Etikette

Knigge für die Knesset

Auch nicht die feine Art: Schlafstunde im Parlament Foto: Flash 90

Etikette

Knigge für die Knesset

Abgeordnete müssen zur Benimmschulung

von Sabine Brandes  05.12.2011 17:14 Uhr

Handys aus! Beim Essen den Mund zu! Die Parlamentarier in Israel müssen wieder die Schulbank drücken. Auf dem Lehrplan: Benimmregeln. Nach einigen peinlichen Zwischenfällen mit einheimischen, vor allem jedoch ausländischen Kollegen wurde der Plan der Etikette-Schulung für Knessetmitglieder jetzt in die Tat umgesetzt. Vor allem Basisregeln sollen in dem Workshop vermittelt werden, der in dieser Woche beginnt, doch auch Grundlegendes zur Rolle der Abgeordneten als Vorbilder in der Gesellschaft.

»Wir bekommen ständig Besuch aus der ganzen Welt und repräsentieren den Staat Israel im Ausland«, erläutert Kursinitiator Danny Danon von der Likud-Partei. »In einigen Ländern bringt man Kindern bereits in der Schule Benehmen bei, sie lernen etwa, wie man sich höflich ausdrückt und geduldig in der Schlange ansteht«, so der Vorsitzende des Komitees für Immigration, Eingliederung und Diaspora. »Bei uns aber gibt es nichts dergleichen.«

Kaktus Gerade mit der Geduld aber sei das so eine Sache, glaubt die Soziologin Tali Gatt. »Die Neuankömmlinge im jungen Staat Israel sind dazu erzogen worden, hart und zielstrebig zu sein. Tischmanieren oder Höflichkeit stammten aus der Diaspora und wurden als Schwäche ausgelegt. Die Pioniere kamen aus aller Herren Länder. Sie hatten keine Zeit für Floskeln oder gepflegten Umgang, es galt, hart zu arbeiten und ein Land zu verteidigen.« Nicht umsonst steht die Kaktusfeige »Sabra« als Sinnbild für den Israeli: außen pieksig, innen süß.

»Sawlanut – Geduld – ist nichts, was man in einigen Stunden Unterricht vermitteln kann. Es ist ein Wert, der über Generationen wächst«, erklärt Gatt. »Hierzulande ist Geduld alles andere als vorrangig.« Auch die Trainerin der Knessetabgeordneten kennt dieses Problem. Tami Lancut-Leibowitz gilt in Israel als Benimmpäpstin, hat diverse Bücher zum Thema geschrieben und ist Inhaberin einer Schule für Etikette in Tel Aviv. »Israelis hören oft nicht zu und unterbrechen ihre Gesprächspartner«, weiß sie. »Sie sind wirklich sehr ungeduldig.«

Lancut-Leibowitz hat sich gut auf ihre schwierige Aufgabe vorbereitet. Stundenlang schaute sie sich den Knessetkanal im Fernsehen an und weiß, was auf sie zukommt. »Israelis sind direkt und natürlich«, beschreibt sie die typische Zwanglosigkeit ihrer Landsleute. Allerdings kann dies im Ausland zu Missverständnissen führen. »Wenn das Plenum tagt, wissen die Leute nicht, wie man miteinander redet. Und ihnen beim Essen zuschauen zu müssen, ist für mich wirklich traumatisch.«

Tischmanieren Um anderen ein derartiges Trauma zu ersparen, wird sich der erste Workshop mit grundlegenden Tischmanieren beschäftigen. Denn die sind den wenigsten Israelis in die Wiege gelegt worden. »Die meisten wissen nicht, wie man das Besteck oder eine Serviette richtig benutzt, sie stellen ihre Stühle nach dem Essen nicht zurück an den Tisch«, so Lancut-Leibowitz. In der ersten Unterrichtsstunde sollen die Parlamentarier üben, wie man korrekt mit Gabel und Messer isst und vor allem den Mund beim Essen geschlossen hält.

Gute Manieren haben viel mit Zurückhaltung zu tun, ist Soziologin Gatt überzeugt. »Und das ist wahrlich keine Stärke meiner Landsleute.« Die Hauptmotivation vieler scheint, kein »Freijer« zu sein, also niemand, dem die Butter vom Brot genommen wird. »Vorpreschen und Durchboxen ist die soziale Norm, dazu passt keine Höflichkeit. Wer nicht mitmacht, gilt als Loser oder bleibt auf der Strecke.« Dass derartiges Verhalten in vielen anderen Nationen als rau und unangenehm angesehen wird, sei Israelis oft nicht bewusst.

