Tel Aviv

Grünes Licht für die Rote Linie

Lange konnten sie nur von draußen hereinschauen, wenn sich die weißen Wagen elegant bei Testfahrten durch die Stadt schlängelten. Doch in den nächsten Tagen sollen die Israelis einsteigen dürfen. Nach mehrfachen Startverschiebungen hat die Rote Linie grünes Licht bekommen. Die U-Bahn von Tel Aviv düst los.

Dabei hätte sie schon Ende 2022 »endgültig« bereit zur Abfahrt sein sollen, wie das Verkehrsministerium damals ankündigte. Doch Probleme mit dem Signalsystem und bei der Fertigstellung von Haltestellen verschoben das Datum immer wieder. Die Rote Linie ist das Herzstück der Zentrumsverbindung. Auf 24 Kilometern kommt sie aus Petach Tikwa im Nordosten, fährt über Bnei Brak und Ramat Gan, dann durch Tel Aviv und endet in Bat Jam im Süden. Elf der Tel Aviver Stationen verlaufen unterirdisch.

Lange haben die Städter darauf gewartet. »Ein neues Verkehrssystem im Zentrum ist längst überfällig«, meint Amit Shoshan, die täglich aus dem Vorort Ramat Hascharon zur Arbeit in die Stadt fährt. »Weil es keine Alternative gibt, immer mit dem Auto, immer durch den Stau.« Manchmal brauche sie für die Strecke von rund zehn Kilometern fast zwei Stunden.

ballungsraum »In Tel Aviv ist überall Verkehrschaos, ein ausgeklügeltes Verkehrssystem für den Ballungsraum Gusch Dan war absolut notwendig«, meint die Angestellte einer Bank. »Allerdings nicht erst seit ein paar Monaten, sondern mindestens seit zwei Jahrzehnten.« So lange dauerte es tatsächlich, bis das Vorhaben für eine Stadtbahn in die Tat umgesetzt wurde. Die Planung war bereits Anfang der 2000er abgeschlossen, doch es sollte noch einmal 15 Jahre dauern, bis die Baugeräte schließlich anrückten. Shoshan will ihr Auto künftig stehen lassen und nur noch mit der Bahn fahren.

Die Rote Linie des Tel Aviv Light Rail, wie die U-Bahn mit offiziellem Namen heißt, ist der erste Teil des Nahverkehrssystems für die Metropolregion, die es vor allem Pendlern aus den Vororten im Norden und Süden ermöglichen soll, ihre Ziele schneller und effizienter zu erreichen. Es wird erwartet, dass das System aus ober- und unterirdischen Bahnen die Staus zumindest größtenteils beseitigt. Bislang fuhren im öffentlichen Nahverkehr der Stadt nur Linienbusse und Sammeltaxis.

Die Rote Linie ist das Herzstück der Zentrumsverbindung.

So sagen Experten bereits voraus, dass die Waggons sehr überfüllt sein werden, viel mehr, als in Schätzungen angenommen. Statt den zunächst errechneten 440 Passagieren sollen angeblich 700 pro Zugfahrt einsteigen. Ein Stadtbahnzug verfügt über zwei Waggons mit einer Kapazität für 440 Fahrgäste, von denen 30 Prozent sitzen können, der Rest steht.

auslastung Nach Angaben der Betreiberfirma NTA soll der Erstbetrieb mit einer 60-prozentigen Auslastung laufen. Zunächst fahre alle sechs statt der vorhergesagten drei Minuten ein Zug, in Bat Jam im Süden und in bestimmten Teilen von Petach Tikwa sogar nur alle zehn. Außerdem, geben die Planer an, werde die Nachfrage wohl noch höher ausfallen, da entlang der Strecke der Roten Linie viele neue Bürogebäude entstanden sind.

Nach der Fertigstellung wird das Stadt- und U-Bahn-Netz Gusch Dans aus den drei Light Rails, der roten, violetten und grünen Linie bestehen, sowie der gelben, blauen und orangefarbenen Metro-Linie mit mehreren Hundert Haltestellen. Letztere binden unter anderem auch die nördlichen Vororte Raanana und Kfar Saba an Tel Aviv sowie an Rischon LeZion, Rechovot, Lod, Ramle und den Flughafen Ben Gurion im Süden an.
Wann das Komplettnetz fertig sein wird, ist noch unklar.

Fest steht jedoch, dass es Jahre dauern wird. Auch ist nicht sicher, ob der Tel Aviv Light Rail am Schabbat verkehren darf. Die ehemalige Verkehrsministerin Merav Michaeli von der Arbeitspartei hatte der Bevölkerung versprochen, »mit aller Kraft dafür zu arbeiten«, die rechts-religiöse Regierung in Jerusalem jedoch sieht sich dem in keiner Weise verpflichtet.

Das System soll die Staus zumindest größtenteils beseitigen.

Allerdings ist die Zahl der Israelis, die in den vergangenen Jahren während des jüdischen Ruhetags alternative Formen öffentlicher Verkehrsmittel nutzen, auf durchschnittlich 50.000 pro Schabbat angewachsen. Weder Buslinien noch Eisenbahnen verkehren zwischen Freitag- und Samstagabend, sodass viele säkulare Bürger des Landes über das Wochenende keine Reisemöglichkeiten haben.

transportdienst Nach Angaben der Interessenvertretung »Be Free Israel« betreiben derzeit 13 Gemeinden kostenlose öffentliche Verkehrsprojekte für den Schabbat. »Naim on the Weekend«, was so viel wie »angenehmes Wochenende« heißt, ist der umfangreichste und größte Schabbat-Transportdienst, betrieben von der Stadtverwaltung Tel Aviv-Jaffa. Mehrere Nachbargemeinden haben sich »Naim on the Weekend« angeschlossen. Am kommenden Schabbat tritt auch die Kleinstadt Nes Tziona dem Projekt bei.

Während sich säkulare Israelis oft darüber beschweren, dass mangelnde Transportmöglichkeiten am Schabbat eine Diskriminierung darstellen, argumentieren ultraorthodoxe Politiker, dass öffentliche Verkehrsmittel gegen biblische Gesetze verstoßen und die jüdische Identität des Staates verletzen. Die Großstadt Haifa ist aufgrund ihrer Geschichte und ihres Status quo als gemischte jüdische und arabische Stadt bislang die einzige, die am Schabbat reguläre öffentliche Verkehrsmittel anbietet.

Ob sie letztlich am Schabbat fahren wird oder nicht – eindeutig ist in jedem Fall, dass die Israelis lange und geduldig auf ihre erste U-Bahn gewartet haben und nun endlich einsteigen wollen.

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