Israel

Ist ein Stopp der Justizreform noch möglich?

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit seinem Justizminister Yariv Levin Foto: POOL

Im Streit um den Justizumbau in Israel wird das von dem Regierungsvorhaben selbst betroffene Oberste Gericht des Landes zunächst nicht eingreifen. Es werde sich erst im September mit Petitionen gegen ein im Zuge der umstrittenen Reform jüngst verabschiedetes Gesetz befassen, berichteten Medien am Mittwoch.

Die Richter verzichteten demnach darauf, anders als von einer Petition gefordert, das Gesetz direkt einzufrieren. Auch am Mittwoch kam es gegen den Justizumbau landesweit wieder zu Demonstrationen.

Das Gesetz, das die Handlungsfähigkeit des Obersten Gerichts einschränkt, trat am Mittwoch in Kraft. Es gilt als erster Teil eines umfassenden Gesetzesvorhabens, das die Koalition von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seit Monaten vorantreibt. Kritiker sehen die Gewaltenteilung und damit Israels Demokratie massiv in Gefahr.

Ist ein Stopp der Justizreform noch möglich?

Richter können mit dem neuen Gesetz künftig Entscheidungen der Regierung oder einzelner Minister nicht mehr als »unangemessen« einstufen. Experten rechnen damit, dass damit etwa die willkürliche Besetzung entscheidender Positionen gefördert wird. Dies betrifft auch Posten wie den der Generalstaatsanwältin oder des Polizeichefs.

Oppositionsgruppen reichten sofort Petitionen gegen das Gesetz ein, das ihrer Meinung nach eine wichtige Kontrolle der Exekutivgewalt aufhebt. Offen ist, wie das Oberste Gericht auf die Petitionen reagieren wird. Bisher wurde in Israel noch nie ein Grundgesetz aufgehoben, sondern lediglich reguläre Gesetze, die gegen das Grundgesetz verstoßen. Israel hat keine Verfassung und fußt stattdessen auf einer Sammlung von Grundgesetzen. Sollte sich das Gericht gegen das Gesetz der Regierung stellen, könnte dies zu einer Art Verfassungskrise führen, da Zuständigkeiten nicht mehr klar geregelt wären.

Verhandlungen über Kompromiss?

Ein weiteres Kernelement der umstrittenen Justizreform soll Medienberichten zufolge im Herbst auf die Agenda rücken. Ende der Woche beginnt die Sitzungspause, das Parlament kommt dann Mitte Oktober wieder zusammen. Netanjahu kündigte an, auch in der Pause Gespräche mit der Opposition über einen Kompromiss führen zu wollen. Unklar war, ob diese sich dazu bereit erklärt. Bisherige Gespräche blieben erfolglos. Oppositionsführer Jair Lapid sagte am Tag der Abstimmung: »Mit dieser Regierung ist es unmöglich, Vereinbarungen zu treffen, die die israelische Demokratie bewahren.«

Auswirkungen auf Wirtschaft

Auswirkungen des neuen Gesetzes auf die Wirtschaft sind bereits zu sehen. Nur einen Tag nach der Ankündigung stufte die Ratingagentur Morgan Stanley die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Eine weitere Ratingagentur, Moody’s, warnte vor negativen Folgen für Israels Wirtschaft angesichts der politischen und sozialen Spannungen. Auch die israelische Währung, der Schekel, verlor an Wert. Netanjahu und Finanzminister Bezalel Smotrich versuchten, zu beschwichtigen. In einer gemeinsamen Mitteilung schrieben sie: »Dies ist eine vorübergehende Reaktion; Wenn sich der Staub lichtet, wird klar sein, dass die israelische Wirtschaft sehr stark ist.«

Große Wirtschaftsunternehmen hatten in den vergangenen Monaten mehrfach gewarnt, die Reform könne Investoren abschrecken und der Wirtschaft schaden. Unternehmen der Hightech-Branche kündigten an, Gelder abzuziehen. Die dynamische Startup-Szene gilt als wichtigstes Zugpferd der israelischen Wirtschaft.

Israelis wollen auswandern

Auch in der Gesellschaft sorgen die umstrittenen Pläne für Ungewissheit. Laut einer jüngsten Umfrage des Senders Channel 13 überlegt mehr als jeder vierte Bürger (28 Prozent), das Land zu verlassen. Generell stehen laut einer weiteren Umfrage des Senders Channel 12 nur 22 Prozent der Menschen hinter den Plänen der Regierung.