Handy-Manie Gatt ist sicher: »Dass es bei vielen Gelegenheiten, sei es aus diplomatischer oder geschäftlicher Sicht, besser ist, zurückzustecken, und man so durchaus als Gewinner aus einer Situation hervorgehen kann, wird hier nicht verstanden.« Für viele Israelis sind Manieren nichts als unnützer Schnickschnack. Noch heute werden die »übertrieben höflichen deutschen Juden« in Witzen auf die Schippe genommen. Angeblich sollen die Jeckes nach ihrer Ankunft beim Aufbau des Landes zu jedem Backstein, der ihnen gereicht wurde, gesagt haben: »Bitteschön – Dankeschön«.

Lancut-Leibowitz ist dennoch zuversichtlich, dass ihre Schulungen fruchten werden. Eine Aufgabe allerdings sieht sie als besonders knifflig an: die Parlamentarier davon zu überzeugen, dass sie ihre Handys ausschalten, wenn sie zu Sitzungen oder Besprechungen gehen. Israelis scheinen oft symbiotisch mit ihrem Mobiltelefon verbunden zu sein, oft klebt es stundenlang am Ohr.

Es ist nicht selten, dass das ganze Restaurant oder gar der Sitzungssaal an einer persönlichen Unterhaltung per Telefon beteiligt wird. »Nirgends auf der Welt habe ich Menschen gesehen, die permanent an ihren Handys spielen oder SMS schreiben«, lautet das harsche Urteil der Benimmlehrerin. »Nur hier.« Doch sie hat klare Richtlinien für die Zukunft: »Wenn jemand einen dringenden Anruf des Premiers erwartet, darf er das Telefon anlassen. Sonst ist es aus.«

Ob per Handy oder direkt: Auch Fluchen soll demnächst der Vergangenheit angehören. Schimpfworte in der Öffentlichkeit sind tabu, so Lancut-Leibowitz. Doch Illusionen hat sie nicht: »Parlamentarier in Israel werden wohl nie aufhören, lautstark zu diskutieren und zu streiten. Aber wenigstens können sie es in der Zukunft etwas höflicher tun.«

Jerusalem

Katz bestreitet, Generalmajor im Live-Interview gefeuert zu haben

Der Verteidigungsminister spricht von einer »glatten Lüge und Teil einer politischen Kampagne gegen die Regierung«

 03.08.2026

Palästinensische Gebiete

Streit um Gaza-Friedensplan: US-Vermittler warnt vor Eskalation

Nikolai Mladenov, bulgarischer Gaza-Beauftragter des »Board of Peace«, kritisierte die jüngsten Angriffe auf Waffenlager der Hamas

 03.08.2026

Tel Aviv

Katz will Westjordanland-Kommandeur feuern - IDF widerspricht

Der Verteidigungsminister will Generalmajor Avi Bluth loswerden, weil dieser nicht entschlossen genug gegen palästinensische Terroristen vorgehe. Armeechef Zamir fühlt sich übergangen

 03.08.2026

Jerusalem

Herzog wirft Mamdani antisemitische Rhetorik und Gotteslästerung vor

Auch äußert sich Israels Präsident zum Iran, zum gefeuerten Chefankläger des IStGH, dessen Klage gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die Situation in Gaza

 03.08.2026

Tel Aviv

Israel führt drastische Warnhinweise auf Tabakprodukten ein

Künftig müssen sämtliche Zigarettenverpackungen mit großflächigen Schockbildern versehen sein

 03.08.2026

Wirtschaft

Israel plötzlich auf Platz zwei des Big-Mac-Indexes

Wie viel kostet ein Big Mac in Israel, in den USA und in Deutschland? Was sagt dieser Vergleich aus?

 03.08.2026

New York/Madrid

»Warum unterhält Spanien noch immer koloniale Enklaven in Afrika?«

Israels UNO-Botschafter Danny Danon: »Vielleicht sollte Spanien, bevor es uns weiter belehrt, der Welt etwas erklären«

 02.08.2026

Street-Art

Jeden Tag ein neues Gesicht

In Tel Aviv zeugen unzählige Graffitis von dem, was die Stadt und ihre Menschen bewegt. Eine Tour

von Valentin Suckut  02.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026