Meinung

Hymne des Überlebens

Sophie Albers Ben Chamo, Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen Foto: Stephan Pramme

Nun hat sich nach dem 7. Oktober 2023 auch noch mein Musikgeschmack verändert. Der Eurovision Song Contest hat mich bisher – höflich ausgedrückt – nicht interessiert. Doch seit gestern ist das anders. Yuval Raphael hat ihren Song für Israels Auftritt in Basel vorgestellt, und warum auch immer habe ich darauf geklickt, als mir online das offizielle Video angeboten wurde. Seitdem habe ich Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.

»New Day Will Rise«, ein neuer Tag wird anbrechen, drückt alle emotionalen Knöpfe, und das auf so wohltuende Weise, dass ich den Clip immer wieder anschauen möchte. Natürlich auch, weil es meine Knöpfe sind.

Lesen Sie auch

Eine Gruppe cooler, junger Menschen macht einen Ausflug. Der Blick verliert sich in den Bäumen, durch die das Sonnenlicht bricht. Natur. Vogelzwitschern. Fahrtwind in den Haaren. Eine Wiese. Sonne auf dem Gesicht. Umarmungen. Ein Picknick. Alles so traumgleich schön, so heile Welt wie eine H&M-Werbung. Aber da ist mehr. So viel mehr.

Anemonen wachsen im Gras, und ein junger Mann bemüht sich, nicht darauf zu treten. Israels Landesblume darf wieder blühen. Immer wieder sind Nahaufnahmen der jungen Gesichter zu sehen, und Melancholie legt sich kurzzeitig über das Strahlen des Frühlingstages, darf dann aber zu einem leisen Lächeln werden. Ja, so fühlt es sich an, wenn man dieser Tage in Israel mit Familie und Freunden unterwegs ist. Alles ist so unfassbar schön, aber die Wunde ist da. Und jetzt verspricht dieser Song Heilung. Hände legen sich aufeinander, Zusammenhalt, ein junger Mann tanzt, und ein Mädchen lacht mit Blumen im Haar. Es ist wieder vorstellbar.

Mit Adele-haftem Wumms

»Ein neuer Tag wird anbrechen, das Leben wird weitergehen / Jeder weint, aber du weinst nicht allein / Die Dunkelheit wird verblassen / all der Schmerz wird vergehen / Aber wir werden bleiben / ein neuer Tag wird anbrechen«, singt Yuval Raphael. Und dass ausgerechnet sie diese Worte mit Adele-haftem Wumms vorträgt, macht das Lied zu einer Hymne des Überlebens.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Raphael hat im sogenannten Todesbunker den Hamas-Überfall auf den Nova-Rave überlebt, indem sie sich stundenlang unter Leichen versteckte. Leichen von Menschen, die so unbedarft und entspannt zum Tanzen in die Negev gefahren waren, wie die Menschen im Video durch die Waldlandschaft streifen. Raphael singt zuerst auf Englisch, dann auf Französisch, und schließlich zitiert sie auf Hebräisch aus dem Hohelied: »Mächtige Fluten können die Liebe nicht auslöschen / Und Flüsse können sie nicht ertränken«. Dann wird aus der Wiese Sand, und der Sand endet im Meer, die Sonne geht langsam unter, und die schönen, jungen Menschen laufen lachend ins Wasser und umarmen sich.

»Ein neuer Tag wird anbrechen«. Danke für dieses dringend notwendige Versprechen.

benchamo@juedische-allgemeine.de

Avi Gil (in Uniform), links von Benjamin Netanjahu

Explosives Interview

»Die Geiseln hätten früher zurückkehren können«

Der ehemalige Militärsekretär des Premiers, Avi Gil, erhebt schwere Vorwürfe: Warnungen vor dem 7. Oktober seien ignoriert, Abkommen aus politischen Gründen verhindert und Protokolle manipuliert worden. Netanjahu weist die Anschuldigungen zurück

von Sabine Brandes  11.10.2026

Nahost

IDF: Terrorinfrastruktur in Gaza zerstört

Israelische Armee und Sicherheitsbehörden haben nach eigenen Angaben im Gazastreifen Waffenlager, eine Raketenabschussrampe und eine Kommandozentrale zerstört. Verteidigungsminister Katz droht dem neuen Hamas-Chef

 11.10.2026

Passagiere am Flydubai-Schalter am Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv, 30. September

Vereitelter Terroranschlag

Flydubai-Passagiere wollen auf Hunderte Millionen klagen

Nach dem versuchten Anschlag an Bord des Fluges nach Tel Aviv bereiten Israelis Klagen gegen die Airline und möglicherweise mehrere Staaten vor

von Sabine Brandes  11.10.2026

Gesellschaft

Hamas-Massaker überschattet Israels Wahlkampf

Die meisten Israelis sehen den 7. Oktober als wichtigen Faktor für ihre Wahlentscheidung. Umfragen zeigen, dass weder Netanjahus Lager noch die Opposition die Mehrheit erhält

von Sabine Brandes  11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Nahost

Der Lieberman-Plan

Soll das Westjordanland neu verwaltet werden?

von Sabine Brandes  10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026