Pädagogik

Helferin der Überlebenden

Foto: imago/blickwinkel

Greta Fischer gilt als die Begründerin der Sozialarbeit in Israel. Die Eckpunkte ihrer Auffassung von Sozialarbeit waren eine ganzheitliche Sicht auf den Patienten und eine Orientierung an den persönlichen Bedürfnissen und Ressourcen. Fischer erwirkte ein Zusammenarbeiten von Medizinern, Therapeuten und Sozialarbeiterinnen bei der Behandlung und schuf damit eine frühe Form des interdisziplinären Ansatzes.

Geboren am 19. Januar 1910 in Bautsch in Österreich-Ungarn (heute Tschechien), überlebte sie die Schoa in Paris und London und wurde nach dem Krieg sozialpädagogische Leiterin des von der US-Militärverwaltung im Juni 1945 gegründeten Kinderzentrums im Kloster Indersdorf.

Dort wurde den jüngsten Opfern des Holocaust geholfen, den Verlust ihrer Familien und ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. An ihrem 110. Geburtstag wurde Greta Fischer postum die Ehrenbürgerwürde von Markt Indersdorf verliehen. Die Ernennung durch Bürgermeister Franz Obesser fand in feierlichem Rahmen im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem statt.

DP-CAMPS Zur Pflege von mehr als 300 Kindern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalität mit wenig anfänglichem Zusammenhalt sagte Greta Fischer im Jahr 1985: »Das Erste und Wichtigste, was wir für diese Jugendlichen getan haben, war, ihnen ausreichend zu essen, saubere Bettwäsche und die Gewissheit zu geben, dass wir ihnen helfen würden.«

1945 half sie Kindern, die die Konzentrationslager überlebt hatten.

Einer der Überlebenden in Indersdorf war Shmuel Reinstein, der 1930 in Strzemieszyce geboren wurde. Als Kind erlebte er die deutsche Besatzung, die ständige Verschärfung der Repressionen gegen die Juden und schließlich das Ghetto und die Deportationen. Shmuel und sein Bruder überlebten das Auschwitz-Arbeitslager Blechhammer, das KZ Buchenwald und das KZ Flossenbürg.

Als die Amerikaner nach Bayern vorrückten, wurden die Häftlinge aus Flossenbürg auf Todesmärschen Richtung Dachau geschickt. Als sie bei Regensburg Panzer hörten, wussten Shmuel und sein Bruder, dass ihre Rettung nahe war. In Neunburg vorm Wald knüpfte Shmuel Kontakt zu Amerikanern, die sich seine Geschichte anhörten und entsetzt waren.

Greta Fischer entdeckte Shmuel und seinen Bruder auf der Straße und brachte sie ins DP-Kinderzentrum Kloster Indersdorf. Bei einer Rede im Hauptquartier der UN in New York dankte Shmuel am 26. Januar 2016 der US Army für seine Befreiung und dafür, dass sie ihn in Neunburg mit Kleidung und Nahrung versorgt hat.

Des Weiteren dankte er Greta Fischer und den Helferinnen im Kloster Indersdorf, die ihm »Essen auf einem Teller mit Messer und Gabel, ein Bett mit weißen Bezügen und Kissen und eine Zahnbürste gegeben haben«. Shmuel sagte vor der UN, dass Indersdorf wie ein Zuhause war, in dem er sich wiedergeboren fühlte.

HADASSAH Im Januar wurde die Fotoausstellung Zurück ins Leben an der Universität Tel Aviv eröffnet und war dann in Israel an verschiedenen Orten zu sehen. Initiatorin der Ausstellung ist Anna Andlauer. Die Zeitgeschichtsforscherin ist Autorin des Buchs Zurück ins Leben, das die Versorgung von minderjährigen Überlebenden des Holocaust beschreibt.

Auf das Thema kam Andlauer, als sie im Holocaust Memorial Museum in Washington ein Tagebuch von Greta Fischer über ihre Arbeit im Kinderzentrum entdeckte. Fischer, die bei Anna Freud Traumatherapie studiert hatte, spricht in ihren Aufzeichnungen vom unbändigen Überlebenswillen, den sie bei den Kinder­überlebenden in Indersdorf feststellte.

In Jerusalem baute sie die Abteilung für Sozialarbeit auf.

Ende 1948 brachte Greta Fischer 100 Kinder nach Kanada, wo sie sich fünf Jahre lang um deren Integration kümmerte. Nach weiteren Tätigkeiten mit Kindern in Kanada und Marokko kam Fischer 1964 nach Israel, wo sie die Abteilung für Sozialarbeit am Hadassah-Krankenhaus gründete.

Sie leitete die von ihr aufgebaute Abteilung bis 1981, etablierte die Sozialarbeit im klinischen Bereich und wurde zur gefragten Beraterin. 1988 verstarb Greta Fischer auf dem Weg zur Familie ihres Neffen. Die heutige Leiterin der Abteilung für Sozialarbeit am Hadassah, Estelle Rubinstein, legte dar, wie der Geist von Greta Fischer noch heute die Arbeit im Krankenhaus beseelt.

DACHAU Zur Pflege des Andenkens an Greta Fischer im Landkreis Dachau, wo sich Markt Indersdorf befindet, gehört das nach ihr benannte sonderpädagogische Förderzentrum in Dauchau – die Greta-Fischer-Schule. Deren Leiterin Viktoria Spitzauer überreichte dem Hadassah-Krankenhaus ein Porträt der legendären Sozialarbeiterin.

Greta Fischer, so wurde an ihrem 110. Geburtstag deutlich, ist unvergessen – in Indersdorf und in Jerusalem.

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