Armee

Hilfe vom Feind

Reuven Rivlin (r.) besucht verwundete Syrer in Naharija. Foto: Flash 90

Die Ersten, die kamen, haben nach Hörnern am Kopf der Soldaten gesucht. »Es ist leider kein Scherz«, erzählt E., »ich habe es selbst erlebt.« Im Februar 2013 begannen Menschen aus Syrien, an den Grenzzaun zu Israel zu kommen und um Hilfe zu bitten. Es sind vom jahrelangen Bürgerkrieg geschundene Menschen, die meisten krank, viele schwer verletzt, alle ganz und gar misstrauisch.

Doch die einzige Hoffnung auf Hilfe für sie liegt jenseits der Grenze, beim vermeintlichen Feind Israel. Jetzt hat die israelische Armee zum ersten Mal das genaue Ausmaß der Hilfsmaßnahmen im Rahmen der »Operation Guter Nachbar« für die syrische Zivilbevölkerung veröffentlicht.

stolz Oberstleutnant E. ist der Kommandant der Operation. Der 40-Jährige lebt in einer Gemeinde im Norden des Landes, ist Vater von drei Kindern und mächtig stolz auf seine Einheit. Im vergangenen Jahr hat die IDF die Hilfsleistungen um ein Vielfaches erhöht. Sein Name darf aus Sicherheitsgründen nicht erwähnt werden. »Die Menschen in Syrien haben eingetrichtert bekommen, dass jeder Israeli ein kleiner Satan ist. Und das 40 bis 50 Jahre lang. Sie haben es wirklich geglaubt.« Doch E. meint, dass er und sein Team in der Lage sind, die Gehirnwäsche zu durchbrechen. Womit? »Einzig mit guten Taten«, ist er überzeugt. »Und noch ein wenig menschlicher Wärme dazu.«

Seit dem Winter vor vier Jahren sind rund 3000 Menschen aus dem Nachbarland in israelischen Krankenhäusern behandelt worden. »Und jede Nacht kommen neue an.« Eine Tatsache, die nicht immer leicht ist für die diensthabenden Soldaten an der Grenze. »Wenn man ein krankes Kind mitten im Winter bei Minusgraden sieht, wie es in dünner Kleidung und manchmal sogar ohne Schuhe bei uns ankommt, bricht es einem das Herz.« Umso mehr erfülle es ihn mit Freude und Stolz, dass er und sein Team sofort Hilfe leisten können. »Nach meiner Einschätzung würden die meisten Menschen sterben, wenn wir nicht da wären. Und es sind Menschlichkeit und Moral, die uns helfen lassen.«

Doch es wird nicht mehr nur den Verwundeten, die es an die Grenze schaffen, geholfen. Seit Gründung der »Operation Guter Nachbar« im Juni 2016 schaffte die IDF Tonnen von Lebensmitteln, Medizin, Kleidung und Babynahrung über die Grenze in die umliegenden Dörfer. Eine halbe Million Liter Diesel wurden geliefert, damit die Generatoren betrieben werden können, die Strom erzeugen. Außerdem Mehl, Paletten voller Medizin, rund 320 Tonnen Lebensmittel sowie mehr als 12.000 Boxen Babynahrung. »Die ist besonders wichtig, denn durch den extremen Stress und die Traumata des Krieges können viele syrische Mütter nicht stillen. Mit der Babynahrung retten wir die Kinder.« Das sei ein Herzensanliegen für das Team, meint E.

bürgerkrieg Der besondere Fokus der Operation liegt auf der Hilfe für die jüngsten Opfer des grausamen Bürgerkrieges, der mittlerweile im sechsten Jahr für Tod und Zerstörung sorgt. Hunderttausende von Zivilisten sind ums Leben gekommen, Millionen wurden zu Flüchtlingen. 600 Kinder sind allein vom Juni des vergangenen Jahres bis heute gemeinsam mit ihren Müttern in Israel zur Behandlung in Krankenhäusern aufgenommen worden.

