Gaza-Geisel

»Ich ging durch die Hölle«

Yocheved Lifshitz (85) im Ichilov-Krankenhaus Foto: Flash90

Sie mussten kilometerlang durch »matschige, feuchte Tunnel laufen, die wie Spinnweben« gewesen seien. Die israelische Geisel Yocheved Lifshitz erzählte am Dienstag, was sie in 18 Tagen Geiselhaft der Hamas durchmachen musste: »Ich ging durch die Hölle.«

Am Abend zuvor war die 85-Jährige gemeinsam mit einer weiteren Gefangenen, Nurit Cooper (79), freigelassen worden. Beide Frauen stammen aus dem Kibbuz Nir Oz. Es sind damit bis jetzt vier von den 222 Verschleppten aus dem Gazastreifen zurück nach Israel gekommen.

Lifshitz sagte vor Reportern im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv: »Sie wüteten in unserem Kibbuz und haben mich während der Fahrt nach Gaza mit Stöcken geschlagen, wodurch ich an den Rippen verletzt wurde und Schwierigkeiten beim Atmen hatte.« Ihre Uhr und ihr Schmuck seien ihr abgenommen worden.

Die Terroristen waren gut vorbereitet

»Massenhaft plünderten sie unsere Häuser aus. Sie haben Menschen geschlagen, einige als Geiseln genommen. Sie haben nicht zwischen Jung und Alt unterschieden. Es ist alles sehr schmerzhaft gewesen.« Sie berichtete aber auch, dass die Hamas-Terroristen »gut vorbereitet waren«. So hätte es sogar Shampoo und Spülung gegeben.

Diese Aussagen bescheren besonders den Angehörigen der anderen Verschleppten einen Hoffnungsschimmer. Denn Lifshitz, die mit vielen anderen in den Tunneln unterhalb des Gazastreifens festgehalten wurde, sagte über ihre Kidnapper: »Sie haben uns gut behandelt.« Sie hätten auf Hygiene geachtet, Matratzen und Kleidung zur Verfügung gestellt und die Toiletten geputzt.

»Massenhaft haben sie unsere Häuser ausgeplündert. Sie haben Menschen geschlagen, einige als Geiseln genommen. Sie haben nicht zwischen Jung und Alt unterschieden.«

Yocheved Lifshitz

»Unsere Regierung hat uns im Stich gelassen«, sagte Lifshitz auch. Dabei bezog sie sich auf die Zeit vor der blutigen Attacke der Terrororganisation Hamas in Israel – bei der 1400 Menschen ermordet wurden, darunter viele Kinder und Babys – und auch auf die Geiselhaft. »Die Hamas hat den elektronischen Zaun in die Luft gesprengt, diesen speziellen Zaun, dessen Bau 2,5 Milliarden Dollar gekostet hat, der aber nichts gebracht hat.«

Wir sollten in den Tunneln leben wie sie

Lifshitz fügte hinzu: »Als wir in Gaza ankamen, sagten sie uns, dass sie an den Koran glauben und uns keinen Schaden zufügen würden.« Sie sollten unter den gleichen Lebensbedingungen in den Tunneln leben. »Wir erreichten eine Halle mit 25 Leuten darin, nach zwei bis drei Stunden trennten sie fünf der Leute aus meinem Kibbuz Nir Oz. Sie bewachten uns streng.«

Sie sagte auch, dass die Entführer einen Arzt gebracht hätten, der sie medizinisch behandelte und jenen Medikamente gab, die sie brauchten. »Wir lagen auf Matratzen, sie sorgten dafür, dass alles hygienisch war.«

Wir haben ihnen gesagt – keine Politik

Auf die Frage, ob die Entführer versucht hätten, mit den Geiseln zu reden, antwortete Lifshitz: »Wir haben ihnen gesagt – keine Politik. Aber wir haben über alles Mögliche geredet. Sie waren freundlich.«

Ihr Sohn Arnon sagte später, dass seine Mutter »zusammen mit 50 bis 60 anderen Menschen am selben Ort« festgehalten worden sei. Wenn alle Geiseln in derselben Situation seien, gebe es Raum für Optimismus. »Sie und mein Vater wurden getrennt. Wir hoffen, dass auch er so schnell wie möglich gesund zurückkehren wird.«

Zuvor hatte Krankenhausleiter Ronni Gamzu erklärt, dass beide Frauen weiter überwacht werden sollen. In den nächsten ein oder zwei Tagen könnte eine der beiden bereits entlassen werden. »Wir kümmern uns um ihren psychischen und medizinischen Zustand, alles in Kontakt mit ihren Familien.«

Tel Aviv

Sirenen und Schlagzeilen

Unsere Israel-Korrespondentin Sabine Brandes über das Arbeiten im Ausnahmezustand

von Sabine Brandes  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Luftfahrt

El Al eröffnet größte koschere Fluglinien-Küche der Welt

El-Al-Chef Levi Halevi sagt, das Projekt sei Teil einer langfristigen Strategie zur Verbesserung des Reiseerlebnisses

 07.05.2026

Jerusalem

Netanjahu: »Vollständige Koordination« mit den USA zu Iran

Israel bereite sich auf unterschiedliche Entwicklungen vor, sagt der israelische Ministerpräsident. »Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet.«

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Meinung

Liebe Politiker, habt ihr nur warme Worte im Angebot?

Das CDU-Präsidium hat einen Beschluss zum Schutz jüdischen Lebens gefasst. Er ist gut gemeint, aber nicht wirklich überzeugend

von Michael Thaidigsmann  06.05.2026

Nachrichten

Licht, Erfolg, Reise

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  06.05.2026

Wahlkampf

Alte Bekannte, neue Bündnisse

Der Kampf um die Sitze in der nächsten Knesset hat begonnen. Eine drusische Partei sorgt für besonderes Aufsehen – und für überraschende Möglichkeiten

von Sabine Brandes  06.05.2026