Armut

Hartz IV auf Hebräisch

Suppenküche: Immer mehr Israelis nutzen die Angebote privater Wohlfahrtsorganisationen. Foto: Flash 90

Nicht selten wünscht sich Galina Kagon zurück in ihre alte Heimat. »Da war auch nicht alles gut, ganz sicher nicht. Und doch habe ich das Gefühl, vieles war leichter.« Sie wendet den Blick ab, als ob sie sich für ihre eigenen Worte schämt. »Ich habe mir so sehr gewünscht, es hier zu schaffen.« Es kam anders. Vor knapp 15 Jahren ließen die frisch geschiedene Galina, ihr damals dreijähriger Sohn und ihre Eltern alles Vertraute in der Ukraine zurück und machten Alija. Von der Verheißung, die sie damals spürten, ist heute nichts mehr übrig. Galinas Augen füllen sich mit Tränen. »Es sollte ein schönes, neues Leben werden. Und jetzt sind wir auf Sozialhilfe angewiesen.« Eine aktuelle Studie des Ministeriums für Soziales zeigt, dass die Zahl der Israelis, die finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten, steigt.

statistik Vor zehn Jahren waren knapp 300.000 Haushalte bei den Wohlfahrtsbehörden registriert, im Jahr 2009 bereits nahezu eine halbe Million. Damit kommt jeder fünfte Haushalt im Heiligen Land ohne das Geld vom Staat nicht über die Runden. »Diese Tatsache zeigt, dass die soziale Sicherheit nicht weniger wichtig ist als die nationale«, resümierte Sozialminister Isaac Herzog nach der Bekanntgabe der Zahlen.

Die größte Gruppe der Sozialhilfeempfänger seien äthiopische Immigrantenfamilien, so die Studie, 61,4 Prozent der 110.000 Seelen starken Gemeinschaft erhielten 2009 Unterstützung. 35,2 Prozent seien Familien mit sozialen Problemen und 34,4 würden sich wegen Arbeitslosigkeit oder dem Nicht-Erreichen des Minimallohnes an die Behörden wenden. Zudem stiege die Zahl der alleinerziehenden Antragsteller. Experten warnen, dass auch immer mehr Familien der Mittelklasse unter die Armutsgrenze rutschen.

Unterstützung Das Wohlfahrtssystem im jüdischen Staat ist in verschiedene Bereiche eingeteilt: Kindergeld, Arbeitslosenhilfe, Unterstützung für alte und behinderte Menschen sowie Zuschüsse für jene, die nicht für ihr Einkommen sorgen können. Letzteres kann mit dem deutschen »Hartz IV« verglichen werden. Wobei die Zuschüsse in Israel unter denen in Deutschland liegen und nicht für jeden zugänglich sind. Johnny Gal, Vorsitzender des Wohlfahrtprogrammes am Taub-Institut für Sozialpolitik, erklärt: »Obwohl die Unterstützung in einigen Programmen in den letzten Jahren etwas angehoben wurde, liegt sie immer noch unter denen der OECD-Länder und ist im Allgemeinen in der vergangenen Dekade sogar gesunken.« Die gesamten Sozialausgaben beliefen sich 2008 auf 8,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, während sie in europäischen Sozialstaaten durchschnittlich bei mehr als 15 Prozent liegen. »Weil die Unterstützung so begrenzt ist, stellt sie nur in sehr geringem Maße eine Hilfe gegen die großen Unterschiede in der israelischen Gesellschaft und die Armut dar«, fasst Gal zusammen.

Galina weiß, wovon der Mann spricht. Um einigermaßen klarzukommen, teilt sich die 40-Jährige nicht nur mit ihrem Sohn, sondern auch mit den Eltern eine kleine Dreizimmerwohnung im Norden des Landes. Ihr Hochschulabschluss in Bibliothekswesen taugt hier lediglich noch dazu, die Wand zu schmücken. Sie habe versucht, in ihrem Beruf Fuß zu fassen, doch ohne jede Chance. »Es funktionierte einfach nicht, der Mangel an Sprache, die andere Kultur.«

Dabei spricht Galina nahezu perfektes Hebräisch, liest und schreibt ohne Probleme. Dennoch. Heute arbeitet sie als Kassiererin in einem Supermarkt, der Verdienst von etwas über 700 Euro monatlich reicht hinten und vorn nicht. Als Alleinerziehende erhält sie rund 500 Schekel staatliche Unterstützung, etwa 100 Euro, dazu Kindergeld in Höhe von circa 35 Euro. Das ist alles. Kein Wohngeld, keine Erstattung der Nebenkosten, Zuschüsse für Kinderkleidung oder Schulbücher – nichts. Ihre Eltern erhalten jeder 240 Euro Pension der Nationalen Versicherungsanstalt Bituach Leumi.

Kosten Dabei ist das Leben in Israel teuer. Für einen Liter Milch muss man einen Euro berappen, ein Fruchtjoghurt kostet mindestens 70 Cent. Obst und Gemüse hingegen sind relativ preiswert. Da greift Galina zu: »Ich gehe immer kurz vor Schabbatbeginn auf den Markt. Dann werfen die Händler einem die Produkte förmlich hinterher. So kann ich einiges sparen. Fleisch kommt bei uns höchstens einmal die Woche auf den Tisch.«

Auch wenn die Tätigkeit an der Kasse sie geistig nicht befriedigt, ist Galina heilfroh, überhaupt einen Job zu haben. »Wenn jemand seine Arbeit verliert, ist es so, als ob das Ende nah ist. Dann kann man hier regelrecht verhungern.« Arbeitslosengeld wird lediglich für einen Zeitraum zwischen 50 und 150 Tagen gezahlt. Danach erhält eine Familie mit zwei Kindern etwa 460 Euro, das sind rund 30 Prozent des Durchschnittsverdienstes. Zu wenig zum Leben. So kennen viele Israelis heutzutage Hunger. Private Wohlfahrtsorganisationen greifen dort ein, wo der Staat versagt, versorgen immer mehr Menschen. Monat für Monat wird die Zahl der Frühstückspakete für Schüler größer, werden die Schlangen vor den Suppenküchen länger.

Puschkin Galina hofft, nie um Essen anstehen zu müssen. Doch die Angst sitzt im Nacken. »Ich sorge mich vor allem um meinen Jungen, wünsche mir so sehr eine bessere Zukunft für ihn.« Um ihre düsteren Gedanken zu vertreiben, liest sie abends in der Küche auf einem weißen Plastikstuhl ihre Lieblingsautoren: Puschkin, Tschechow und Turgenew. Die Bücher sind X-mal gelesen, die Ecken abgenutzt, die Seiten vergilbt. Nach etwas anderem steht Galina nicht der Sinn. »Wen soll ich denn in diese Enge auch einladen? Ich würde mich in Grund und Boden schämen.« Restaurants, Bars oder Cafés sind für die Frau tabu, zum Ausgehen ist kein Geld da. Galina lacht bitter. »Arm sein tut richtig weh.«

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