Hilfe

Gute Nachbarn

Manchmal ist es nur ein winziger Moment, der einen nicht mehr loslässt. Der Blick eines kleinen Kindes in schäbiger Kleidung, ein vorsichtiges Lächeln. Der Junge, gerade erst genesen, muss wieder zurück in seine Heimat. Dorthin, wo ein grausamer Bürgerkrieg tobt. Er ist Syrer. Der, der ihn anlächelt, ein Soldat aus Israel. Hier, im Feldlazarett der israelischen Armee (IDF) an der Grenze, treffen die beiden aufeinander. Seit drei Jahren leistet die IDF humanitäre Hilfe für Verletzte und Kranke aus Syrien. Mehr als 1500 Menschen sind bis heute im Lazarett und den Krankenhäusern des Landes behandelt worden.

»Am Schlimmsten ist es für mich, wenn wir die Babys wieder zurückschicken müssen«, erzählt Kim Azoulay und schluckt. Die junge israelische Soldatin ist gerade 20 Jahre alt und hat schon viele Verletzte gesehen. Seit vier Monaten leistet sie ihren Wehrdienst als Sanitäterin im Feldlazarett ab. »Die Babys sind so winzig, sie kommen immer mit ihren Müttern. Obwohl sie noch klein sind, sind sie schon verletzt oder sehr krank. Und wenn sie gesund sind, müssen sie wieder ins Kriegsgebiet. Das ist sehr, sehr traurig und schwer für uns alle.«

Für die Soldatin und ihre Kameraden ist es kein leichter Alltag in den Golanhöhen. »Jeden Tag kommt mindestens eine Person zu uns, oft auch zwei oder mehr. Sie haben manchmal schwere Kriegsverletzungen und auch alte Wunden, die schon infiziert sind.« Die Armee erkennt die Belastung der meist sehr jungen Soldaten an und schickt regelmäßig Psychologen in die Basis, die sich der Probleme annehmen. Kim helfen die Gespräche mit den anderen im Team: »Wir reden viel miteinander über das, was wir täglich erleben. Das baut Stress ab.«

Krankenhaus Die Patienten kommen aus allen Bevölkerungsschichten, es sind Junge und Alte, Kämpfer und Kinder. Viele Syrer mit komplizierten Verletzungen werden nach der ersten Versorgung im Lazarett in die Krankenhäuser des Landes geschickt, wo die Ärzte sie mit bester und neuester Technologie gesund pflegen. Erst nach der vollständigen Genesung kehren sie in ihre Heimat zurück.

Neben Kims direkter Tätigkeit als Sanitäterin schult die junge Frau andere Soldaten in Theorie und Praxis für den täglichen Umgang mit den fremden Patienten. Speziell für ihre Arbeit hat sie Grundlagen der arabischen Sprache gelernt. »Ich begrüße die Patienten und frage dann nach medizinischen Details. Oft beginnen sie, mit mir zu reden, doch leider verstehe ich nicht so viel.«

Im Norden Israels leben viele Israelis, die Arabisch sprechen. Vor allem die Drusen dienen in der Armee. Auch im Lazarett sind sie tätig und können mit den Patienten reden. »Das schafft natürlich mehr Vertrauen, wenn sie in ihrer Muttersprache angesprochen werden«, weiß Major Arye Sharuz Shalicar, IDF-Pressesprecher. Kim bestätigt das. »Meine arabischsprachigen Kameraden hören viele Geschichten aus Syrien, die Leute erzählen gern.«

Schokolade Oft findet die Kommunikation ohne viele Worte statt. »Ich merke, dass die Ankommenden anfangs zurückhaltend, vielleicht argwöhnisch sind«, sagt Kim. »Doch das vergeht immer schnell, dann lächeln sie uns an. Sie wissen, dass wir ihnen helfen, und sind unglaublich dankbar dafür, wirklich von ganzem Herzen. Einige Male haben sie mir sogar Schokolade angeboten – Schokolade aus Syrien.«

Israel und der Nachbar im Nordosten befinden sich offiziell im Kriegszustand. Anders als zwischen Jordanien sowie Ägypten und Israel gibt es zwischen den Ländern kein Friedensabkommen. Dennoch leistet die IDF humanitäre Hilfe.

