Interview

»Kompromiss mit dem Erzfeind«

Der Islamwissenschaftler Gerhard Conrad war Spitzenagent des BND. Hier spricht er über seine dramatischen Vermittlungen zwischen Israel, der Hisbollah und Hamas und die Tücken seiner Missionen in Nahost

von Michael Thaidigsmann  25.12.2022 20:57 Uhr

Gerhard Conrad war bis 2016 leitender BND-Agent und galt als führender Nahost-Experte des Dienstes. Foto: picture alliance / dpa

Der Islamwissenschaftler Gerhard Conrad war Spitzenagent des BND. Hier spricht er über seine dramatischen Vermittlungen zwischen Israel, der Hisbollah und Hamas und die Tücken seiner Missionen in Nahost

von Michael Thaidigsmann  25.12.2022 20:57 Uhr

Herr Conrad, Sie waren in der Vergangenheit mehrmals als Vermittler zwischen der Hisbollah und Israel und auch zwischen der Hamas und Israel tätig und haben jetzt ein Buch über Ihre Erfahrungen veröffentlicht. Was war Ihr größter Erfolg und größter Misserfolg?
Als Sonderbeauftragter der UN-Generalsekretäre Kofi Annan und Ban Ki-moon konnte ich nach zweijährigen schwierigen Verhandlungen die Rückführung der beiden gefallenen israelischen Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser erreichen. Im Fall von Gilad Schalit, der von der Hamas entführt worden war, war es mir dagegen am Ende nicht möglich gewesen, dem ausgearbeiteten Deal zum Durchbruch zu verhelfen. Hier bedurfte es zusätzlicher massiver ägyptischer Interventionen bei der Hamas und weiterer israelischer Zugeständnisse.

Sie schildern in Ihrem Buch den Austausch von mehreren, in Israel inhaftierten Hisbollah-Kämpfern gegen den Israeli Elhanan Tannenbaum sowie die Leichen von Eldad Regev und Ehud Goldwasser 2004. Das liest sich in Teilen wie ein Agententhriller …
Der Austausch fand ja auch tatsächlich im Morgengrauen auf dem militärischen Teil des Kölner Flughafens statt. Bis zum Schluss wussten wir nicht, ob nicht alles in letzter Minute platzen würde. In den beiden israelischen Flugzeugen, die nach Köln gekommen waren, befanden sich nicht nur die für den Austausch vorgesehenen Gefangenen, sondern auch Spezialisten, die die Leichen der drei israelischen Soldaten einer DNA-Probe unterzogen. Erst als die grünes Licht gaben und damit die Identität der drei Männer zweifelsfrei geklärt war, konnte der Austausch stattfinden.

Wie kam es dazu, dass diese Mission durchgeführt wurde?
2001 hatte Israels damaliger Ministerpräsident Ariel Scharon die Bundesregierung gebeten, wie schon einmal zuvor in den 90er-Jahren, über den Bundesnachrichtendienst mit der Hisbollah in Vermittlungsgespräche einzutreten. Als damaliger BND-Resident in Syrien und Libanon musste ich so zunächst für den BND-Chef August Hanning einen geheimen Besuch in Beirut vorbereiten. Dort traf er sich dann konspirativ mit Hisbollah-Chef Scheich Nasrallah, der einer weiteren deutschen Vermittlung zustimmte.

Was geschah dann?
Wie immer in diesen Fällen erwiesen sich die Verhandlungen als sehr langwierig und kontrovers. Im Laufe der Zeit wurde ich als Kenner der Region in das zweiköpfige Vermittlerteam berufen. Zu einer Annäherung war es bis dato nicht gekommen. Wir unternahmen einen neuen Anlauf und trafen uns mit der israelischen Arbeitsgruppe in Deutschland.

Warum in Deutschland?
Weil dort wegen des öffentlichen Interesses, vor allem des Medieninteresses in Israel, das Risiko von Leaks und Indiskretionen weitaus geringer war.

Was konnten Sie zum Gelingen des Deals beitragen?
Durch meine Kenntnis der Region konnte ich mich recht gut in die Vorstellungswelt und Rationalitäten der Hisbollah-Leute hineinversetzen. Man muss diese ja nicht akzeptieren oder billigen, was ich auch nie getan habe. Aber man muss zumindest insoweit Verständnis mitbringen, dass man eine tragfähige Vertrauens- und Gesprächsgrundlage aufbauen kann. Die ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermittlung. Es geht immer auch darum, alle Seiten zu Konzessionen und damit zu einem tragfähigen Kompromiss zu bewegen. Die Hisbollah war militärisch nicht in der Lage, ihre Gefangenen aus den israelischen Gefängnissen zu befreien. Ebenso wenig konnte Israel Tannenbaum und die gefallenen Soldaten mit Gewalt aus dem Libanon zurückholen.