Die Protestbewegung kündigte an, »bis zum Ende« demonstrieren zu wollen. Für Samstag ist erneut eine große Kundgebung in Tel Aviv geplant. Auch in weiteren Teilen des Landes soll es Aktionen geben. Israels Ex-Ministerpräsident Ehud Olmert warnte bereits vor einem Bürgerkrieg, sollte die Regierung ihre Pläne nicht stoppen.

Sorge ums Israels Sicherheit

Ankündigungen von mehr als Zehntausend Reservisten, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen, wecken zudem die Sorge, dass das Militär im Falle eines bewaffneten Konflikts nicht mehr ausreichend einsatzbereit wäre. Armeesprecher Daniel Hagari sagte am Dienstag: »Dies ist ein allmählicher Prozess, der sich je nach Dienstantritt der Reservisten auswirken wird«. Aktuell sei das Militär »noch« kompetent. Nächste Woche will der Verteidigungsausschuss in einer Sondersitzung über mögliche Dienstverweigerungen beraten.

Seit Wochen kommt es etwa an der Grenze zum Libanon immer wieder zu Zwischenfällen zwischen Israel und der vom Iran unterstützten libanesischen Terror-Miliz Hisbollah.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sagte über die Entwicklungen in seinem Nachbarland: »Das ist es, was sie auf den Weg des Zusammenbruchs, der Fragmentierung und des Verschwindens bringt, so Gott will.«

Die USA kündigten derweil an, ihre hohen Militärhilfen an Israel trotz des begonnenen Umbaus der Justiz nicht zu kürzen. Es werde »keinen Stopp der Militärhilfen geben«, sagte US-Außenamtssprecher Vedant Patel. Die USA unterstützen Israel jährlich mit rund 3,8 Milliarden US-Dollar (knapp 3,5 Mrd. Euro).

Krieg

Netanjahu ruft Iraner zum Sturz der Führung auf

In den kommenden Tagen wolle man Bedingungen schaffen, die es den Menschen im Iran ermöglichen sollen, »ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen«, kündigte der israelische Regierungschef an

 10.03.2026

Jerusalem

Israels Außenminister: Wir wollen keinen endlosen Krieg

Wann die Ziele im Krieg mit dem Iran erfüllt sind, wolle Israel mit den US-Partnern abstimmen, sagte Gideon Saar

 10.03.2026

Cyberkrieg

Vom Iran im Netz für tot erklärt

Hackerangriffe gegen Israel nehmen zu und Teheran verbreitet gezielt Falschmeldungen – auch über einzelne Personen

von Sabine Brandes  10.03.2026

Jerusalem

Wadephul macht Solidaritätsbesuch in Israel

Knapp eineinhalb Wochen nach Beginn der Angriffe auf den Iran reist der deutsche Außenminister nach Israel. Während eines Raketenalarms muss er Schutz in einem Bunker suchen

 10.03.2026 Aktualisiert

Nahost

Iran: Neue Raketen auf Israel gefeuert - Sirenen heulen

Die 34. Angriffswelle erfolgt laut Angaben des Mullah-Regimes in Teheran mit präzisionsgelenkten ballistische Raketen

 10.03.2026

Tel Aviv

Zwischen Alltag und Angriffen: So erleben Israelis den Krieg

Mal Espresso, dann wieder Sirenengeheul: Die Menschen versuchen, sich ein Stück Normalität zu bewahren. Eindrücke aus einer Stadt zwischen Alltag und Ausnahmezustand

von Cindy Riechau  10.03.2026

Rettungskräfte am Einschlagsort in Yehud

Nahost

Zweiter Todesfall nach iranischem Streubombenangriff in Yehud

Bürgermeister Greenberg spricht den Familien der Opfer sein Beileid aus

 10.03.2026

Analyse

»Regimewechsel in absehbarer Zeit nicht sehr wahrscheinlich«

Iran-Experte Raz Zimmt: Israel und USA wollen iranisches Atomprogramm und Raketenpotenzial schwächen, Fähigkeit zum Wiederaufbau dauerhaft einschränken

 10.03.2026

Israel

Ärzte warnen: Kriegsstress kann Herzinfarkt auslösen

Zwei Kardiologen verweisen auf medizinische Daten, die nach dem 7. Oktober 2023 gesammelt wurden. In diesem Zeitraum hätten Krankenhäuser ungewöhnliche Entwicklungen registriert

 10.03.2026