Shalicar erklärt, warum: »Es geht um Menschenleben. Wir können nicht so tun, als ob diese Situation an unserer Grenze nicht existiert. Helfen ist unsere moralische Pflicht.« Den Vorwurf des Assad-Regimes, Israel wolle sich auf diese Weise in den Bürgerkrieg einmischen, weist Shalicar zurück. »Wir sind kein Teil des Konfliktes. Fakt ist nur, dass wir im Nahen Osten in einer sehr komplizierten Nachbarschaft leben.«

Man habe schließlich nicht darum gebeten, dass die Leute kommen, oder einen Aufruf gestartet. Das Lazarett habe sich aus reiner Notwendigkeit ergeben. Täglich stehen Menschen am Zaun und betteln darum, hineingelassen zu werden. Sie sind verwundet, haben kranke Kinder auf dem Arm und keine andere Hoffnung als Israel. Natürlich habe sich die Nachricht von der guten Behandlung mittlerweile auf den syrischen Golanhöhen wie ein Lauffeuer verbreitet, ist Shalicar sicher. »Auf der anderen Seite gibt es keine einzige Stelle, die medizinische Versorgung leisten kann wie wir. Und so kommen die Menschen lieber zu uns, als nach Damaskus zu gehen.«

Waffen Die israelischen Soldaten, die an der Grenze patrouillieren, sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. »Wir können ihnen nicht sagen: ›Ignoriert das Leid dieser Menschen, schickt sie weg.‹ Das geht doch nicht.« Also baute die IDF im Februar 2012 das Lazarett, nachdem der Krieg in Syrien bereits etwa ein Jahr lang im Gange war und immer mehr Verletzte an Israels Grenze um Hilfe baten. In zehn Behandlungszimmern sind sämtliche Geräte vorhanden, um Notfälle zu versorgen. »Tatsächlich hat das Team hier schon einige Dutzend Male Leben gerettet.«

Natürlich stelle man sicher, dass die Leute keine Waffen bei sich tragen, wenn sie auf israelischen Boden kommen. »Doch sonst fragen wir nichts«, macht der Pressesprecher klar. »Wir wissen nicht, welcher Fraktion sie angehören, welche Religion oder Weltsicht sie haben oder woher sie stammen. Für die Mediziner spielt das keine Rolle. Es sind einfach Menschen, die Hilfe benötigen.«

Wandel Besonders jene, die zu Beginn der Hilfsaktion kamen, seien verunsichert gewesen. »Sie dachten, jenseits der Grenze leben ganz böse Menschen, regelrechte Monster. So sind sie von klein auf indoktriniert worden.« Syrische Patienten bestätigen das. Ein Mann sagte nach seiner Behandlung in einem israelischen Krankenhaus: »Wir dachten, die Israelis seien Teufel, das wurde uns immer gesagt. Aber jetzt sehen wir, dass es ganz normale Menschen sind. Gute Menschen. Sie sind sogar die einzigen, die uns helfen, wenn wir in Not sind.«

Kim ist stolz auf ihre Arbeit mit den Nachbarn aus Syrien und sicher, dass sie und ihre Kameraden neben der Ersten Hilfe noch etwas Größeres leisten. »Ich sehe es in den Gesichtern unserer Patienten. Die Betreuung in Israel verändert etwas in ihnen. Hass und Verunsicherung weichen. Ich glaube fest daran, dass diese Arbeit für die Beziehung unserer beiden Länder sehr positiv ist und in der Zukunft vielleicht sogar die Feindschaft beenden kann.«

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