Sie haben mit Leuten verhandelt, an deren Händen Blut klebte. Gleichzeitig mussten Sie ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen. Wie geht das zusammen?
Meine Bewertung der politischen Weltanschauung meiner Gesprächspartner war gar nicht entscheidend. Wichtig ist, dass man höflich, bestimmt und zugewandt auftritt. Zusagen, auch in kleinen Dingen, muss man einhalten und so durch das eigene Verhalten Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit kommunizieren. Psychologisch ist so eine Vermittlungssituation natürlich nicht einfach, weder für mich als Vermittler noch für die verfeindeten Parteien. Die lassen sich ja nur notgedrungen, in der Erkenntnis der eigenen Schwäche, auf einen solchen ungeliebten Prozess ein. Dennoch brauchte es eine zwar zeitlich und thematisch begrenzte, aber doch belastbare, über den Vermittler herzustellende und aufrechtzuerhaltende indirekte Partnerschaft zwischen allen Parteien.

Sie haben zwar Arabisch gelernt, Ihre Verhandlungen dennoch immer auf Englisch geführt. Warum?
Mein Arabisch ist zwar ganz ordentlich, aber natürlich bei Weitem nicht so gut wie das meiner Gesprächspartner im Libanon oder im Gazastreifen, für die es die Muttersprache ist. Wenn man auf Englisch verhandelt, stehen alle Beteiligten gleich gut da. Oder gleich schlecht. Man trifft sich da eher auf Augenhöhe.

Sie mussten mit Terroristen verhandeln, die schwer einzuschätzen waren. Hatten Sie nie selbst Angst?
In ihrem Auftreten waren die Leute von der Hisbollah Anfang der 2000er-Jahre sicher nicht mit jenen der späten 80er- und frühen 90er-Jahre zu vergleichen. Die Hisbollah war ja nach Ende des Bürgerkriegs zu einem politischen Akteur im Libanon geworden. Die Kontakte liefen daher ziemlich professionell ab, auch was die Lokalitäten anbelangt, an denen wir uns trafen. Aber ein mulmiges Gefühl war da schon ab und an, insbesondere in Phasen einer angespannten Sicherheitslage in Beirut, die es ja bekanntlich immer wieder gab. Einmal scherzte ein Mitglied einer Eskorte, die uns unauffällig am Hotel abholte, was denn wäre, wenn sie uns einfach bei sich behalten würden. Theoretisch begaben wir uns natürlich auf Gedeih und Verderb in die Hände einer terroristischen Organisation. Andererseits genossen wir Gastrecht, und es hätte für die Hisbollah auch gar keinen Sinn gemacht, ausgerechnet die Vermittler als Geiseln zu nehmen. Die wollten ja von uns, dass wir auf Israel einwirken, um ihre dort inhaftierten Gefangenen austauschen zu können. Die Zeiten der gewaltsamen Auseinandersetzung auch mit westlichen Staaten waren vorbei. Insofern war das Risiko gar nicht so groß.

Warum wurde ausgerechnet Deutschland gebeten, zwischen Israel und seinen ärgsten Feinden zu vermitteln? Es gibt ja eine besondere Verantwortung Deutschlands für den jüdischen Staat.
Nicht zuletzt diese war und ist ja auch eine wichtige Motivation für die Bundesregierung, gerade auch in humanitären Missionen immer wieder ihr Bestes zu versuchen. Darüber hinaus eröffneten die ansonsten immer wieder hart kritisierten »Sonderbeziehungen« der Bundesrepublik zum Iran die Chance, flankierend auf die Vermittlungsbemühungen in Libanon einzuwirken. Ohne die Zustimmung Teherans hätte die Hisbollah nie einem Kompromiss mit dem Erzfeind Israel zugestimmt. Israel wiederum konnte auf eine jahrzehntelange erprobte Sonderbeziehung zur Bundesrepublik zurückblicken. So geriet der Bundesnachrichtendienst in die Position eines »ehrlichen Maklers«.

