Recherche

Schoa-Überlebende in Not

Holocaust-Überlebende in Jerusalem, die im Januar 2019 ihre Barmizwa nachholten. Foto: Flash 90

Zum Schutz vor der Winterkälte drängen sich Dutzende betagte Menschen dicht zusammen in einem Innenhof in Jerusalem. Sie unterhalten sich dabei auf Russisch oder Hebräisch, fast alle sind Überlebende des Holocaust. Am Tag vor dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust versorgen sie sich mit gespendeten Lebensmitteln und warmen Decken. Aus Bergen von Karotten, Zwiebeln und Grapefruits suchen sie sich Lebensmittel zusammen. 

Der 1948 gegründete israelische Staat legt großen Wert auf das Gedenken an die sechs Millionen jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Völkermords und auf die Ehrung der Überlebenden als Helden. Dennoch lebt nach Angaben einer Überlebenden-Organisation etwa ein Drittel der schätzungsweise 165 000 noch verbleibenden Überlebenden im Land in Armut. Obwohl sie staatliche Unterstützung erhalten, sind viele zusätzlich auf Lebensmittelspenden von Hilfswerken wie Chasdei Naomi angewiesen. Israel werde hier seiner Verantwortung nicht gerecht, kritisiert Tschuwa Cabra, Spendenchefin der Organisation.

Auch Colette Avital von der Dachorganisation Zentrum für Organisationen von Holocaustüberlebenden in Israel beklagt, dass die staatlichen Hilfen für die Menschen nicht ausreichen. Zwar habe sich die Haltung der Regierung hier bereits verbessert, weitere Unterstützung sei jedoch notwendig, sagt die frühere israelische Diplomatin und selbst Überlebende der Schoa.

Mitarbeiter der Gruppe und Freiwillige verteilten am Mittwoch Essenspakete, Blumen und Schokolade an mittellose Holocaust-Überlebende in Jerusalem. »Wenn wir nicht für sie da sind, wer sonst?«, fragt Cabra. »Es ist wirklich traurig, dass nur NGOs aufstehen und handeln.«

Der Gedenktag am Donnerstag erinnerte an den 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten hatten Schätzungen zufolge etwa ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung vernichtet. Nach dem Krieg zogen Hunderttausende Überlebende nach Israel. Mit jedem Jahr nimmt die Zahl der verbleibenden Überlebenden weiter ab: Nach Angaben der Regierung starben allein im vergangenen Jahr mehr als 15 000.

Viele der Bedürftigsten wanderten in den 1990er-Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion von dort nach Israel aus. Sie kamen mit wenig Hab und Gut, hatten Schwierigkeiten, im hohem Alter eine neue Sprache zu lernen und sich soziale Netze aufzubauen. »Wir sind geflohen und haben getan, was wir konnten, um zu überleben«, erzählt die 83-jährige Einwanderin Paulina Pertschuk aus der Ukraine über den Krieg. »Ich hoffe, dass das auf der Welt nicht noch einmal passieren wird.«Die Regierung hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr umgerechnet rund eine Milliarde Euro an Holocaust-Überlebende gezahlt. Gut 50 000 von ihnen erhalten monatliche Hilfen zwischen etwa 700 und 1800 Euro, rund 15 500 werden wegen größerer Einschränkungen mit knapp 3200 Euro unterstützt.

Doch angesichts von Inflation und explodierenden Lebenshaltungskosten im Land kommen viele mit diesen Summen nicht über die Runden. Die Stiftung Chasdei Naomi versorgt nach eigenen Angaben 10 000 Überlebende mit Nahrungsmitteln. Seit Beginn der Corona-Pandemie stieg die Zahl um 4000. Die Zahl der Anträge auf Unterstützung bei den Stromkosten nahm 2021 um 40 Prozent zu.

Die Ministerin für soziale Gleichheit, Meiraw Cohen, sagte, ihrem Ministerium obliege die »finale Aufsicht« über das Wohl von Überlebenden. Deren Durchschnittsalter betrage 85 Jahre. »Dies sind die letzten Jahre, in denen wir ihnen noch dienen können, ihnen ermöglichen können, in Würde zu altern, und so viel wie möglich von ihren Geschichten dokumentieren können, denn sehr bald wird niemand mehr da sein, um sie zu erzählen.«

Die Erinnerung an den Holocaust ist nach wie vor eine wichtige Säule der israelischen Identität. Ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung besteht aus Überlebenden und deren Nachkommen. Das Land begeht jedes Jahr im Frühling seinen eigenen Holocaust-Gedenktag. Zu der Feier in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem reisen regelmäßig Würdenträger aus dem Ausland an. Ministerpräsident Naftali Bennett sagte kürzlich weitere staatliche Hilfen für Yad Vashem in Höhe von umgerechnet fast neun Millionen Euro zu, um »die Erinnerung an den Holocaust in Israel und der Welt zu bewahren«. Das Jahresbudget der Gedenk- und Forschungsstätte erhöht sich damit um fast 20 Prozent. Im Jahr 2020 hatte die Regierung davon mehr als ein Drittel finanziert.

Die Überlebende Avital lobte den Schritt der Regierung, mahnte jedoch zugleich, dass »das Wohl von Holocaust-Überlebenden vor allem anderen stehen sollte«. ap

Washington D.C.

Demokraten drängen Trump zu Klarheit über Israels Atomprogramm

In einem Schreiben an Außenminister Marco Rubio verlangen mehr als zwei Dutzend Parlamentarier detaillierte Informationen über das Programm

 06.05.2026

Bildung

Israelische Hochschulen unter den weltweit besten Gründer-Schmieden

Zwei Universitäten im jüdischen Staat schaffen es in die Top 10

 06.05.2026

Mount Asahi

Israelin stirbt bei Bergtour in Japan

Auf dem Mount Asahi wurden die sterblichen Überreste von Tevel Shabtai von einem israelischen Rettungsteam gefunden

 06.05.2026

Nahost

Rubio: »Die Operation Gewaltiger Zorn ist abgeschlossen«

»Jetzt widmen wir uns dem Projekt Freiheit«, betont der amerikanische Außenminister

 05.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Berlin

Deutschland und Israel demonstrieren Einigkeit in Iran-Frage

Die Außenminister Deutschlands und Israels zeigen einen engen Schulterschluss gegen den Iran - reden aber auch kritisch miteinander

von Ulrich Steinkohl  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Israel

Bnei Menasche in Israel gelandet

Insgesamt sollen rund 6000 Inder Alija machen

von Sabine Brandes  05.05.2026

USA

Antisemitische Empörungswelle gegen Sesamstraße

Nach einem Post zum Monat des jüdisch-amerikanischen Erbes überschlagen sich die hasserfüllten Kommentare

von Sabine Brandes  05.05.2026