Batmizwa

Im Partyrausch

Eine richtige jüdische Prinzessin darf nicht an Schmuck und festlicher Kleidung sparen. Foto: Robert Bowen

Mit gespreizten Fingern sitzt Noa Levy im Salon »Jafeh Lach« in Herzliya und rutscht ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. »Sitz still!«, mahnt die Kosmetikerin und trägt auf die Fingernägel des Mädchens eine weitere Schicht vom pinkfarbenen Lack auf. Noa lacht, ihre Zahnspange blitzt. Als die Farbe trocken ist, schubst die Dame im hautengen T-Shirt Noa sanft auf den Nachbarstuhl. »Zeit für den Fenn.« Der wuschelige Lockenkopf der Zwölfjährigen wird glatt geföhnt, obendrauf kommt ein Krönchen aus silberfarbenem Plastik. Alles, was Noa will. Heute ist ihr Tag. Sie ist eine Batmizwa.

Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff »Tochter des Gebotes«. Im Leben eines jüdischen Mädchens spielt der zwölfte, bei Jungs der 13. Geburtstag eine große Rolle. Aus den Kindern sind junge Erwachsene geworden, sie sind religionsmündig, vollständiger Teil der jüdischen Gemeinschaft und verantwortlich, die Gebote des Judentums einzuhalten. In streng religiösen Kreisen werden ausschließlich die Jungs aufgerufen, zum ersten Mal aus der Tora zu lesen. In reformierten Gemeinden dürfen auch die Batmizwa-Mädchen aktiv am Gottesdienst teilnehmen.

Wirtschaftszweig Bei säkularen Israelis jedoch gerät die eigentliche Bedeutung dieses Tages zusehends in den Hintergrund. An den Schulen wird nur selten Wissenswertes dazu vermittelt, alles dreht sich um die Party. Und den Tratsch danach, wenn auf dem Schulhof die Köpfe zusammengesteckt werden: Wer hatte den besten DJ? Wo gab es den meisten Spaß?

Mittlerweile ist ein kompletter Wirtschaftszweig entstanden, um den steigenden Bedürfnissen feierwütiger Zwölfjähriger gerecht zu werden. Spezielle Veranstaltungshallen, Cateringunternehmen, DJs mit eigens kreiertem Batmizwa-Diplom, Limousinenfahrer, Schönheitssalons und Mädchenausstatter bieten in jedem lokalen Blättchen ihren Service an. Meist zum horrenden Preis. Unter einer Rechnung für eine Feier mit 100 Gästen inklusive Musik, Hamburgern und Pommes Frites und ein, zwei Attraktionen wie Tatoomalern oder Fotografen können locker 20.000 Schekel stehen – runde 4.000 Euro.

Werte Diese Summe haben die Levys ausgegeben. Noas Mutter Efrat verzieht das Gesicht. »Ich weiß, es ist verrückt. Aber ich wusste, dass ich meine Tochter verletzen würde, hätten wir die Feier mit ihren Freunden verboten.« Party allein war den Levys allerdings nicht genug der Wertevermittlung.

Die Eltern schrieben ein Buch für ihre Tochter, in dem zwölf Mizwot aufgeführt waren, die im Judentum eine Rolle spielen. Darunter die Verbesserung der Welt, »Tikkun Olam«, und Spenden für Bedürftige. Noa musste alle erfüllen, bevor sie sich dem Partyrausch hingeben durfte. »Dieses Buch hat uns über Wochen begleitet, wir haben als Familie zusammengesessen, geredet und jede Menge Spaß gehabt«, so Efrat Levy. »Das war unsere besondere Erfahrung zur Batmizwa, die Feier nur ein Kompromiss.«

Gehaltvolles ist auch, was Daria Mussari möchte. Doch der Gruppenzwang ist enorm. »Es ist so ätzend, anders zu sein als die anderen«, jammert Tochter Gaja. »Wie peinlich, wenn man die Einzige ist, die nicht zur großen Batmizwa einlädt.« Auch sie wird in diesem Jahr zwölf, auch sie will ihren besonderen Geburtstag so feiern, wie es in ist: mit Prunk und Pomp, Disko und DJ. Gajas Eltern jedoch haben dem von vornherein einen Riegel vorgeschoben. »Die eigentliche Bedeutung, den Schritt von der Kindheit zum Erwachsensein, mit einer Zeremonie zu begehen, geht dadurch unter.«

