Trauer

»Hitlerjunge Salomon«: Sally Perel ist tot

Salomon »Sally« Perel sel. A. (1925–2023) Foto: Stephan Pramme

Sally Perel ist tot. Wie die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mitteilte, starb er am Donnerstag im Alter von 97 Jahren in seinem Haus in Israel. Während seine Schwestern und Eltern in der Schoa ermordet wurden, gelang es ihm, als »Hitlerjunge Salomon« zu überleben. Seine Geschichte machte den Schoa-Überlebenden 1990, 45 Jahre nach der Befreiung, zu einem der berühmtesten Zeitzeugen.

Fünf Jahre zuvor, im Jahr 1985, hatte sich Sally Perel einer Herzoperation unterziehen müssen. Dann fasste er einen Entschluss: Nachdem er seine höchst ungewöhnliche Geschichte vier Jahrzehnte lang verarbeitet hatte, wollte er sie nun aufschreiben.

Verfilmung Das Ergebnis seiner Bemühungen war ein Buch, das er auf Deutsch schrieb. Es erschien 1990 zuerst auf Französisch, ein Jahr später auf Hebräisch und 1992 unter dem Titel Ich war Hitlerjunge Salomon schließlich auf Deutsch. Viele weitere Übersetzungen folgten. Agnieszka Holland verfilmte Perels Buch, noch bevor die deutsche Version in die Buchhandlungen kam.

Es war der Hitlerjunge Josef, genannt »Jupp«, der »aus ihm heraus wollte«. So formulierte es Sally Perel damals. Bis ins hohe Alter hinein besuchte er Schulen, um über seine Erfahrungen zu berichten. Lesereisen führten ihn auch in die Bundesrepublik. Seit 1948 lebte er in Israel, ebenso wie seine Brüder David und Isaak. Im Jahr 1959 heiratete er und bekam mit seiner Frau zwei Söhne.

Geboren wurde Salomon Perel am 21. April 1925 im niedersächsischen Peine. Als er zehn Jahre alt war – drei Jahre vor den Novemberpogromen 1938 – verwüsteten die Nazis das dortige Schuhgeschäft der Familie, woraufhin die Perels ins polnische Łódź flohen. Als die Wehrmacht Polen überfiel, ging Sally Perel in den sowjetischen Teil des Landes.

Leben »Du sollst leben!« Dies ist der Satz, den ihm seine Mutter mitgab und dem er auf jeden Fall entsprechen wollte. Als er, auf sich allein gestellt, von der Wehrmacht gefangen genommen wurde, gab er sich als »Volksdeutscher« aus und wurde als Josef Perjell Übersetzer für die Wehrmacht.

In Brauschweig ging er später auf die Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend. Aufgrund der ständigen Gehirnwäsche, die er erfuhr, begann er einerseits, sich mit der Nazipolitik zu identifizieren. Andererseits wusste er, woher er kam, und erkannte, dass sein Volk vernichtet wurde.

»Ich wusste nicht mehr, wer ich war«, sagte Sally Perel während einer Lesereise durch die Bundesrepublik. Siegesmeldungen im Reichsrundfunk hätten ihn zeitweise begeistert. In einem Internat wurde er vom Rassenkundelehrer als ein typisches Beispiel für die »baltisch-arische Rasse« vorgestellt. Nachts kehrte er weinend zu seiner jüdischen Identität zurück.

Emotionen Perel sprach vom Höhepunkt seines inneren Konflikts, der im Herbst 1943 erreicht worden sei. Damals besorgte er sich einen Urlaubsschein für Łódź, um seine Eltern zu suchen. In einer Straßenbahn fuhr er durch das dortige Ghetto. Als er die Leichen am Straßenrand sah, wurde er von Gefühlen überwältigt. Ihm war klar: »Hier wird mein Volk vernichtet!«

Über Jahre hinweg musste Sally Perel seine Herkunft verbergen. Als deutscher Soldat wurde er bei der Befreiung durch die Alliierten von der amerikanischen Armee gefangen genommen, dann aber schnell auf freien Fuß gesetzt.

reaktionen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Perels Wirken in einer Kondolenzbotschaft an dessen Nichte Neomi Brakin und ihre Familie. »Dass er den Deutschen und meinem Land die Hand zur Versöhnung gereicht hat, dass er auf zahlreichen Reisen nach Deutschland so vielen jungen Menschen von seinem Schicksal berichtet hat, dafür werden wir ihm für immer dankbar sein. Wir werden ihn und sein Wirken, seine Herzensgüte und Weisheit erinnern und diese Erinnerung weitertragen.«

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nannte Perel einen »Aufklärer und Mahner gegen das Vergessen«. Er sei »ein großartiger Mensch mit einer dramatischen Lebensgeschichte« gewesen, schrieb der SPD-Politiker auf Twitter. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kondolierte der Familie mit den Worten: »Wir alle sind ihm unendlich dankbar dafür, dass er von dieser Zeit berichtet, geschrieben und immer wieder den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gesucht hat.«

Für sein Engagement erhielt der Schoa-Überlebende Sally Perel 1999 das Bundesverdienstkreuz. Drei Schulen wurden nach ihm benannt. Auch erhielt er den Ehrenring seiner Geburtsstadt Peine. im/dpa

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

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