»Die Lage in der Region von Kuneitra, die an unserer Grenze liegt, ist zwar nicht so verzweifelt wie beispielsweise in Aleppo«, erläutert der Kommandant. »Die Menschen verhungern hier nicht massenhaft, und doch fehlt es am Nötigsten: Diesel, Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und Medizin. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, keine Schulen oder Kindergärten und für viele auch keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, denn die Bomben haben rund um Kuneitra die gesamte Infrastruktur zerstört.«

Israel hilft derzeit beim Aufbau eines Krankenhauses für Schwangere und eines Feldlazaretts für die rund 80.000 Syrer der Gegend. »Es ist wichtig zu betonen, dass wir syrisches Gebiet nicht betreten. Wir leisten alles von Israel aus.« Die IDF liefert Know-how, Material und medizinische Geräte, Personal von Hilfsorganisationen sowie lokale Kräfte werden in den Hospitälern arbeiten.

interessen Eines ist E. noch besonders wichtig zu betonen, denn immer wieder umranken Gerüchte die humanitäre Operation. »Wir haben keine Eigeninteressen, sondern helfen den Menschen einzig und allein aus humanitären Gründen.« Israel wird manchmal vorgeworfen, Syrer in die Krankenhäuser zu lassen, um sie dann als Spione anzuheuern. »Märchen«, sagt E. »Wir haben keine Agenda und verlangen nichts.« Wenn die Hilfe allerdings künftig dafür sorge, dass die Menschen im Grenzgebiet es Terrorvereinigungen verweigern, Israel anzugreifen, dann sei das ein durchaus positiver Nebeneffekt, gibt er zu.

Auf diese Weise würde die Operation zugleich auch für die Sicherheit der israelischen Bevölkerung sorgen. Obwohl die seelische Belastung oft immens sei, würde jeder gern Teil dieses Teams sein, so E. Die Syrer kommen meist nachts, einmal waren es 25 Kinder mit ihren Müttern um drei Uhr morgens, die barfuß an der Grenze standen. »Das ist ein harter Anblick. Doch unsere Herzen sind voller Stolz über die humanitäre Arbeit, die Israel verrichtet, wenn niemand anders hilft. Denn sie ist wie eine Brücke des Verstehens zwischen unseren Völkern nach fünf Jahrzehnten des Hasses. Jetzt gibt es Hoffnung.«

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Nachrichten

Auszählung, Expats, Einmischung

Kurzmeldungen aus Israel

von Sophie Albers Ben Chamo  28.10.2026

Knesset-Wahl

Die arabische Antwort auf Ben-Gvir

Die israelischen Araber könnten zum Königsmacher der nächsten Knesset werden

von Sabine Brandes  28.10.2026

Meinung

In der Sackgasse?

Sabine Brandes wünscht sich nach den Wahlen für Israel neue Bündnisse – trotz aller Schwierigkeiten

von Sabine Brandes  28.10.2026

Analyse

Israel im Patt

Der rechte Block gewinnt bei der Auszählung an Boden. Doch weder Regierungslager noch Opposition haben eine klare Mehrheit – und die arabischen Parteien werden zum entscheidenden Faktor

von Sabine Brandes  28.10.2026

Jerusalem

Demokraten-Chef fordert Koalition mit arabischen Parteien

Bei Israels Richtungswahl liegt Netanjahus Lager vorn, verfehlt aber die Mehrheit. Der Chef der Linksliberalen fordert eine Koalition der Opposition mit Beteiligung arabischer Parteien

 28.10.2026

Jerusalem

Israels Wahlergebnis bleibt offen, mehr als die Hälfte der Stimmen ausgezählt

Mit wie vielen Sitzen kann das Netanjahu-Lager rechnen? Wie sieht das bisherige Ergebnis der Opposition aus?

 28.10.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Bis zu 650.000 »Sonderstimmen« könnten Israels Wahlergebnis noch verändern

Die Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen noch einbezogen werden

 28.10.2026

Jerusalem

Eisenkot will rasch neue Regierung in Israel bilden

Netanjahus Lager verliert die Mehrheit, doch auch Ex-Militärchef Eisenkot kann mit seinem Lager nicht allein regieren. Dennoch erklärt er, schon bald eine Koalition schmieden zu wollen

 28.10.2026