Ahed Tamimi

Jeanne d’Arc aus Palästina?

»Der Widerstand geht weiter, bis die Besatzung beendet ist«, kündigte Tamimi nach ihrer Freilassung aus israelischer Haft am Sonntag an.

Ein Held zu sein, ist nicht einfach. Der Duden definiert ihn als jemanden, »der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt« beziehungsweise »eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt«. Im Westjordanland hingegen liegen die Dinge etwas anders. Hier genügt es schon, israelische Soldaten mit Fäusten oder Steinen anzugreifen, um international als Held inklusive Widerstandsvordergrund gefeiert zu werden.

Das ist zwar besonders mit Blick auf die stoische Gelassenheit der israelischen Soldaten weder unerschrocken noch mutig. Inzwischen sind palästinensische Übergriffe dieser Art vielmehr brutale Routine und damit nicht einmal ungewöhnlich. Aber solange die Gegenseite Israel ist, ist dem palästinensischen »Befreiungskämpfer« zumindest die für den Heldenstatus notwendige Bewunderung so sicher wie dem Selbstmordattentäter‐Clan die »Märtyrer«-Rente. Kein Wunder also, dass die Palästinenser so viele Heldinnen und Helden hervorbringen.

Tritte Eine davon ist die nunmehr 17‐jährige Ahed Tamimi aus Nabi Saleh nahe Ramallah, die gestern nach gut acht Monaten aus israelischer Haft entlassen wurde. Im Dezember 2017 zog sie weltweit interessierte Blicke auf sich, nachdem sie zwei israelische Soldaten mit Hieben und Tritten anging. Dem waren gewaltsame Auseinandersetzungen vorangegangen, wie sie in und um Nabi Saleh seit 2009 zur Tagesordnung gehören: Jeden Freitag begeben sich die Dorfbewohner zum Protest gegen die nahegelegene jüdische Siedlung Halamish, wobei es regelmäßig zu unschönen Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten kommt.

Auch an jenem Freitag im Dezember flogen Steine, deren Werfer sich im Haus der Familie Tamimi verschanzten, das daraufhin von den Israelis geräumt wurde. Zwei israelische Wachposten sollten die Rückkehr der Randalierer verhindern, woraufhin Ahed Tamimi samt Cousine und Mutter geschwind zur Tat schritt und die beiden Israelis tätlich provozierte. Familienmitglieder filmten das Spektakel und stellten das Video ins Netz, von wo aus die Bilder des »mutigen« Mädchens mit den blonden Locken um die Welt gingen.

Ihr direkt danach geäußerter Wunsch – mehr Gewalt, mehr Selbstmordattentate zugunsten eines »befreiten Palästinas« – ging daneben leider etwas unter. Die mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten blieben in diesem Moment jedenfalls ruhig und wehrten sich nicht. Dafür jedoch zogen die israelischen Behörden kurz darauf Konsequenzen: Tamimi wurde festgenommen und vor einem Militärgericht angeklagt. Im März 2018 folgte die Verurteilung zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe, aus der sie nun vorzeitig entlassen wurde.

»Widerstand« Nun mag der durchschnittliche Medienkonsument die blonde Tamimi für das vielleicht etwas zu temperamentvolle, sonst aber harmlose Mädchen von nebenan halten. Den israelischen Sicherheitskräften zum einen, Sympathisanten des palästinensischen »Widerstands« zum anderen ist sie hingegen schon länger wohlbekannt. Bereits 2012 protestierte sie medienwirksam mit erhobener Faust gegen einen israelischen Soldaten, woraufhin Recep Tayyip Erdogan sie umgehend mit einer »Auszeichnung für Mut« dekorierte.

Drei Jahre später biss sie einem Angehörigen der israelischen Sicherheitskräfte in die Hand, als der ihren damals zwölfjährigen Bruder Muhammad wegen Steinewerfens festzunehmen versuchte. Auch hier gingen Bilder um die Welt, die jedoch keine Pflastersteine, sondern den vermeintlich handgreiflichen israelischen Soldaten im Gerangel mit Frauen und Kindern zeigten.

Ein schöner Erfolg für Ahed und ihren Bruder, die inzwischen allerdings innerfamiliär Konkurrenz bekommen: Seit einigen Jahren macht sich auch »Janna Jihad«, die nunmehr zwölfjährige Cousine der beiden, als »jüngste palästinensische Reporterin« einen Namen. »Mit ihrer Kamera kämpft sie gegen die israelische Besatzung«, wusste das ARD‐Magazin Weltspiegel vor zwei Jahren voller Anerkennung zu berichten.

Kampf Ahed ist also ganz offensichtlich nicht die einzige Tamimi, die über eine fotogene Ader und theatralisches Talent verfügt. Vielmehr ist sie Teil eines florierenden PR‐Unternehmens, das sich auf die Produktion eindrucksvoller Bilder spezialisiert hat, die das Klischee von den systematisch drangsalierten Palästinensern im Kampf gegen die aggressive Militärmacht Israel zuverlässig nähren.

Die Protagonisten folgen dabei dem immer gleichen Drehbuch: Von hinten fliegen die Steine, in erster Reihe stehen dagegen, menschlichen Schutzschilden gleich, Kinder und Jugendliche mit dem Auftrag zur Konfrontation. Will der Soldat die hinteren Reihen belangen, muss er an ihnen vorbei. Erst in diesem Moment gehen die Kameras der Tamimis an. Und wo gerade kein Stein vorhanden ist, muss es eben eine wedelnde Kinderfaust oder eine verbale Provokation tun, um die gewünschte Reaktion des israelischen Militärs zu erzeugen. Wer ein Faible für antiisraelische David‐gegen‐Golliath‐Geschichten hat, ist bei Familie Tamimi aus Nabi Saleh an der richtigen Adresse.

