Arbeitsschutz

Gefahr auf dem Gerüst

Die Baustellen des Landes zählen zu den unsichersten der westlichen Welt – das soll sich ändern

von Lissy Kaufmann  21.08.2017 19:44 Uhr

In diesem Jahr starben bereits 21 Bauarbeiter bei Unfällen. Foto: Flash 90

Die Baustellen des Landes zählen zu den unsichersten der westlichen Welt – das soll sich ändern

von Lissy Kaufmann  21.08.2017 19:44 Uhr

Der vergangene Donnerstag klingt nach einem schwarzen Tag der israelischen Bauindustrie: Um 8 Uhr 30 fällt der 40-jährige Guangqing vom fünften Stock einer Baustelle in Rosh Haayin. Eine Stunde später wird Mahagna, 44 Jahre alt, von einer Zugmaschine überfahren, dessen Fahrer er auf einer Baustelle nahe der Hof-HaSharon-Kreuzung einweist. Und um 13 Uhr 30 fällt der 16-jährige Amara von einem einstürzenden Gerüst in Nahariya. Alle drei Bauarbeiter sterben innerhalb von fünf Stunden.

Doch es ist nicht der einzige schwarze Tag der Baubranche, den Israel in den vergangenen Monaten und Jahren erlebt hat. In einem Bericht des TV-Senders Kan erklärt die Ärztin Esti Dahan vom Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv, dass kaum eine Woche vergehe, in der nicht ein Bauarbeiter in die Intensivstation eingeliefert werde, der irgendwo heruntergefallen ist oder auf den etwas Schweres gefallen ist.

Boom In diesem Jahr sind in Israel bereits 21 Menschen auf Baustellen ums Leben gekommen. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 49, hinzu kamen 145 Schwerverletzte. Das sind die Zahlen, die die »Gruppe zur Bekämpfung von Bauunfällen« in Kooperation mit Magen David Adom zusammengestellt hat. Die Gruppe, bestehend aus einzelnen Aktivisten sowie aus Organisationen wie Kav LaOved, einer Arbeiterorganisation, ist entstanden, nachdem bereits im November 2015 in einer Woche fünf Arbeiter bei Unfällen auf dem Bau starben. Seither richtet sich der Blick der Öffentlichkeit verstärkt auf die Baustellen des Landes.

Und davon gibt es zahlreiche: Die Baubranche boomt, in fast jeder Stadt entstehen neue, riesige Gebäude. Wohnraum ist gefragt, die Bevölkerung wächst, laut Berechnungen des Zentralen Statistikbüros bis Ende 2040 auf 13,2 Millionen. Und so gibt es in Israel derzeit rund 13.700 Baustellen. »Das sind die offiziellen Zahlen. Hinzu kommen noch einige, die gar nicht registriert sind«, erklärt Einat Podjarny von Kav LaOved. Doch die neuen Wohnungen haben ihren Preis. Vor fast genau einem Jahr berechneten sogar das Wirtschaftsministerium und das Nationale Versicherungsinstitut, dass Israel zu den westlichen Ländern mit der höchsten Zahl an tödlichen Arbeitsunfällen zählt: Im Jahr 2015 seien 54 Menschen bei der Arbeit ums Leben gekommen, 34 davon auf Baustellen.

Sind die Sicherheitsregulierungen in Israel schlicht zu gering? Nicht unbedingt, sagt Einat Podjarny. Verbesserungsbedarf gebe es zwar immer, das Problem sei zunächst aber, dass die bereits bestehenden Sicherheitsregulierungen schlicht nicht angewandt werden. »Es darf nicht passieren, dass jemand auf einer Baustelle herunterfällt. Fast alle Unfälle hätten vermieden werden können, wenn die Sicherheitsbestimmungen eingehalten würden.« Die Mehrheit der Unfälle sind Stürze.

