man den geringsten Einfluss darauf hat, habe sie in den Grundfesten erschüttert. Und dennoch will sie sich Angst und Ungewissheit nicht hingeben. Mit dem ersten Kaffee am Morgen spült sie die Sorgen weg.

PROGNOSEN Von den mehr als 460 Geschäften auf der Dizengoff-Straße mussten nach Angaben des Wirtschaftsmagazins »Marker« mittlerweile 105 schließen. Prognosen gehen davon aus, dass es noch viele mehr werden. Die Eigentümerin von Clayla ist fest entschlossen, nicht dazuzugehören.

Stattdessen möchte sie Kreativität und Kunsthandwerk dorthin bringen, wo es fehlt. »Ein Studio in Sderot, wo es nur Schönes gibt und sich Kinder und Erwachsene wohlfühlen. Vielleicht eins in Jerusalem für Koexistenz …« Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei, doch Mollie Ganor plant schon wieder. Und denkt gar nicht daran, mit dem Träumen aufzuhören.

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