Warum wurden die Geheimdienste beauftragt und die Gespräche nicht auf politischer Ebene geführt?
Das hat zum einen mit der politischen Kultur in vielen arabischen Ländern zu tun. Dort sind Geheimdienste sehr weit oben im Gefüge der Macht angesiedelt; sie sind neben den Streitkräften der profilierteste Ausdruck der Staatsgewalt – und das leider nicht selten mit einer starken Betonung auf Gewalt. Politisch bedeutsame, heikle Projekte werden in der Regel den Diensten aufgrund ihrer Vertrauensstellung zum Machtzentrum und ihrer Fähigkeit zur Geheimhaltung und Konspiration anvertraut, so eben auch die sensiblen geheimen Kontakte und Verhandlungen mit dem Gegner. Damit war der BND der gegebene Ansprechpartner für alle Seiten, denn auch in Israel fallen die betreffenden Fälle in den Zuständigkeitsbereich der Nachrichtendienste.

Was sind die Kriterien für Erfolg und Misserfolg bei solchen Vermittlungen?
Da gibt es einige. Zunächst einmal müssen alle Beteiligten Vertrauen in den oder die Unterhändler haben. Sie müssen darauf vertrauen, dass man nicht plant, sie zu hintergehen. Deshalb gehen solchen Missionen monatelange, manchmal auch jahrelange vertrauensbildende Maßnahmen voraus. Aus diesem Grund sollten der jeweilige Verhandlungsstand und insbesondere die sich abzeichnenden Kompromisslinien für alle Seiten nachvollziehbar genau protokolliert werden. Ich habe deshalb immer schriftlich auf meinem Laptop festgehalten, was gesagt wurde. Das ist in der arabischen Welt nicht unbedingt üblich, dort gilt eher das Prinzip der mündlichen Vereinbarung. Und schließlich ist die Geheimhaltung absolut wichtig. Wenn die Medien über Verhandlungspositionen und das Ausloten möglicher Konzessionen berichtet hätten, hätten die beteiligten Parteien womöglich das Gesicht verloren oder wären politisch so unter Druck geraten, dass sie die Mission abgeblasen hätten. Besonders aufseiten der Hisbollah barg natürlich jeder Kontakt zu Israel, egal ob direkt oder indirekt, politischen Sprengstoff.

Was haben Sie getan, um Ihre Missionen geheim zu halten?
Ich bin zum Beispiel nie direkt von Frankfurt oder Berlin aus nach Beirut geflogen, sondern immer nur indirekt, über verschiedene Zwischenstationen. Das hat den Vorteil, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man auffällt und Leute einen wiedererkennen, deutlich geringer ist. Zufällige Begegnungen mit Menschen, die einen aus anderen Kontexten kennen, sind natürlich nie ganz ausgeschlossen, aber ich hatte in dieser Hinsicht schon Glück. Mit den israelischen Gesprächspartnern traf man sich aus den gleichen Gründen in anderen Staaten, nicht selten auch in Deutschland, wo man letztlich im allgemeinen Treiben nicht weiter auffiel.

Wie viel Hoffnung haben Sie, dass die Region befriedet werden kann?
Ich bin angesichts der Erfahrungen eher skeptisch. Viele der Akteure haben sich in ihrem Unglück quasi häuslich eingerichtet. Für die Hamas oder die Hisbollah ist der Konflikt ein wesentlicher Teil ihrer politisch-ideologischen Daseinsberechtigung. Darüber hinaus ist er auch ein gutes Geschäftsmodell. Diese Organisationen sind sehr verwurzelt in Gaza beziehungsweise im Libanon und haben eine starke Stellung.

Deutschland hat Israels Sicherheit zur Staatsräson erklärt. Wie wird das in den arabischen Ländern gesehen?
Das deutsche Sonderverhältnis zu Israel wurde, zumindest aus Sicht der Hisbollah oder auch der Hamas, als Chance für eine konstruktive Einflussnahme auf Entscheidungen in Israel gesehen. Wenn die Grundsatzentscheidung auf allen Seiten zugunsten einer Mittlerfunktion gefallen ist, werden im nunmehr geschaffenen Rahmen aus den ansonsten kritisierten »Schwächen« – zum Beispiel der Sprechfähigkeit gegenüber Teheran oder dem Sonderverhältnis zu Israel – Stärken.

Wenn man Sie erneut bitten würde, in Nahost zu vermitteln, würden Sie den Auftrag annehmen?
Lassen Sie mich mit einem Bibelzitat antworten: »Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.«

Mit dem ehemaligen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) sprach Michael Thaidigsmann. Im September erschien im Econ Verlag Conrads gemeinsam mit Martin Specht verfasste Autobiografie »Keine Lizenz zum Töten«.

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