Kosten So seien etwa viele Arbeiter nicht dafür ausgebildet, in Höhen zu arbeiten; zum Teil fehlen Sicherheitsbarrieren, und manche Arbeiter balancieren ungesichert auf Balken in mehreren Metern Höhe. »Der Wunsch, Kosten zu senken und den Bau schnell abzuschließen, führt zu Unachtsamkeit und zu Tragödien«, kritisierte auch der Knessetabgeordnete Eli Alalouf von der Partei Kulanu die Baubranche. Einat Podjarny geht noch weiter: »Auf den Baustellen geht es zu wie im Wilden Westen, manchmal arbeiten auf einer Baustelle 20 Firmen und 100 verschiedene Arbeiter, sie kennen sich untereinander nicht, da weiß der eine nicht, wer den Kran lenkt. Und keiner hat die Autorität, das alles zusammenzuhalten.« Die Gruppe, die gegen die Unfälle auf Baustellen kämpft und in der auch Kav LaOved vertreten ist, arbeitet mit Freiwilligen, die die Baustellen beobachten.

Das Problem sei, dass vor allem marginalisierte Gruppen auf dem Bau arbeiteten, so Podjarny: Palästinenser, arabische Israelis und ausländische Arbeitskräfte. Die meisten der Verunglückten gehören einer dieser Gruppen an. Sie sind oft auf die besser bezahlten Jobs in Israel angewiesen, trauten sich nichts zu sagen oder wüssten schlicht nicht, dass es eigentlich Sicherheitsvorkehrungen geben müsste.

Das Argument der Bauunternehmer: Die Arbeiter halten sich nicht an die Vorschriften. »Wir sagen ständig, sie sollen Helme tragen, sie tun es aber nicht«, sagt ein Vorarbeiter in einem Fernsehbericht. Das Argument kennt auch Einat Podjarny: »Klar, es fehlt eine Kultur der Sicherheit.« Doch es seien nicht die Bauarbeiter, sondern die Bauunternehmen, die dafür sorgen müssten, diese zu entwickeln und die Arbeiter dazu zu bringen, die Standards einzuhalten.

Es fehlt also wiederum an einer Überwachung der Bauunternehmen. Zwar schickt die Sicherheitsbehörde, die dem Arbeitsministerium untersteht, Kontrolleure, doch es sind gerade mal 19 für 13.700 Baustellen. »Sie verdienen nicht viel und bekommen noch nicht einmal ein Auto zur Verfügung gestellt, um zu den Baustellen zu fahren«, bemängelt Podjarny.

Politik Immerhin hat auch die Politik mittlerweile erkannt, dass es so nicht weitergeht. So wurde vergangenes Jahr beschlossen, dass Baustellen, auf denen ein schwerer oder gar tödlicher Unfall passiert ist, mindestens 48 Stunden lang geschlossen werden müssen. In dieser Zeit können Kontrolleure und Polizisten die Baustelle inspizieren und Bauunternehmen auffordern, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Ob das dann auch getan wird, ist fraglich. Einat Podjarny verweist hier wieder auf die mangelnde Anzahl der Kontrolleure.

Und wer gegen die Sicherheitsstandards verstößt, soll zukünftig bestraft werden, verkündet das Arbeitsministerium. Ab Januar 2018 müssen Bauunternehmer umgerechnet bis zu 8000 Euro Strafe zahlen. Außerdem, teilt das Ministerium mit, wird daran gearbeitet, dass Arbeitgeber, die gegen Sicherheitsvorkehrungen verstoßen, zukünftig höhere Beiträge an das Nationale Versicherungsinstitut zahlen müssen, damit die Kosten für Kompensationen bei Unfällen nicht wie bisher allein zulasten der Steuerzahler gehen. Und diese Kosten, so berichteten Medien, lagen bisher bei umgerechnet über einer Milliarde Euro im Jahr.

Doch diese neuen Regulierungen werden nicht viel bringen, wenn es niemanden gibt, der Verstöße aufdeckt. Dessen ist sich auch Arbeitsminister Chaim Katz bewusst. Vor rund einem Jahr habe er einen Antrag gestellt, um das Gehalt für Kontrolleure zu erhöhen und damit neue Arbeitskräfte zu finden, um die 22 offenen Stellen zu füllen. »Aber es geht nichts voran, und kein Ingenieur ist bereit, für 5000 Schekel im Monat zu arbeiten – zu Recht. Ohne bessere Arbeitsbedingungen für Kontrolleure wird sich die Sicherheit auf Baustellen nicht verbessern.«

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