Obwohl Gaja ausdrücklich darum gebeten hatte, kommt es für die Mussaris nicht infrage, eine Party für die gesamte Klasse auszurichten. Um niemanden auszuschließen, geben Lehrer und Schulleiter fast überall vor, sämtliche Klassenkameraden einzuladen. In manchen Gegenden sind das mehr als 40. Manche setzen gleich die gesamte Jahrgangsstufe auf die Gästeliste. »Abgesehen von der Oberflächlichkeit dieser Feiern à la Hollywood bringt es viele in finanzielle Schwierigkeiten«, so Mussari. »Wir können es uns mit drei Kindern nicht leisten.«

Bargeld Denn neben den eigenen Feiern sind die Jugendlichen bei ihren Freunden eingeladen, und dann wechselt Bargeld die jungen Hände. Standardsumme pro Kind sind 20 Euro. Man muss kein Mathegenie sein, um auszurechnen, welcher Betrag bei durchschnittlich 35 Klassenkameraden und Freunden für Eltern in einer Saison zusammenkommt.

Obwohl immer mehr Familien, Rabbiner und Lehrer Kritik an dem Trend äußern, machen die meisten mit. Auf der großen Einkaufsstraße des schicken Tel Aviver Vorortes Ramat Hascharon gibt es allein fünf Läden, die sich komplett auf das Einkleiden von Batmizwa spezialisiert haben. Im »Banatusch« weiß Verkäuferin Orit Cohen, was die jungen Kundinnen wünschen. »Die meisten möchten weiß oder silber.« Minis oder knielange Kleider gibt es ab etwa 50 Euro, die Variante in lang kostet das Doppelte. Auch die passenden Schuhe dürfen nicht fehlen. »Viele wünschen sich ihre ersten Highheels – und wir haben sie.«

Und natürlich muss das Gesamtbild im neuen Glitzerkleidchen stimmen. Deshalb steckt Cohen gleich drei Visitenkarten für Schönheits- und Friseursalons in die Einkaufstasche, bevor sie die Mädchen mit strahlendem Lächeln verabschiedet und ruft: »Jom Huledet sameach!« – »Einen schönen Geburtstag!«

Jerusalem

Todesstrafe für Terroristen: Knesset stimmt zu

Teile der Opposition rechnen damit, dass Israels höchstes Gericht das Gesetz kippen wird

von Sara Lemel  30.03.2026

Meinung

Diaspora-Schmerz

So sehr die Angst und Sorge um Familie und Freunde in Israel auch an einem zehren – haben wir überhaupt das Recht dazu, wo wir doch in Sicherheit sind?

von Sophie Albers Ben Chamo  30.03.2026

Jerusalem

Israels Parlament verabschiedet Rekordhaushalt

Die Zustimmung kam zustande, nachdem sich die ultraorthodoxen Parteien kurzfristig hinter den Haushaltsentwurf gestellt hatten

 30.03.2026

Jerusalem

Nach Kritik: Netanjahu gewährt Kardinal Zugang zur Grabeskirche

Der höchste katholische Vertreter wird an der Messe zum Palmsonntag gehindert. Israel begründet dies mit Sicherheitsbedenken, dennoch hagelt es Kritik. Nun schaltet sich der israelische Ministerpräsident ein

 30.03.2026

Nahost

Raketenangriff aus Iran und Libanon: Einschlag in Raffinerie bei Haifa, mehrere Verletzte

Über dem Bazan-Ölraffineriekomplex steigt dichter Rauch auf. Auch Wohnhäuser wurden getroffen

 30.03.2026 Aktualisiert

Nahost

Wasserversorgung für Gaza: Israel widerspricht UNRWA

Die UNO-Unterorganisation nennt die Versorgung »eingeschränkt und verschmutzt«, während die Behörde COGAT von »falschen Narrativen« spricht und Zahlen vorlegt

 30.03.2026

Erklärung

Geplante Todesstrafe: Europäische Minister appellieren an Israel

Vier europäische Außenminister warnen: Eine Ausweitung der Todesstrafe in Israel könnte nicht nur Menschenrechte verletzen, sondern auch das Vertrauen in demokratische Prinzipien erschüttern

 30.03.2026

Atlanta/Tel Aviv

Nach Vorfall mit CNN-Team: IDF suspendieren Bataillon

Generalstabschef Eyal Zamir spricht von einem »schwerwiegenden ethischen Vorfall«, der nicht mit den Werten der Armee vereinbar sei

 30.03.2026

Jerusalem

Kirchenvertreter in Jerusalem am Zutritt zur Grabeskirche gehindert

Der höchste katholische Vertreter wurde am Palmsonntag daran gehindert, an der Messe teilzunehmen. Italien reagiert und will den israelischen Botschafter einberufen. Inzwischen hat die israelische Polizei ihr Vorgehen verteidigt

 29.03.2026 Aktualisiert