Mobilität

Geistertaxis in Tel Aviv

Bald nicht mehr Science-Fiction: fahrerlose Autos in der Mittelmeermetropole Foto: Flash90

Weder Schlomi noch Mosche oder Avi sitzen hinter dem Lenkrad. Und trotzdem kommt das Taxi, wenn man es ruft. Es ist fahrerlos. Das wird bald nicht mehr Science‐Fiction sein, sondern Realität auf den Straßen in Israel. Volkswagen will gemeinsam mit der israelischen Firma Mobileye und dem Autoimporteur von VW in Israel, Champion Motors, Fahrzeuge auf die Straßen bringen, die als Taxi fungieren – allerdings ohne Fahrer darin.

Es wird der erste Service dieser Art in Israel sein. Starten soll das Projekt bereits Anfang 2019. Das verkündeten die Unternehmen auf der Mobilitätskonferenz, die vor Kurzem in Tel Aviv stattfand. »Die neue Mobilität in Israel wird in Phasen ausgerollt und schnell von einigen Dutzend auf Hunderte von selbstfahrenden elektrischen Fahrzeugen anwachsen«, erklärten die Unternehmen gemeinsam, die dafür ein Joint Venture bilden wollen.

INFRASTRUKTUR Und das alles mit Unterstützung der Regierung. Die hat zugesagt, in drei wesentlichen Bereichen mitzumachen: bei der Bereitstellung der benötigten Daten und Infrastruktur, bei gesetzlichen Vorgaben sowie beim Zugang zur Infrastruktur für die beteiligten Firmen. Premier Benjamin Netanjahu, der die Schirmherrschaft für die Konferenz »Smart Mobility 2018« übernommen hatte, scherzte, dass Israel sich ja selbst einmal im Autobau versucht hatte. »Beim Susita wusste man nicht, ob er plötzlich anhielt oder gleich ganz auseinanderfiel. Wir sind grandios gescheitert, weil wir einfach nicht mit den Großen mithalten konnten, weder beim Chassis noch beim Motor oder den Reifen.«

Im Januar soll es losgehen – mit Unterstützung der Regierung.

Doch heute, wo das Auto zu einem Computer auf Rädern geworden ist, führte er weiter aus, »können wir mithalten«. Der Regierungschef hob die Errungenschaften der heimischen Industrie hervor. »Israel ist eines von zwei oder drei großen Zentren für diese neue Technologie in der Welt geworden.

Alles dreht sich um Big Data, Konnektivität, Künstliche Intelligenz und die Verknüpfung dieser drei.« Volkswagen stellt die elektrischen Vehikel, Mobileye, lokaler Entwickler von Fahrzeugkameras und gesteuerten Fahrhilfen, stattet sie mit der Sicherheitstechnologie für führerlose Wagen aus, und Champion verwaltet Wagen sowie Kontrollzentrum. Das Projekt trägt den Namen MaaS (Mobility as a Service – Mobilität als Service).

SICHERHEIT »Wir sind begeistert, mit einem weltführenden Automobilhersteller zu kooperieren, um einen transformativen Mobilservice anzubieten«, sagt Amnon Shashua, Geschäftsführer von Mobileye. »Unsere Dienstleistung will auf intelligente und dynamische Weise auf die urbanen Fortbewegungsbedürfnisse des 21. Jahrhunderts eingehen und dabei die sozialen Kosten wie Luftverschmutzung, Lärm, Staus und Sicherheit berücksichtigen.«

Herbert Diess, VW‐Konzernchef, freut sich auf die Partnerschaft mit den lokalen Unternehmen. Er ist überzeugt, »dass selbstfahrende Fahrzeuge in Israel und in Städten der ganzen Welt sichere, saubere und emissionsfreie Mobilität bieten werden, die leicht zugänglich und bequem ist«.

Sivan Cohen, Studentin aus Herzlija, glaubt allerdings, dass es dafür zu früh ist. »Die Technologie steckt in den Kinderschuhen und ist noch nicht ausgereift. Ich denke, sie sollte zuerst einige Jahre lang in Privatwagen, mit dem Fahrer anwesend, getestet werden. Zur Beförderung von Menschen halte ich sie noch nicht für sicher genug. Auch die ethischen Fragen sind nicht komplett geklärt. Ich würde mich heute noch nicht in solche Fahrzeuge setzen.«

»Ich finde, diese Art von Taxis sollte nur ergänzend genutzt werden«, meint David Tahan, Unternehmer aus Tel Aviv, »in ländlichen Gegenden, wo wirklich Bedarf besteht, und zu Zeiten, in denen ein Mangel an Taxis herrscht.« Der Chef einer Start‐up‐Firma in Rosch Ha‐Ayin, rund 20 Kilometer nördlich des Zentrums gelegen, etwa findet oft kein Taxi, wenn er abends eines für Besucher seines Unternehmens bestellen will. »Da wäre es gut, wenn es mehr gäbe.«

Viele Taxifahrer – und ihre Kunden – wehren sich gegen die Pläne.

Einen vollständigen Ersatz der normalen Taxis aber würde er nicht gerne sehen. »Ich finde, das ist nicht zu vertreten. Schließlich reden wir hier über Menschen und ihre Jobs. Außerdem gehören die Taxifahrer zum Flair der israelischen Großstädte wie Tel Aviv und Jerusalem. Wer unterhält sich nicht gern mit ihnen über das Wetter oder debattiert über die israelische Politik? Ich mache das regelmäßig. Mir würde etwas fehlen, wenn niemand mehr auf dem Fahrersitz sitzt und ich stattdessen auf einen Bildschirm starre.«

ROBOTER Die Taxifahrer selbst dürften sich über ihre Hightech‐Kollegen auch nicht besonders freuen. Bislang hatten sie erfolgreich Stimmung gegen die Einführung von Uber und Lyft in Israel gemacht und verhindert, dass die neuartigen Ride‐Sharing‐Systeme ins Land kommen. Taxifahrer Eli Gur aus Tel Aviv will sich das hypermoderne Szenario gar nicht ausmalen. »Ich fahre an sieben Tagen die Woche Menschen durch die Gegend, mit denen ich mich unterhalte.

Zweimal die Woche bringe ich eine 85‐jährige Dame zum Arzt, hole sie zu Hause ab, setze sie ins Auto, geleite sie ins Wartezimmer und wieder zurück. Währenddessen reden wir. Ich kenne ihre ganze Lebensgeschichte, all ihre Kinder und Enkel leben im Ausland. Mit wem würde sie sonst reden – mit einem Roboter?«

»Es geht um unser Leben, nicht nur darum, es anderen bequemer zu machen oder Geld in die Taschen von großen Firmen zu schaufeln«, echauffiert sich Gurs Kollege Motti Nathaniel. »Wir leben vom Fahren, das ist unser Job, damit ernähren wir unsere Familien. Wir bieten den besten, sichersten, zuverlässigsten Dienst in Israel, den man sich nur vorstellen kann. Und dazu jede Menge Menschlichkeit.«

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