Aheds Vater, Bassem Tamimi, hilft interessierten Medienvertretern und NGOs dahingehend zuverlässig weiter. Wenn er nicht gerade seine Kinder, Neffen und Nichten in den Medienkrieg schickt, die heimischen Freitagsproteste organisiert oder eine seiner vielen dazugehörigen Freiheitsstrafen in israelischen Gefängnissen absitzt, verbreitet er gerne mal antisemitische Verschwörungstheorien auf Facebook. Dass er aber auch ein feines Gespür für Ironie besitzt, bewies er, als er im Rahmen einer Avaaz‐Petition die Freilassung seiner Tochter forderte und dabei Israel die »Misshandlung« von Kindern vorwarf.

Verwandte Während er selbst inzwischen vermehrt auf die Kraft der Bilder setzt, haben es andere Angehörige des Tamimi‐Clans lieber handfest. Eine Cousine Bassems betätigte sich während der Zweiten Intifada als Beihelferin eines Bombenanschlags auf eine Jerusalemer Pizzeria mit 15 Toten. Zwei weitere Verwandte ermordeten 1993 gemeinschaftlich einen Israeli und verbrannten ihn. So leistet bei den Tamimis eben jeder seinen Beitrag zum »Befreiungskampf«, an dessen Ende ein »judenreines Palästina« vom Mittelmeer bis zum Jordan stehen soll.

Wo die Hamas in diesem »Kampf« auf Mörsergranaten und Feuerdrachen vertraut, setzt der Propaganda‐Familienbetrieb aus Nabi Saleh bevorzugt auf Pflastersteine, YouTube und jugendlichen Charme. Zwar fährt auch die Hamas mit ihrer perfiden Strategie, Kinder als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, den einen oder anderen Erfolg im Bilderkrieg ein. Letztendlich macht der schrecklich netten Familie Tamimi in dieser Disziplin jedoch niemand etwas vor. Eine 17‐Jährige, die von Menschenrechten spricht, versprüht dann eben doch etwas mehr Charme als ein maskierter Hamas‐Kämpfer.

Und Pflastersteine, die sich gegen gut gerüstete Soldaten richten, wirken gleich viel romantischer als Kassam‐Raketen, die in israelischen Kindergärten einschlagen. Auch die Tamimis wissen das. Mit ihrer Strategie – Zermürbung statt Zerstörung – können sie nicht nur auf internationale Solidarität von Amnesty International bis zum UN‐Menschenrechtsrat verlassen, sondern ebenso auf Journalisten, die das antiisraelische Narrativ begierig und ohne weitere Recherche übernehmen.

dilemma Israel wiederum steht in dieser Situation vor der Wahl: Entweder verliert es den Bilderkrieg offensiv oder defensiv. Beantwortet es Provokationen dieser Machart tätlich, liefert es genau die Bilder, auf die es die Tamimis und ihnen Gleichgesinnte anlegen. Lässt es, wie nun geschehen, die Justiz zum Zuge kommen, folgt darauf ebenso eine antiisraelische Kampagne.

Reagieren israelische Soldaten professionell stoisch, verbuchen es die palästinensischen Bilderkrieger allerdings ebenso als Erfolg gegenüber der »Besatzungsmacht« – während in der israelischen Gesellschaft Streit über der Frage entbrennt, ob und wie lange sich die Armee derlei Übergriffe gefallen lassen soll. In den Augen der »Kritiker« Israels kann der Judenstaat ohnehin nur das Falsche tun.

Das Verdienst der Tamimis besteht dabei darin, das bereits bestehende Feuer zusätzlich mit brennbaren Vorwänden zu nähren und so die Delegitimierung Israels voranzutreiben. Ihr Erfolg bemisst sich nicht in konkreten Opferzahlen, sondern in der Anzahl der zusätzlichen Maluspunkte, die den »Juden unter den Staaten« weiter in Misskredit bringen sollen.

Schon jetzt muss Israel sich rechtfertigen, wann immer es den Terror der Hamas mit chirurgisch präzisen Gegenschlägen auf deren Quartiere beantwortet. Ein robusteres Vorgehen gegen Nadelstiche nach Tamimi’scher Hausfrauenart brächte das antiisraelische Fass indes vollends zum Überlaufen. In kaum einem anderen Land wären Übergriffe auf Soldaten ohne Konsequenzen denkbar. Nur im Falle Israels steht jeder Akt der Selbstverteidigung unter Generalverdacht. Nur hier können Selbstverständlichkeiten mit hohen Kosten auf der internationalen Bühne einhergehen.

Arafat Währenddessen ist Ahed Tamimi am Sonntag gemeinsam mit ihrer Mutter unter großem Jubel in ihr Heimatdorf Nabi Saleh zurückgekehrt. Anschließend besuchten beide das Grab Jassir Arafats in Ramallah und wurden zudem von Mahmud Abbas empfangen, der die junge Frau als »Vorbild für den palästinensischen Kampf um Freiheit, Unabhängigkeit und einen eigenen Staat« bezeichnete.

Auch Ahed selbst hat dahingehend schon klare Pläne für die Zukunft. »Der Widerstand geht weiter, bis die Besatzung beendet ist«, teilte sie den versammelten Reportern mit. Und damit auch der gegen Israels Existenz gerichtete Krieg der Bilder, in dem Ahed Tamimi zweifellos die Rolle der Heldin einnimmt.

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