Israel-Ägypten

Heimliche Verbündete

Ägyptische Panzer patrouillieren an der Grenze zum Gazastreifen, Juli 2015. Foto: Flash 90

Die Schüsse und Explosionen waren bis nach Israel zu hören. Islamistische Kämpfer griffen am 1. Juli mehrere ägyptische Militärstellungen auf der Sinai-Halbinsel an, Dutzende Menschen starben in den Gefechten. Zwei Tage später schrillten Sirenen in Israels südlichen Provinzen: Drei Raketen wurden vom Sinai aus nach Israel abgefeuert. Die Geschosse landeten in der Negevwüste, verletzt wurde niemand. Für beide Attacken erklärte sich die »Sinai-Provinz« verantwortlich, eine radikal-islamistische Gruppierung, die dem sogenannten Islamischen Staat (IS) die Treue geschworen hat.

Die Vorfälle zeigen, wie frei islamistische Milizen inzwischen jenseits Israels südlicher Grenze agieren. »Wir beobachten genau, was dort passiert – wir müssen auf alle Szenarien vorbereitet sein«, sagte Arye Shalicar, Sprecher der israelischen Streitkräfte (IDF), der Jüdischen Allgemeinen. Die IDF schloss vorübergehend eine Straße entlang der Grenze. Berichte, dass die IDF dort aufgerüstet habe, wollte Shalicar aber nicht bestätigen. »Wir sind ohnehin vor Ort, und seit fünf Jahren verstärkt.«

Grenzen Nach Einschätzung von Ephraim Kam, Experte am Institut für Sicherheitsstudien in Tel Aviv, ist die Bedrohung für Israel noch überschaubar, weil die Militanten bisher meist ägyptische Truppen angreifen. »Doch sie kommen näher an die Grenze heran. Wegen des Sicherheitszauns ist es schwierig für sie, die Trennlinie zu überqueren, aber sie können Raketen abschießen – und möglicherweise auch Tunnel nach Israel graben.« Sorgen bereitet israelischen Sicherheitsexperten vor allem, was jenseits der Grenze passiert. »Die ägyptische Regierung hat Schwierigkeiten, den Sinai zu kontrollieren«, sagt Kam. »Sie schickt zwar immer mehr Einheiten in den Sinai, aber das reicht nicht aus.«

Dass ägyptische Truppen überhaupt im östlichen Sinai kämpfen, ist Ausdruck des Vertrauens, das zwischen Israel und Ägypten herrscht, zumindest in Sicherheitsfragen. Denn nach dem israelisch-ägyptischen Friedensvertrag von 1979 darf Ägypten ausschließlich leicht bewaffnete Polizisten in den Ostteil der Halbinsel schicken. Seit 2013 kämpfen dort jedoch Tausende Soldaten gegen islamistische Gruppierungen, mit stillschweigender Duldung – und man darf vermuten: dem Wohlwollen – der israelischen Regierung. »Die Atmosphäre zwischen den beiden Regierungen ist besser als je zuvor«, sagt Kam. »Denn sie haben gemeinsame Interessen.«

Die Zeitung Haaretz zitierte am 2. Juli eine anonyme ägyptische Quelle, die gut in Ägyptens Sicherheitskreisen vernetzt sein soll, gar mit folgender Einschätzung: Sollten IS-Kämpfer in den Gazastreifen vordringen, könnte Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi die IDF »einladen«, die Miliz dort anzugreifen.

Rote Linie Eine rote Linie gebe es aber, sagte Sicherheitsexperte Kam: Die IDF würde nicht auf ägyptisches Territorium vordringen. »Es gibt ein klares Einverständnis zwischen beiden Seiten: Der Sinai ist Angelegenheit der Ägypter.« Dennoch darf man vermuten, dass die Kooperation über das offiziell bekannte Maß hinausgeht. In manchen Berichten wird sogar spekuliert, dass israelische Drohnen über dem Sinai fliegen – mit Genehmigung Ägyptens. Einziger Kommentar des Armeesprechers: »Wir sind in guten Beziehungen mit den ägyptischen Sicherheitskräften.«

Nicht nur hinter den Kulissen, auch auf diplomatischer Ebene bewegt sich etwas. Im Juni ernannte Ägyptens Präsident einen neuen Botschafter für Israel – den ersten seit fast drei Jahren. Den letzten Botschafter hatte der damalige Präsident Mohammed Morsi 2012 aus Tel Aviv abgezogen, um gegen Israels Gaza-Offensive »Wolkensäule« zu protestieren.

Und nicht nur Ägypten rückt näher an Israel heran. Auf einer Sicherheits- und Geheimdienstkonferenz, die Anfang Juli in Tel Aviv stattfand, trat ein pensionierter General der jordanischen Armee auf. »Ich fürchte, dass eines Tages IS-Kämpfer Jordanien und Israel infiltrieren könnten«, sagte er. »Wir müssen eng kooperieren: Jordanier, Israelis, Ägypter – und auch die Saudis.«

Offiziell ist Israel mit Saudi-Arabien verfeindet. Doch die Umwälzungen, die die Region erfasst haben, untergraben einstige Selbstverständlichkeiten. »Es gibt eine inoffizielle Koalition zwischen Israel und arabischen Staaten. Ich möchte sie nicht moderat nennen – denn Saudi-Arabien ist nicht moderat –, aber pragmatisch«, sagte Eli Shaked, ehemaliger israelischer Botschafter in Kairo, der Jüdischen Allgemeinen.

»Was sie vereint, sind die gemeinsamen Feinde.« Zu diesen Feinden gehören nicht nur sunnitische Gruppen wie IS, sondern auch der schiitische Iran. Schon 2008 hatte der damalige saudische König die USA gedrängt, »der iranischen Schlange den Kopf abzuschlagen« – so kann man es in US-Depeschen nachlesen, die Wikileaks 2010 veröffentlichte. »Der Iran hat für Saudi-Arabien sogar eine noch höhere Priorität als für Israel«, sagt Shaked.

Chance Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sieht in der neuen Sicherheitslage offenbar auch eine Chance, Israels drohender internationaler Isolation entgegenzuwirken. »Gemeinsam mit Ägypten und vielen anderen Ländern im Nahen Osten und der Welt kämpfen wir gegen den extremistischen islamischen Terror«, sagte er etwa nach dem Sinai-Anschlag.

Dass die regionale Zusammenarbeit, offiziell wie inoffiziell, neue Pfade zu echtem Frieden zwischen Israel und arabischen Staaten eröffnet, ist indes unwahrscheinlich. In großen Teilen der Bevölkerungen arabischer Staaten gilt Israel nach wie vor als Erzfeind; dass jener jordanische General, der auf der Konferenz in Tel Aviv auftrat, seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte, ist symptomatisch dafür. Und mindestens so lange wie der palästinensisch-israelische Konflikt weiter brodelt, wird sich das kaum ändern.

Dazu heizen manche arabischen Medien die israel- und oft judenfeindliche Stimmung noch an. »Einen echten Wandel in der Einstellung der Ägypter zu Israel und Juden lässt sich nur über Bildung erreichen«, so Ex-Botschafter Eli Shaked. »Und das ist ein Prozess, der 20 Jahre und länger dauern kann.«

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