Tel Aviv

Israels Geschichte ist begehbar

Geschichte aus der Hosentasche: Auf dem Rothschild-Boulevard wartet David Ben Gurion. Foto: Sabine Brandes

In Tel Aviv ist man am besten zu Fuß unterwegs. Die Wege sind kurz, der Himmel ist wolkenlos, Cafés für eine Pause gibt es an jeder Ecke. Ein Weg, der nicht nur zum Spazierengehen einlädt, sondern auch Wissenswertes vermittelt, ist der Unabhängigkeitspfad inmitten der Stadt. Er führt zu zehn Sehenswürdigkeiten, die symbolisch für die Gründung des jüdischen Staates stehen, und beleuchtet die Höhepunkte – im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Weg beginnt am Rothschild-Boulevard, Ecke Herzl-Straße beim ersten Kiosk Tel Avivs. Das kleine Gebäude mit dem Zipfeldach ist nach seiner Renovierung vor einigen Jahren wieder Anziehungspunkt für die Städter. Dieser Tage werden statt Zigaretten und Taschentüchern Eiscreme und Crepes verkauft, mit einem nostalgischen Wink sprudelt wie vor 100 Jahren das erfrischende Gazoz in drei fruchtigen Geschmäckern aus dem Zapfhahn.

UTOPIE Der Pfad erzählt die Geschichte Israels von der Utopie bis zur Realität: vier Jahrzehnte zwischen der Gründung Tel Avivs im Jahr 1909 bis zur Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948. Einen Kilometer zieht sich ein bronzefarbener Streifen im Boden entlang der Historie. Abends ist er komplett beleuchtet. Die Embleme an den Sehenswürdigkeiten, etwa vor der Statue des ersten Bürgermeisters Meir Dizengoff, erklären, an welcher Stelle man sich gerade befindet.

Der freundliche junge Mann im Häuschen der Touristeninformation gibt gern Auskunft zum Spazierweg. Er hat nicht nur Wegweiser in Papierform in acht Sprachen parat (darunter auch Deutsch), sondern zeigt auf die Info zur kostenlosen App mit GPS für Mobiltelefone und führt sie auf dem Tablet gleich vor. Nicht umsonst gilt Tel Aviv als Hightech-Hochburg. Man muss nicht einmal allein umherspazieren. In der App kann man eine von drei lokalen Berühmtheiten bitten, virtuell mitzulaufen: der Sänger Shlomo Artzi oder die Schauspieler Rivka Michaeli und Tal Mosseri.

An jeder Sehenswürdigkeit wird der Besucher durch neueste Technologie über die Geschehnisse von einst informiert. »Virtual Reality« versetzt in die historische Zeit, Aufnahmen geben einen Eindruck, wie es an dieser Stelle vor vielen Jahren aussah, und hebräische Lieder aus der Ära im Hintergrund runden die Stimmung ab.

In der App kann man Promis bitten, den Spaziergang virtuell zu begleiten.

Ein beleuchtetes Symbol ist im Boden des Rothschild-Boulevards mit der Hausnummer 16 eingelassen. Hier befindet sich die Unabhängigkeitshalle, Beit Haatzmaut. Derzeit sind die Pforten geschlossen, es wird gebaut. Draußen vor der Tür sitzt der alte Dizengoff, in Bronze gegossen, hoch zu Ross und schaut lächelnd auf das Geschehen herunter, während sein einstiges Haus renoviert wird.

Der Plan sieht vor, am Beit Haatzmaut nötige Instandhaltungsmaßnahmen vorzunehmen und es in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuführen. Schließlich soll es so aussehen wie damals, als die Unabhängigkeit vom Balkon aus verkündet wurde und die Menschen auf den Straßen in Jubel ausbrachen. Einige Anbauten, die man während der Jahre hinzugefügt hatte, werden dafür entfernt. Nach Fertigstellung im Jahr 2022 soll das gesamte Haus ein aktives Museum werden, derzeit sind Teile der Ausstellung im Schalom-Turm untergebracht.

»Wir wollen einen Besuchermagneten schaffen, passend für einen derart historischen Ort«, so Dizengoffs Amtskollege aus der Jetztzeit, Ron Huldai. »Es ist ein wichtiger Schritt und der angemessene Respekt für den einstigen Bürgermeister.«

Der Pfad soll das Prinzip unterstreichen, das nationale und zionistische Erbe in der Stadt zugänglicher zu machen.

Der Pfad, der auf Initiative des heutigen ersten Mannes der Stadt zum 70. Staatsgeburtstag angelegt wurde, soll das Prinzip unterstreichen, das nationale und zionistische Erbe in der Stadt zugänglicher zu machen. Als Vorbilder wurden verschiedene Modelle aus aller Welt zur Unabhängigkeit betrachtet, darunter der »Freedom Trail« in Boston und die Frankfurter Paulskirche, in der 1848 die Nationalversammlung für ganz Deutschland tagte.

PLANUNG Während der Planung wurden drei Herausforderungen bearbeitet: Erstens die Schwierigkeit, Geschichte für große Teile der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und zweitens, die verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu verbinden, obwohl sie teilweise von unterschiedlichen Organisationen verwaltet werden. Drittens wollte man eine allgemeine und inklusive Erzählung gestalten. Um das zu erreichen, berief Huldai ein Komitee aus 25 Frauen und Männern, die aus verschiedenen sozialen Gruppen Israels stammen.

Dass die Benutzung des Pfades kostenlos sein und so wenig wie möglich in die urbane Gestaltung eingegriffen werden sollte, waren zwei weitere Punkte auf der Agenda der Planer. Außerdem sollte die städtische Geschichte mit der des Landes verbunden werden, »denn es ist eine der weniger bekannten Tatsachen unserer Historie, dass die Stadt einen großen Anteil an der Gründung des Staates hatte«, heißt es in der Broschüre. Ein großer Teil des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Prozesses aber habe hier, in Tel Aviv, stattgefunden.

»Ich finde den Rundgang wirklich sehr gelungen«, sagt Anna Kocsis aus Budapest, die dem kalten Wetter in Europa entflohen ist und Tel Aviv besucht. Mit einem Kaffee in der Hand wandert sie am frühen Abend von einer Station zur nächsten. »Dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Stadt spazieren und über die Geschichte lernen kann, ist fantastisch. Dazu noch kostenlos – ich bin begeistert.«

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